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Donnerstag, 04.01.2018

Kleiner Schnitt mit großer Wirkung

Im Epilepsiezentrum in Liegau öffnet Sachsens erstes Medizin-Zentrum für behinderte Erwachsene.

Von Jens Fritzsche

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Anschnitt für eine Premiere: Chefarzt Dr.Thomas Mayer, die Patienten Martin Kreiling und Monika Schüler sowie Epilepsiezentrumschef Martin Wallmann (v.l.).
Anschnitt für eine Premiere: Chefarzt Dr. Thomas Mayer, die Patienten Martin Kreiling und Monika Schüler sowie Epilepsiezentrumschef Martin Wallmann (v.l.).

© Thorsten Eckert

Theresa Fischer (l.) und Dr.Gudrun Körber gehören zum Ärzteteam des neuen Behandlungszentrums.
Theresa Fischer (l.) und Dr. Gudrun Körber gehören zum Ärzteteam des neuen Behandlungszentrums.

© Thorsten Eckert

Das neue MZEB hat sein Domizil im Erdgeschoss des Neubaus des Kleinwachauer Krankenhauses.
Das neue MZEB hat sein Domizil im Erdgeschoss des Neubaus des Kleinwachauer Krankenhauses.

© Thorsten Eckert

Die Begeisterung ist dem Chefarzt des Kleinwachauer Krankenhauses, Dr.Thomas Mayer, anzusehen.
Die Begeisterung ist dem Chefarzt des Kleinwachauer Krankenhauses, Dr. Thomas Mayer, anzusehen.

© Thorsten Eckert

Liegau-Augustusbad. Aller guten Dinge sind vier. Denn es waren vier Rosen, die Martin Wallmann gestern Vormittag im Erdgeschoss des Klinik-Neubaus des Epilepsiezentrums Kleinwachau im Radeberger Ortsteil Liegau-Augustusbad verteilte. Und dass der Chef des Epilepsiezentrums dabei auch eine Rose für einen Herrn dabei hatte, „sieht zwar komisch aus, ist aber absolut verdient“, zeigte sich Martin Wallmann bestens gelaunt.

Besagte Rose ging an Wolfgang Karger von der Krankenkasse AOK-Plus – „als Zeichen, dass wir in Sachsen sehr kooperativ Dinge anpacken können, um sie zu lösen“, schwärmte der Epilepsiezentrums-Chef. Denn die AOK hat in den vergangenen Monaten in Vertretung der sächsischen Krankenkassen gemeinsam mit den Kleinwachauern den Finanzrahmen für ein ganz besonderes Projekt auf den Weg gebracht. Sachsens erstes MZEB nämlich; das erst zweite in ganz Ostdeutschland noch dazu.

