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Donnerstag, 20.04.2017

Als die DDR-Jugend am Rad drehte

Ein Amerikaner fasst die leidvolle Geschichte der Punks im Osten zusammen. Und er macht das richtig gut.

Von Andy Dallmann

Ein bisschen Freiheit im Freizeitpark: Für die Punks der DDR war das Riesenrad im Berliner Plänterwald Mitte der 80er-Jahre der Treffpunkt schlechthin. Dort blieben sie zumindest eine Zeit lang von Übergriffen durch Stasi, Volkspolizei oder Skinheads verschont.
Ein bisschen Freiheit im Freizeitpark: Für die Punks der DDR war das Riesenrad im Berliner Plänterwald Mitte der 80er-Jahre der Treffpunkt schlechthin. Dort blieben sie zumindest eine Zeit lang von Übergriffen durch Stasi, Volkspolizei oder Skinheads verschont.

© Ostkreuz/Hauswald

Wie blind die DDR-Polizei auf dem rechten Auge war, haben möglicherweise viele vergessen und noch mehr einst gar nicht wahrhaben wollen. Da ist es äußerst verdienstvoll, dass Tim Mohr diese spezielle Schattenseite des real existierenden Sozialismus in einem knackig geschriebenen 560-Seiter beleuchtet. Alle, die in den 80er-Jahren auch nur einen Punk flüchtig kannten, brauchen zwar kaum eine Auffrischung ihrer Erinnerungen, doch Mohrs Buch hilft selbst den Wissenden bei der Vervollständigung des Bildes. Wer bei diesem Thema gänzlich unbeleckt ist, könnte flugs das Gruseln lernen.

Dabei bekommt der amerikanische Autor und Journalist, den es als DJ 1992 aus Abenteuerlust nach Berlin verschlagen hatte, sogar das Kunststück hin, weder mit Schaum vorm Mund abzurechnen noch etwas kleinzuschreiben. Für beides hat er zu viel Abstand, zugleich aber genug unverstellte Neugier. Ein Glücksfall bei diesem Thema. So lässt Mohr in erster Linie sauber in Stasi-Akten und bei Augenzeugen-Gesprächen gesammelte Fakten für sich sprechen. Die brauchen auch keinerlei zusätzliche Kommentierung. Wer nach der Lektüre dieses Buches die Verlogenheit des SED-Systems nicht als solche anerkennt, lässt sich halt durch nichts die ideologisch verklebten Augen öffnen.

Anhand von Einzelschicksalen beschreibt Mohr weitgehend chronologisch, wie sich die Szene in den Siebzigern nach der ersten Infektion mittels aus dem Westen eingeschmuggelter Zeitungsausschnitte und Platten aufbaute, allmählich zu einer verschworenen Widerstandsbewegung entwickelte, nach dem Mauerfall Richtung Techno schwenkte und den neuen Berlin-Mythos mitbegründet hat.

Kampf an zwei Fronten

Präzise analysiert Mohr, was die Punks in der DDR von den Punks im Westen unterschied – zuallererst schon mal die Grundhaltung. Zog man jenseits der Mauer mit dem Slogan „No Future“ ins Feld, hieß es zwischen Zingst und Zittau dagegen: „Too Much Future“. Gegen ihre bis ins Detail durchgeplante wie reglementierte Zukunft im Arbeiter-und-Bauern-Staat rebellierten zunächst nur wenige, indem sie sich Sicherheitsnadeln durch die Ohrläppchen stachen, die Jeans zerfetzten und die Haare gen Himmel bürsteten. Doch das allein reichte schon aus – noch ein wesentlicher Unterschied zum Westen –, um die Staatsmacht zu mobilisieren. Die, so Mohrs These, mit ihrer von Anfang an völlig überzogenen Härte gegenüber den Punks zugleich begann, sich das eigene Grab zu schaufeln.

Wer 14-Jährige, die einfach nur Lust auf ein etwas anderes Outfit haben, 24 Stunden lang grundlos in eine Zelle sperrt, verprügelt, verhört und wieder verprügelt, der darf sich nicht wundern, wenn sich diese an sich harmlosen 14-Jährigen politisieren und versuchen, das System, das sie quält, hinwegzufegen. Wollten die meist blutjungen DDR-Punks eigentlich nur ihre Musik hören, feiern und aus dem allgemeinen Trott ausscheren, machte erst der massive Druck sie zu Kämpfern.

Bald standen sie an zwei Fronten gleichzeitig unter Feuer: Gnadenlos verfolgt von Polizei und Stasi, fielen Mitte der 80er auch immer häufiger Nazi-Schläger über sie her. Die Schutzorgane des ach so antifaschistischen Staates fühlten sich keineswegs bemüßigt, die „Sieg Heil!“ brüllenden Horden zu bremsen. Im Gegenteil. Man sah interessiert und tatenlos zu, wie die ordentlich gekleideten und tagsüber brav arbeitenden Jugendlichen es diesem asozialen Abschaum mal so richtig besorgten.

Während die Skinheads nach ihren Überfällen unbehelligt – selbstverständlich mit einem zünftigen Hitlergruß zum Abschied – davonziehen durften, wurden ihre Opfer, die vor sich hin blutenden Punks, verhaftet. Keine Ausnahme, sondern Regel. Auch Sven Regener und seine Bandkollegen von Element Of Crime werden kaum vergessen haben, was am 17. Oktober 1987 nach ihrem Auftritt in der Berliner Zionskirche abging. Wie Konzertbesucher unter den Augen eines großen Polizeiaufgebotes von Nazi-Skins verprügelt wurden. Blöd nur, dass sich diese massive Attacke nicht wie üblich unter den Teppich kehren ließ. Flugs schob man die Schuld angeblichen Rädelsführern aus dem Westen zu.

Was Mohr exemplarisch beschreibt, lief so ähnlich in allen Städten der DDR ab. Zuflucht fanden die Punks damals in etlichen Kirchgemeinden, wo sie Konzerte organisieren, sich treffen und mit Umweltgruppen sowie anderen Dissidenten verzahnen konnten.

Die Wege einiger Punks verfolgt Mohr sehr konsequent bis übers Ende der DDR hinaus, bei anderen bricht er jäh in der Biografie ab, ohne das zu begründen. Anderes schreit förmlich nach Straffung: Obwohl es für das jeweilige Opfer natürlich furchtbar war, stumpft der Leser spätestens nach der zehnten Beschreibung von Stasi-„Maßnahmen“ ab. Nüchtern hält der Autor dafür aber auch fest, wie sich Schlüsselfiguren von der Stasi anwerben ließen und wie die Szene schließlich ihre Nische sogar im offiziellen Kulturbetrieb bekam. Als die sogenannten anderen Bands offiziell auch Punk spielen durften, rettete das nichts mehr. Wenig später war die DDR Geschichte, die DDR-Punks waren es noch lange nicht.

Tim Mohr, Stirb nicht im Warteraum der Zukunft – Die ostdeutschen Punks und der Fall der Mauer. Heyne Verlag, 560 Seiten, 19,99 Euro.

Die Lesung: Gemeinsam mit Brezel Göring von Stereo Total präsentiert Tim Mohr sein Buch am 25.4. ab 20 Uhr in der Schauburg, DD. Kartentel. 0351 8032185.

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