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Samstag, 13.01.2018

Keine kleine Maus mehr

Marco Hartmann hat sich als Kapitän von Dynamo verändert – und bleibt sich trotzdem treu.

Von Sven Geisler, Marbella

Ein bisschen Spaß muss sein. Am Freitagnachmittag trainierte Dynamo am Mittelmeerstrand. Marco Hartmann (l.) schiebt Nachwuchstorwart Mika Schneider als Schubkarre durch den Sand.
Ein bisschen Spaß muss sein. Am Freitagnachmittag trainierte Dynamo am Mittelmeerstrand. Marco Hartmann (l.) schiebt Nachwuchstorwart Mika Schneider als Schubkarre durch den Sand.

© Lutz Hentschel

Vielleicht einfach nur eine Schnitte, auf jeden Fall etwas anderes zu essen. Es ist nicht so, dass es Marco Hartmann in Marbella nicht schmeckt, aber nach neun Tagen hat er die warme und kalte spanische Küche satt. Dynamo ist mit An- und Abreise elf Tage an der Costa del Sol und damit so lange im Trainingslager wie kein anderer Zweitligist. „Es reicht, ich will nach Hause“, sagt Hartmann. „Ich freue mich auf trainingsfrei, auf meine Familie.“

Im März ist er Papa geworden, seine Freundin Jule und Sohn Carlie vermisst er natürlich. Trotzdem möchte er die Zeit am Mittelmeer nicht missen, denn aus sportlicher Sicht hat sich der Ausflug gelohnt. „Die Trainingseinstellung, die Mentalität waren richtig besonders. Das habe ich so selten erlebt“, sagt der Kapitän. „Was mir am meisten gefallen hat: Diejenigen, die zum Ende der Hinrunde weniger gespielt haben, zeigen im Training, dass sie die anderen eins zu eins ersetzen können.“

Direkte Ansprache ein schmaler Grat

Dabei hatte Hartmann während der Übungseinheiten manchmal sogar Grund, laut zu werden, was man einem vom Charakter her ruhigen Typ wie ihm vielleicht gar nicht zutraut. Aber die Verantwortung, die ihm mit der Kapitänsbinde übertragen wurde, hat ihn verändert. „Bei meinen Ansagen und Aussagen denken vielleicht einige: Hui, vor drei Jahren hörte sich das noch ganz anders an. Da war er noch die kleine Maus, hat sich das so nicht getraut, sondern versucht, es über zwei Ecken rüberzubringen.“ Jetzt wählt er die direkte Ansprache und ist sich bewusst, dass das ein schmaler Grat sein kann.

„Es kommt vor, dass sich derjenige auf den Schlips getreten fühlt.“ Halb so schlimm, denn es gibt ja auch noch den anderen, den verständnisvollen Hartmann. Da bleibt er sich treu. „Ich kann trotzdem jeden hinterher in den Arm nehmen, nachtragend bin ich schon mal gar nicht.“ Schließlich geht es nicht um persönliche Eitelkeiten, sondern um den gemeinsamen Erfolg. Deshalb hat ihn die Phase in der Hinrunde, als erst die Ergebnisse und dann auch die Leistungen nicht mehr stimmten, sehr beschäftigt. In der Tabelle abzurutschen bis auf den Abstiegsrelegationsplatz, sei anstrengend gewesen. „Man macht sich ständig Gedanken über Lösungen. Ich war erst verletzt, habe dann schlecht gespielt, hing also genauso mit drin wie jeder andere“, schätzt Hartmann ein. „Was ich vorleben kann: wieder aufzustehen und von vorne anzufangen.“

Hartmann ist quasi von Amts wegen ein Führungsspieler, aber er ist vor allem auch eine Persönlichkeit. Er lebt die Einstellung vor, die er verlangt, wenn er sagt: „Ich bin besessen zu gewinnen. Manchmal nervt mich das selbst, weil es dir keine Ruhe lässt.“ In der Mannschaft genießt er Respekt, was auch etwas damit zu tun hat, dass er bereits ein Studium abgeschlossen hat. Er könnte am Gymnasium Mathe und Sport unterrichten. Das noch ausstehende Referendariat will er nach der Karriere absolvieren, jedenfalls ist das jetzt sein Plan.

Vorerst aber hat Hartmann noch zweieinhalb Jahre Vertrag bei Dynamo. „Alles danach ist sehr weit weg. Mittlerweile habe ich die Einstellung: Ich lasse es auf mich zukommen, da habe ich keine Ängste. Es wird schon etwas Gutes sein.“ Erst einmal steht sein runder Geburtstag an. Im Februar wird er 30. „Ich hoffe, dass ich meine Freunde mal zusammenkriege und eine schöne Feier machen kann“, sagt er. Doch mindestens genauso wichtig ist ihm ein guter Start mit Dynamo in die Restrückrunde, die am 25. Januar mit dem Heimspiel gegen den FC St. Pauli beginnt.

Abstiegskampf kann eklig werden

Die Dresdner haben sich zwar mit den drei Siegen in Folge ein wenig Luft verschafft, raus sind sie unten jedoch noch nicht. Der Abstiegskampf, meint Hartmann, könne in dieser Saison besonders eklig werden. „Ich sehe Mannschaften hinter uns, die auch Qualität haben, die nach dem Trainerwechsel mit neuer Euphorie starten wie Darmstadt.“ Deshalb sei es wichtig, erst gar nicht in den Schlamassel zu geraten, weil es schwieriger wird, sein Leistungsvermögen abzurufen, wenn der Druck steigt.

Von der Klasse der Truppe ist er überzeugt, nach den Eindrücken in Spanien sogar umso mehr, wie er betont. „Wir müssen diese Qualität auf den Platz bringen“, sagt er – und formuliert deutlich den Anspruch: „Es muss unser Ziel sein, eine bessere Rückrunde zu spielen als im vorigen Jahr.“ An der Stelle darf man stutzen, denn die vergangene Saison hat Dynamo auf Platz fünf beendet, zwischenzeitlich schien sogar mehr möglich zu sein. Trotzdem ist die Ausbeute von sieben Siegen und insgesamt 27 Punkten durchaus zu toppen. Unter einer Voraussetzung: „Es dürfen nicht wieder wichtige Spieler wegbrechen, das ist einfach so. Punkt.“

Hartmann eingeschlossen. Zweimal hat er wegen Muskelfaserrissen gefehlt und damit auch drei Spiele in der Schwächephase. Erst gegen Kaiserslautern konnte er wieder mitwirken, die Niederlage durch zwei späte Gegentreffer aber nicht verhindern. „Danach war ich schon ziemlich geknickt“, sagt er, aber: „Dann durfte ich nachts um drei mit meinem Kleinen eine Stunde durch die Wohnung spazieren, und er hat sich einfach gefreut, dass wir ein bisschen spielen. In dem Moment musste ich darüber ein bisschen schmunzeln.“

Bei aller Ernsthaftigkeit als Profi bleibt es eben auch nur ein Spiel. „Man darf sich nicht kaputtmachen vom Kopf her. Wenn man zu Hause ist, muss man unbedingt abschalten“, meint der Papa, der sich deshalb sehr auf den Heimflug am Sonntagvormittag freut. Und auf das deutsche Essen.

Im letzten Test in Spanien trifft Dynamo am Sonnabend, 16 Uhr, im Estadio la Linar am Fuße des Affenfelsens von Gibraltar auf den niederländischen Erstligisten FC Groningen. Radio Dresden überträgt per Livestream: www.radiodresden.de

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