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Donnerstag, 14.09.2017

Kreische attackiert Geyer

Dynamos Duell mit den Bayern im Europapokal – eine Geschichte mit aktueller Brisanz. Über die glorreichen Zeiten wurde bei „1953 – der Dresdner Fußballtalk“ geplaudert.

Von Sven Geisler

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Ein Zweikampf, der auch fast 44Jahre danach noch für Diskussionen sorgt: Dynamos Eduard Geyer (r.) sollte Bayern-Star Uli Hoeneß stoppen. Doch das klappte im Rückspiel des Europapokal-Duells der deutschen Meister aus Dresden und München alles andere als gut. Hans-Jürgen Kreische ärgert sich darüber immer noch.
Ein Zweikampf, der auch fast 44 Jahre danach noch für Diskussionen sorgt: Dynamos Eduard Geyer (r.) sollte Bayern-Star Uli Hoeneß stoppen. Doch das klappte im Rückspiel des Europapokal-Duells der deutschen Meister aus Dresden und München alles andere als gut. Hans-Jürgen Kreische ärgert sich darüber immer noch.

© imago

Die Geschichte ist noch lange nicht auserzählt. 98-mal hat Dynamo Dresden im Europapokal gespielt, am nächsten Mittwoch ist das Debüt genau 50 Jahre her: Am 20. September 1967 gab es ein 1:1 gegen die Glasgow Rangers, 40 000 Zuschauer waren im Heinz-Steyer-Stadion dabei. Daran erinnert die Sportgemeinschaft beim nächsten Heimspiel gegen Arminia Bielefeld, die Spieler und Betreuer von damals sind eingeladen, natürlich auch Dieter Riedel, der Dynamos erstes Tor in einem internationalen Wettbewerb erzielte.

Über die glorreichen Zeiten wurde am Dienstagabend bei „1953 – der Dresdner Fußballtalk“ geplaudert. Als Zeitzeuge auf dem Podium: Hans-Jürgen Kreische. Er erzählt launig vom Kinobesuch, der auf den Westreisen „immer Tradition“ gewesen sei. Es habe zwei Gruppen gegeben, die einen hätten Western, die anderen Pornofilme geschaut. Wer die erotischen Streifen bevorzugte, behält er für sich. „Also, Walter Fritzsch war es nicht.“

Dafür gibt Kreische dem Trainer „eine ganz große Schuld“ am Ausscheiden gegen den FC Bayern im November 1973. Es wurmt ihn, dass dieses Duell der deutschen Meister aus Ost und West beim Rückblick verklärt wird. Dynamo hatte das Hinspiel in München 3:4 verloren, das 3:3 zu Hause reichte nicht. „Wir sind auf eine Mannschaft getroffen, die zu der Zeit aber so was von wacklig war. Die hatten ein paar Tage vorher in Kaiserslautern 3:7 verloren“, erinnert er sich. „Ich kann damit nicht leben, wenn man das als klasse Spiel hinstellt.“

Kreische belässt es diesmal nicht bei der allgemeinen Kritik am damaligen Meistercoach Fritzsch, zu dem er ein gestörtes Verhältnis hatte. Er erhebt konkrete Vorwürfe. „Es wurden Spieler eingesetzt, die nichts zu tun hatten mit Europapokal“, sagt Kreische – und nennt einen Namen: Eduard Geyer. Viermal sei ihm Uli Hoeneß in der ersten Halbzeit davongelaufen, der heutige Bayern-Präsident erzielte zwei Tore.

