• Einstellungen
Mittwoch, 13.09.2017

Kleine Fellmütze und große Gefühle

Katrin Lissek aus Löbau entdeckte in der SZ-Galerie ein altes Foto ihres Vaters. Die Geschichte hinter dem Bild.

Von Markus van Appeldorn

Bild 1 von 2

Katrin Lissek und ihre Mutter Beate stehen genau an der Stelle, wo im April 1987 das Foto von Katrin und ihrem Vater Ehrenreich Lissek aufgenommen wurde. Der rechte Wohnblock ist mittlerweile abgerissen. Die Familie lebt immer noch in der Anlage. Die historische Aufnahme bekommt jetzt einen Ehrenplatz.
Katrin Lissek und ihre Mutter Beate stehen genau an der Stelle, wo im April 1987 das Foto von Katrin und ihrem Vater Ehrenreich Lissek aufgenommen wurde. Der rechte Wohnblock ist mittlerweile abgerissen. Die Familie lebt immer noch in der Anlage. Die historische Aufnahme bekommt jetzt einen Ehrenplatz.

© Markus van Appeldorn

© Privat

Putzig und aufmerksam steht die kleine Katrin da. Auf dem Kopf eine Strickmütze und die Hand an einem Tapeziertisch. Sie passt schön auf, dass der nicht umfällt, während der Papa noch Werkzeug aus dem Kofferraum des Trabant kramt. So sieht ein gutes Team aus, wenn’s um die Einrichtung der neuen Wohnung geht. Mensch, wie die Zeit vergeht. Über 30 Jahre ist das jetzt her. Katrin Lissek wohnt immer noch an dem Ort, wo das Bild einst entstand. Aber heute erfüllt sie der Anblick mit liebevollen Erinnerungen.

Viele Tausend Leser haben während des Tags der Sachsen durch eine Bildergalerie geklickt, die auf der Facebook-Seite der SZ Löbau online ist. Die Dia-Show zeichnet Löbauer Stadtgeschichte nach mit Bildern, die in fünf Jahrzehnten in der Zeitung erschienen sind. Für SZ-Leserin Katrin Lissek war die Galerie ein ganz besonders emotionales Erlebnis. Sie erkannte sich auf einem Foto wieder, auf dem sie 1987 als Sechsjährige gemeinsam mit ihrem mittlerweile verstorbenen Vater Ehrenreich Lissek abgebildet ist. Im April 1987 hatte die Sächsische Zeitung über das Entstehen und die ersten Bewohner der Neubausiedlung um die Neusalzaer Straße berichtet. Der SZ erzählte die 36-Jährige Katrin Lissek die Geschichte hinter dem Foto.

„Ich schaue immer auf Facebook, weil ich wissen will, was in Löbau so los ist“, sagt die gelernte Verkäuferin, „und bei der Fotogalerie habe ich dann bei dem einen Bild gestutzt.“ Sofort sei sie zu ihrer Mutter in die Nachbarwohnung gelaufen. „Schau mal Mama, fällt dir was auf?“, fragte sie mit dem Smartphone in der Hand. „Klar“, sagte Mutter Beate zu Katrin, „das ist unser Vater. Die Fellkiepe auf dem Kopf, das ist unverkennbar. Und rechts daneben, das bist Du.“

Elektriker war der Vater damals. Bei Lautex. Dort, wo heute die Löbauer Wiese das Gartenschaugelände schmückt. „Aber der Papa hat immer alles selbst gemacht in der Wohnung, auch das Tapezieren“, erinnert sich Katrin Lissek. An den Moment des Fotos selbst kann sich Katrin Lissek nicht mehr erinnern. An den Einzug in die neue Wohnung damals schon: „Wir Kinder haben immer geholfen. Wir haben die Tapeten-Bahnen eingekleistert und sie ihm gereicht oder auch Werkzeug.“

Die Vierraum-Wohnung mit 68 Quadratmetern in der Siedlung Neusalzaer Straße, das war schon ein außergewöhnlicher Luxus damals für die junge Familie. Bis 1987 hatten das Ehepaar Lissek mit seinen Kindern Dirk und Katrin in einer feuchten Wohnung in der Breitscheidstraße gelebt. Aber Feuchtigkeit hieß damals nicht Dringlichkeit. „Das war schon ein Kampf, diese neue Wohnung zu bekommen“, erzählt Mutter Beate Lissek, „Erst sollten wir sie nicht bekommen. Aber mein Mann ist dafür sogar öfter bei der örtlichen Parteileitung vorstellig geworden. In solchen Dingen war er zäh.“

Im Frühjahr 1987 konnten sie dann schließlich einziehen an der damaligen Otto-Zellmer-Straße 7, die heute nach Löbaus Partnerstadt Ettlingen benannt ist. Viel Komfort für DDR-Verhältnisse. Nach heutiger Betrachtungsweise dennoch stark rückständig. Denn selbst 1986 leisteten auch Neubauten im Winter einen Beitrag zum charakteristischen Braunkohle-Aroma der DDR-Zeit. Die Wohnblocks waren noch nicht mit einer Heizung oder gar fließend warmem Wasser ausgestattet. „Wir hatten in jedem Zimmer einen Ofen, den wir mit Kohle beheizt haben“, erinnert sich Mutter Beate Lissek, „und einen zusätzlichen Ofen für warmes Wasser.“ Eine Zentralheizung und moderne Wasserinstallation bekamen die Wohnblöcke erst in den 90ern nach der Wiedervereinigung.

Leider war die Gesundheit von Ehrenreich Lissek nicht so robust wie seine Durchsetzungsfähigkeit in Sachen Wohnungssuche. Er starb bereits im August 2007 an Herzversagen. Die Familie Lissek ist in den letzten Jahren öfter umgezogen, immer im selben Wohnblock. „Erst haben wir die Vierraumwohnung im vierten Stock gegen eine im zweiten Stock getauscht“, erzählt Mutter Beate Lissek. Weil ihr Mann damals schon nicht mehr so gut Treppen steigen konnte.

Und erst neulich zog die 66-jährige Rentnerin ins Nebenhaus in der Ettlinger Straße mit der Nummer 6 in eine Erdgeschosswohnung. „Ich habe mich verkleinert“, sagt sie. Jetzt lebt sie wieder mit ihren Kindern zusammen – nicht in einer Wohnung, aber unter einem Dach. Die graue Schafsfell-Mütze, die ihr verstorbener Mann Ehrenreich so liebte, die hat sie irgendwann entsorgt. „Man muss sich auch von Dingen trennen und loslassen können“, sagt Beate Lissek, „nach vorne schauen.“ Doch der Rückblick in die Zeit damals beim Einzug, der hat die Familie Lissek nun auch glücklich gemacht. Die SZ Löbau hat Katrin Lissek einen Abzug des Fotos von 1987 geschenkt. „Das Bild bekommt einen Ehrenplatz“, sagt sie.

Desktopversion des Artikels