• Einstellungen
Mittwoch, 03.01.2018

Keine Warteschleife für Görlitzer Taxis

Nach einem Theaterbesuch warten Seniorinnen vergeblich auf ihre Heimfahrt. Doch der Fehler lag auch bei ihnen.

Von Ralph Schermann

Für lange Wartefristen beim Kunden sind Görlitzer Taxifahrer nicht zu haben. Sie drängen auf Einhaltung der Bestellzeiten.
Für lange Wartefristen beim Kunden sind Görlitzer Taxifahrer nicht zu haben. Sie drängen auf Einhaltung der Bestellzeiten.

© nikolaischmidt.de

Sieben Damen aus dem altersgerechten Wohnen im Frauenburgkarree freuten sich Mitte Dezember auf einen Theaterbesuch. Sie genossen das Weihnachtskonzert, doch dann war es mit der Freude vorbei. „Das Taxi kam nicht, anfangs konnten wir noch im Foyer verweilen, dann aber standen wir frierend im Schneegestöber“, berichtet Helga F. (83): „Dabei hatten wir rechtzeitig ein Großraumtaxi geordert.“

Telefonate blieben erfolglos: Kein Taxi war frei. Schließlich übernahm eine Verwandte einer der Damen den Transport, indem sie mit ihrem Auto zweimal zwischen Theater und Frauenburgkarree pendelte. „So geht das aber nicht“, kritisiert Helga F. die Görlitzer Taxiunternehmen.

Doch, das geht so, sieht man es ganz anders in der Taxi-Innung, dem Fachverband des Taxi- und Mietwagengewerbes des Kreises Görlitz. Andreas Gritzner, der stellvertretende Vorsitzende, hat die Fahraufträge geprüft und festgestellt: „Die Kundinnen haben das Großraumtaxi für 21.15 Uhr an das Theater bestellt. Der Fahrer war pünktlich da.“ Das bestätigen die Mitarbeiterinnen der Garderobe des Gerhart-Hauptmann-Theaters: Ja, ein Taxifahrer habe sich um 21.15 Uhr gemeldet, allerdings war da die Vorstellung noch lange nicht zu Ende. Der Fahrer habe eine Viertelstunde gewartet und sei dann wieder abgefahren.

„Genau so war das richtig“, sagt Andreas Gritzner: „Exakt um 21.28 Uhr ist der Wagen zum nächsten bestellten Kunden gefahren.“ Nach der allgemeinen Taxitarifordnung hätte er das schon eher tun können, denn die schreibt überhaupt keine Wartezeiten vor. In Görlitz haben die Fahrer allerdings freiwillig eine Wartezeit beim Kunden von mindestens zehn Minuten in der Taxifunkordnung festgeschrieben. „Das wurde eingehalten“, so Gritzner.

Taxifahrer sind nicht dafür verantwortlich, wie lange Veranstaltungen dauern, zu denen sie gerufen werden. Schon bei privaten Feiern in Wohnungen hören sie oft Sätze wie „Warten Sie mal noch, wir kommen dann gleich …“. In Gaststätten, Kultursälen, Lokalen finden neben öffentlichen auch viele geschlossene Veranstaltungen statt, auch wollen gelegentlich Besucher vorzeitig Kino- oder Theateraufführungen verlassen, um zum Beispiel ihren Zug zu erreichen. „Zu wissen, wann Vorstellungen anfangen, zu Ende sind oder wegen Zugaben länger dauern, kann nicht Aufgabe der Taxifahrer sein“, erklärt Andreas Gritzner: „Wo wir es zeitlich einrichten können, warten wir in Ausnahmen sicher auch mal etwas länger, aber das ist weder die Regel noch unsere Aufgabe.“ Wer gegen Ende von Vorstellungen den Theatervorplatz betrachtet, wird das bestätigen können: Kaum eine Veranstaltung ohne Taxi, und oft wird auch länger gewartet. Warum freilich im Fall der sieben Seniorinnen bereits um 21.15 Uhr, also viel zu früh, ein Taxi bestellt wurde, weiß auch die Innung nicht.

Dort weiß man indes ganz andere Fakten: „Seit Einführung des Mindestlohnes können wir nicht mehr so viele Fahrer beschäftigen. So verweisen wir die Kundschaft zur besseren Planung stets darauf, die Taxe vorzubestellen. Diesen Plan müssen dann aber nicht nur wir, sondern auch die bestellenden Kunden einhalten“, betont der stellvertretende Innungsvorsitzende. Dass es zu solchen Problemen kommen wird, habe er längst gewusst: „Bereits vor Einführung des Mindestlohnes habe ich unseren jetzigen Ministerpräsidenten und damaligen Bundestagsabgeordneten Michael Kretschmer darauf hingewiesen, dass wir ohne Unterstützung im Taxigewerbe einen kurzfristigen Fahrtenwunsch nicht mehr zu jeder Zeit werden realisieren können. Auch meine Gespräche mit Landrat Bernd Lange und Oberbürgermeister Siegfried Deinege über Möglichkeiten der Unterstützung haben nichts gebracht. So haben wir dann selbst nach Möglichkeiten gesucht, effektiver zu arbeiten. Ein Beispiel: Unternehmen gestalten ihre Dienste zum Teil gemeinsam, damit man sich in verkehrsschwachen Zeiten überhaupt noch Fahrer leisten kann.“ Der Mindestlohn an sich sei durchaus gut und richtig: „Unsere Fahrer machen eine sehr verantwortungsvolle Arbeit und müssen dafür auch angemessen entlohnt werden. Wir wollen aber bitte nicht für Fehler kritisiert werden, die die Politik zu verantworten hat.“ Tatsächlich sei es für das Görlitzer Taxigewerbe ziemlich eng geworden. Wer einmal Einblick in die vom Kreistag festgelegte Taxitarifordnung nimmt, werde schnell erkennen, dass die Betriebe immer weniger Fahrer ohne Vorbestellung oder bestehende Daueraufträge bereithalten können.

So bedauerlich der Vorfall für die Südstadt-Seniorinnen auch war – ein Blick in die Theaterzeitung hätte genügt. Als Dauer des Konzertes wurden im Spielplan dort „zwei Stunden, 30 Minuten mit Pause“ genannt, worauf man die Fahrzeugbestellung hätte ausrichten können. „Wäre unser Fahrer nicht zum nächsten Auftrag gefahren, hätte sich wahrscheinlich dieser Kunde dann über unser Ausbleiben beschwert“, überlegt Andreas Gritzner: „Ich kann da nur um Verständnis bitten …“

Desktopversion des Artikels