Geyer hat das mit der insgesamt zu offensiven Ausrichtung erklärt. „In der Meisterschaft war es unsere Tugend, munter drauflos zu spielen“, sagte er in einem Gespräch mit der SZ. „Aber die Bayern waren ein anderes Kaliber als die Gegner in der Oberliga. Das hätten wir spätestens merken müssen, als es vor den Gegentoren schon zweimal lichterloh brannte.“

Jetzt der späte Kreische-Angriff auf offener Bühne: „Eduard Geyer wurde gebracht, aber der erfahrene Klaus Sammer, der die Drecksarbeit für den Libero Dixie Dörner gemacht hat, auf die Bank gesetzt. Warum? Weil er nicht so linientreu war wie Geyer, der übrigens auch als IM Jahn bekannt ist. Der sollte wahrscheinlich unbedingt spielen, weil er eben den Klassenkampf besser angenommen hat als Sammer, der das ganze Gegenteil war zu Geyer und auch mal eine eigene Meinung hatte.“

Starker Tobak. Es irritiert dabei, dass Kreische Geyers inoffizielle Mitarbeit für die Staatssicherheit jetzt in diesem öffentlichen Forum anprangert. Diese war kurz nach der Wende publik geworden und ist auch ein Kapitel in Dynamos Europapokalgeschichte. September 1971, Hinspiel bei Ajax Amsterdam, mit dem 0:2 sind die Dresdner gut bedient. Ajax-Profi Horst Blankenburg, der aus Heidenheim stammte, lädt in die Piccadilly-Bar ein. Außer Riedel, der in seinen 24. Geburtstag hinein feiert, sind Torwart Peter Meyer, Frank Ganzera und eben Geyer mit bei der Party.

„Unmittelbar danach hat man mir gedroht, mich aus dem Verein und der Hochschule auszuschließen. Dabei hatte ich mein Sportstudium in Leipzig erst begonnen“, erklärte Geyer im Jahr 2000, als seine Stasi-Kontakte nach dem Aufstieg in die Bundesliga als Trainer mit Energie Cottbus medial noch einmal thematisiert wurden. In seiner Verpflichtungserklärung hatte er geschrieben: „Ich sehe in dieser Zusammenarbeit eine Möglichkeit, mein fehlerhaftes Verhalten wieder gutzumachen.“ Meyer, der noch später als die anderen ins Mannschaftsquartier kam, wurde für Einsätze in der Oberliga gesperrt, ihm wurde die Absicht zur Republikflucht unterstellt.

Einstige Mitspieler von Geyer, die ihre Akte eingesehen haben, fanden „im Prinzip belanglose Sachen“, wie Rainer Sachse einst sagte. Geyer hatte bereits 1992 im Nachrichtenmagazin Der Spiegel eingeräumt, manchmal „etwas leichtfertig“ erzählt zu haben. „Die Gespräche mit den Stasi-Offizieren gingen selten in die Tiefe, da hat man schon mal sehr flüchtig geurteilt“, sagte er damals. „Deshalb kann ich mich von Schuld nicht freisprechen. Im Nachhinein ist es beschämend.“

Von der Attacke seines einstigen Mitspielers ist Geyer überrascht und will sich dazu auf Nachfrage der SZ nicht weiter äußern. „Dazu ist doch alles gesagt. Ich weiß nicht, warum er das nach so vielen Jahren wieder hochkocht“, meint er – und merkt nur süffisant an: „Hans war auch Genosse, und Klaus ebenso.“ Der Trainer habe die Besten aufgestellt und er nicht Sammers Position als Vorstopper besetzt. Der strenge Fritzsch hatte Sammer nach einem 0:3 in Zwickau zuvor abserviert und den „Langen“, wie sie ihn wegen seiner 1,92 Meter nennen, schon im Hinspiel nicht eingewechselt. Dabei wäre beim Stand von 3:3 Kopfballstärke gefragt gewesen.

Eine Spitze auf der Bank

Kreische stand gegen die Bayern gar nicht auf dem Platz, hatte sich beim 2:0-Sieg der Nationalelf gegen Rumänien verletzt, mit dem sich die DDR für die WM 1974 qualifizierte. Trotz Gipsbein saß er beim Rückspiel in Dresden auf der Bank – und konnte sich eine Spitze gegen Fritzsch nicht verkneifen. Als der Trainer nun doch Sammer zum Aufwärmen schicken wollte, meinte er: „Ach, wenn der Kahn untergeht, ist der alte Mann wieder gut?“ Klaus Sammer blieb draußen.

