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Freitag, 13.10.2017

Klassenausflug zu Pegida

In weißen Kitteln zwischen Populisten – eine zehnte Jahrgangsstufe besucht Montagabend den Neumarkt.

Von Alexander Schneider

Kurz vor der Pegida-Demo sammeln sich die Gynmasiasten in ihren weißen Kitteln am Neumarkt. Sie hören genau zu, was dort gesprochen wird.
Kurz vor der Pegida-Demo sammeln sich die Gynmasiasten in ihren weißen Kitteln am Neumarkt. Sie hören genau zu, was dort gesprochen wird.

© privat

Dresden. Pegida hautnah – 30 Schüler des Pestalozzi-Gymniasiums haben sich an einem Montag unter 2 000 Demonstranten gemischt. Ein Grund für ihr Projekt war, dass sie sich im Politik-Unterricht gerade mit dem Thema „Protest“ beschäftigten. Und sie wollten herausfinden, was da in der Altstadt passiert – mit Dresden, dem Publikum und den Beobachtern. Es war ein Abend mit Überraschungen.

Um neutral aufzutreten, streiften sich die Zehntklässler schon im Zwinger weiße Kittel über und schnappten sich Klemmbretter, ehe sie zum Neumarkt marschierten. Dort stellte sich die Gruppe nebeneinander in einer langen Reihe auf – nicht zu weit weg von der Bühne und auch mit deutlichem Abstand zur Gegendemo. Schon das erregte großes Aufsehen. Nicht nur Polizisten kamen vorbei, um sich – sicher ist sicher – vom friedlichen Sinn der Aktion zu überzeugen. Bald kamen Pegida-Teilnehmer und sprachen die Schüler an.

„Und was die alles basteln“

„Es war eine komische Atmosphäre“, beschrieb eine Schülerin später im Unterricht ihre Empfindungen in dem Meer an Fahnen und Parolen. „Es war gruselig, als die Hymne losging.“ Alle seien plötzlich still gewesen und hätten diesem „elend langen Lied“ zugehört, das schon 2015 eigens für Montagabende komponiert worden war. „Und was die alles basteln“, sagte sie, sogar Marionetten, weil sie Politiker immer so bezeichneten. „Krasse Meinungen“ nennen es die Dresdner Schüler später, womit sie ohne eigenes Zutun konfrontiert worden seien.

Ein älterer Herr sprach die Jugendlichen auf die Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg an. „Damals“, sagte er, seien das alles Nazis gewesen, heute bei Pegida jedoch nicht. Er habe die ganze Zeit gesagt, man könne das Pegida nicht unterstellen.

Der Zeitpunkt war gut gewählt. Es war der Montag vor der sogenannten Schicksalswahl. Neben einem Bühnen-Anhänger von Pegida stand auch eine zweite Bühne von der AfD. Es war wohl der Tag, an dem die Dresdner Bewegung vorerst zum letzten Mal getrennt und doch gemeinsam mit der rechtspopulistischen Partei auftrat.

„Die waren alle relativ alt, der Durchschnitt lag auf jeden Fall über 60“, vermutete ein Junge und nennt es „erschreckend“. Die Leute hätten sich mit ihren Fahnen „richtig reingesteigert“. Viele seien freiwillig auf die Gymnasiasten zugegangen und hätten angefangen zu diskutieren. Er vermutet, dass sie sich aufgrund der Anwesenheit der Schüler in ihrem persönlichen Denken angegriffen gefühlt haben. „Es kam mir vor, als wollten sie sich rechtfertigen und verteidigen, obwohl wir sie nicht angesprochen haben.“

„Die weißen Kittel“, sagt Lehrerin Louisa Frintert, „hatten wir bewusst gewählt.“ So sei ihr Auftritt auch als „Aktionskunst“ interpretierbar, etwa als Berufskleidung von Ärzten, Therapeuten oder Wissenschaftlern. „Wir wollten auch zeigen, dass wir zu keiner Menge dazugehören. Also weder zu Pegida noch zur Gegendemo.“

„Ein Mann kam und sagte, wir werden das alles noch bereuen, weil unsere ganzen deutschen Mädchen vergewaltigt werden“, sagte ein Schüler über eine Begegnung, die ihn besonders bewegt habe. „Da standen zwei Mädchen von uns noch daneben. Deswegen fand ich das unangebracht.“ Ziemlich krass sei auch die Aufschrift eines Transparents gewesen, das einem Schüler auffiel, der sich die Parole kaum wiederzugeben traute. „Die BRD ist eine Hure. Jeder kann sie besteigen und sie bezahlt auch noch dafür“, sagte er. Das solle wohl auf die Flüchtlinge anspielen.

„In Vorbereitung auf die Aktion haben wir viel über das Problem der Öffentlichkeit gesprochen“, sagte Lehrerin Frintert. „Und wir haben bemerkt, dass sie uns in Dresden im Vergleich zu anderen Ländern fehlt. Eine Öffentlichkeit im Sinne eines Forums, auf dem solche Debatten ausgetragen würden – gemeinsam. Dieses Fehlen sei wohl eine der Ursachen für das Entstehen Pegidas.

Warum wird so viel gebrüllt?

Eine Jugendliche unterhielt sich mit einem Mann, der für die AfD Flyer verteilte. Er habe gesagt, früher Linke und Grüne gewählt zu haben. „Ich habe ihn daher auf Beatrix von Storch angesprochen.“ Weil die AfD-Politikerin die Sonneneinstrahlung für die Erderwärmung verantwortlich mache. Der Mann habe den Klimawandel tatsächlich bestritten, sagte die Schülerin. „Es ist schockierend, dass er jetzt komplett blind ist, anscheinend.“

Die Schüler setzten sich auch mit den Reden auseinander, fragten sich etwa, warum Pegida-Chef Lutz Bachmann seinen Großvater zitierte, der doch nur den Satz „Man kann es nicht allen recht machen“, gesagt haben soll. Sie fragten sich, warum auf dem Neumarkt so viel „gebrüllt“ wurde, oder welchem Zweck die AfD-Flyer dienten. Darüber hinaus fiel den Schülern auf, dass gezielt die Unzufriedenheit thematisiert worden sei.

Einer hat Widersprüche auf einem Partei-Flyer eingekringelt, wie er sagte. „Da steht ,Diskriminierung von Vollzeitmüttern stoppen‘ und paar Zeilen drunter ,der Islam ist nicht Teil von Deutschland‘ – auf der einen Seite bist du gegen Diskriminierung und auf der anderen schließt du ganze Bevölkerungsgruppen aus.“, argumentiert der Schüler in analytischer Schärfe.

Wohl alle waren nach ihrem Pegida-Besuch überrascht, wie „krass die Leute dahinterstehen“. Die Auswertung im Unterricht will Lehrerin Louisa Frintert mit ihren Schülern nach den Herbstferien fortsetzten – ein weiterer Besuch bei Pegida oder auch bei der Gegendemonstration ist nicht ausgeschlossen, denn, so eine Schülerin: „Wenn wir wirklich neutral sind, dann müssen wir dort auch mal hin und uns anhören, was sie denken.“

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