Wobei diese sperrige Abkürzung für „Medizinisches Zentrum für Erwachsene mit Behinderung“ steht. Ein Begriff, der auf den ersten Blick nur bedingt die enorme Tragweite verrät, die dahintersteckt. Denn bisher werden erwachsene Menschen mit Behinderungen, auch mit geistigen Behinderungen, in Deutschland allgemeinmedizinisch ausschließlich von Hausärzten betreut. „Aber oft passen diese Patienten nicht in den Takt einer Hausarztpraxis“, weiß Martin Wallmann. „Geistig behinderte Menschen können Krankheits-Symptome oft nicht beschreiben.“ Dafür braucht es Zeit und auch entsprechende Erfahrungen. Erfahrungen, wie sie das Team um Dr. Thomas Mayer hat; dem Chefarzt des auf die Behandlung von Epilepsiepatienten spezialisierten neurologischen Krankenhauses der Einrichtung in Liegau. „Ein Großteil der Bewohner und Patienten des Epilepsiezentrums ist dabei auch mehrfach schwerstbehindert“, so der Chefarzt. Wenn man nun also diese Kompetenz der Kleinwachauer Mediziner im Umgang mit behinderten Patienten mit den Kompetenzen von Spezialisten wie Orthopäden, Urologen, Augen- oder Zahnärzten zusammenbringt, „wächst daraus ein wunderbares Team, das diese besonderen Patienten bei Problemen zielgerichtet versorgen kann“, umschreibt Dr. Mayer, was letztlich in einem MZEB passiert. Aber genau das, war eben bisher in Deutschland nicht möglich –  der Gesetzgeber sieht diese „Team-Arbeit“ bei erwachsenen Patienten nicht vor. „Behinderte Kinder und Jugendliche werden hierzulande schon seit langem sehr gut in entsprechenden Zentren von Fachärzten betreut, aber sobald die Patienten 18 werden, endet das – eine schwierige Lücke“, findet auch Dr. Gudrun Körber. Die Fachärztin für Innere Medizin ist deshalb sehr froh, dass sich die gesetzliche Lage nun geändert hat und solche Behandlungszentren auch für Erwachsene möglich sind. „Um das Vertrauen von behinderten Patienten zu gewinnen, muss man manchmal im Behandlungszimmer einfach ein Radio anschalten und gemeinsam das Lieblingslied hören“, beschreibt sie. Und weiß natürlich, dass das „in einer Hausarztpraxis allein zeitlich gar nicht möglich ist“. Dr. Körber gehört neben der Neurologin Theresa Fischer zum neuen Kleinwachauer MZEB-Team, das von Martin Wallmann mit den eingangs erwähnten Rosen bedacht wurde … „Es wird eine reizvolle Aufgabe“, freut sie sich. Auch, weil es sehr dankbare Patienten sind: „Es ist ergreifend, diese Menschen lächeln zu sehen!“

Im Team nach Lösungen suchen

Wobei Chefarzt Dr. Mayer auch gleich möglichen kritischen Sichten vorbaut: „Es geht hier nicht darum, Hausärzten Patienten wegzunehmen!“ Vielmehr sollen Haus- oder Fachärzte das neue MZEB als Möglichkeit sehen, „bei bestimmten, komplizierten Fragen auf die Hilfe unseres Teams zu setzen“. Bei unklaren Schmerzen zum Beispiel oder bei Verhaltensstörungen behinderter Patienten. Der Hausarzt überweist die Patienten mit einer gezielten Frage, „wir suchen hier im Team die Lösung, ohne die Dauerbehandlung des Patienten zu übernehmen“, macht Dr. Mayer deutlich. Genau das hat auch die AOK überzeugt, sagt Wolfgang Karger. „Denn damit können die Mittel effektiver als bisher eingesetzt werden – und damit medizinische Erfolge erzielt werden, die den Betroffenen eine bessere Lebensqualität ermöglichen“, schwärmt der AOK-Verantwortliche. Dazu wird ein Fragebogen erarbeitet, um schon im Vorfeld das für den jeweiligen Patienten passende Ärzte-Team zusammenzustellen. „Wir werden dazu mit zahlreichen Fachleuten aus der Region zusammenarbeiten“, so der Kleinwachauer Chefarzt. Wie eben mit Augen- oder Zahnärzten, aber auch mit Gynäkologen oder HNO-Spezialisten. Wie gut das funktionieren kann und wie schwierig die Diagnostik mitunter ist, kann Dr. Mayer dabei an zahlreichen Beispielen beschreiben. Jüngst, sagt er, war beispielsweise ein behinderter Patient in seiner Klinik, der über schlimme Bauchschmerzen klagte. „Wir haben alles untersucht, aber nichts gefunden – bis der Orthopäde feststellte, dass der Mann Probleme mit der Kniescheibe hatte.“ Team-Arbeit eben. Und von der werden bis zu zwei Patienten pro Tag profitieren. Patienten, auch abseits der Epilepsiebehandlung. „Wir bauen uns damit ein zweites Standbein auf – auch, weil wir überzeugt sind, dass unsere Kompetenzen gut zu dieser Möglichkeit passen“, macht Martin Wallmann deutlich. Und er griff gemeinsam mit dem Chefarzt begeistert zur Schere, um das quer durch den Vorraum des MZEB gespannte rote Schleifenband zu durchschneiden. Ein kleiner Schnitt – mit großer Wirkung!