Der Stachel sitzt auch bei ihm tief. Kreische hat nun noch einmal vor Publikum seinem Unmut über die verpasste Chance Luft gemacht, wobei der persönliche Angriff befremdlich ist. „Wenn er denkt, dass er mit mir ein Problem hat: Wir sehen uns fast zu jedem Heimspiel“, sagt Geyer. Das nächste Mal vermutlich am Mittwoch, wenn im DDV-Stadion Dynamos Europapokal-Debütanten von 1967 geehrt werden.

›› Der Talk ab der 36. Minute mit den Kreische-Zitaten

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 7 Kommentare

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  1. 555

    Das ist doch Mist, sowas nach ausreichender bisheriger Erörterung nach JAHREN noch einmal auszubuddeln. Ist da eventuell der Altersstarrsinn durchgebrochen? Wenn es rund um die erste Mannschaft zu lange ruhig ist, müssen wir hinter den Kulissen eben irgendeinen sonstigen Krach vom Zaun brechen? Geyer hat ganz gut reragiert ... oder eben nicht reagiert ... die Attake ins leere laufen lassen. Unnötig ist es allemal gewesen!

  2. NoFear

    Man kann von Kreische halten, was man will - aber in diesem Fall er hat Recht! Geyer war ein IM und hat fleißig und zuverlässig seine Mannschaftskameraden bei der Stasi verpetzt - das ist unanständig und schäbig. Nach der Wende sollte das Thema möglichst klein gehalten werden und "Ede" wollte lieber nach vorn blicken. Es kann jedoch nicht angehen, daß der Denunziant entscheidet, wie mit seinen Taten umgegangen wird. Bevor so etwas abgeschlossen werden kann, hat der Täter seine Taten zuzugeben, seine Opfer um Verzeihung zu bitten und nur die Opfer können dann entscheiden, ob sie einen Deckel auf das Thema machen wollen. Leute wie Klaus Sammer und Hans-Jürgen Kreische sehe ich da schon als Opfer.

  3. DuliebeGüte

    @2: Die Frage ist doch, warum man das an die Öffentlichkeit tragen muss, wenn man sich (wie von Eduard Geyer erwähnt) regelmäßig persönlich begegnet. Das halte ich für unnötig.

  4. MReif

    28 Jahre nach der Wende reden wir noch über Schuld und Sühne eines kleinen Stasi IMs. In dieser Zeitspanne ist nahezu jeder Mörder rehabiltiert. Als ob das Land keine anderen Probleme hätte.

  5. dyndre53

    So und jetzt erklären sie das mit dem IM-Zwang alles mal einem chinesischen oder nordkoreanischen Nationalspieler.... Aus heutigem Abstand ist gut reden, die welche die DDR-Zeit nicht erlebt haben, wissen heute am allermeisten bescheid! DD war ein Staats!-Verein. Wer glaubt, dort lief alles wie bei der BSG Bergmann-Borsig oder bei Kali-Werra-Tiefenort oder bei Traktor Bertsdorf lebt im falschen Film! Es ist wie heute: Wehe ich bin im ÖD/Staatsdienst und sympathisiere mit dem "Klassenfeind"...Parallelen zum Umgang mit AfD-Anhängern oder ...idianern heute sind nicht zufällig. Ich hatte, Gott sei Dank keinen größeren Stasidruck damals (wer als IM über mich geschrieben hat ist mir bis heute schnurz, das hat derjenige mit seinem Gewissen auszumachen. ..bis aufs Sterbebett), aber die staatlichen Knüppel zwischen den Beinen merkte man doch allzu oft. Wäre der BFC Dynamo heute in der 1. oder 2.BL... das Feindbild "RBL" gäbe es wahrscheinlich so gar nicht...

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