• Einstellungen
Donnerstag, 14.09.2017

Kein leichtes Spiel mit der Kita

Der Bund will gute Versorgung und Qualität für die Kleinsten. Der Kita-Alltag im Kreis Görlitz kennt aber viele Tücken.

Von Anja Beutler

In der Kita sollen Kinder spielerisch die Welt kennenlernen. Im Alltag haben aber viele Erzieher nicht ausreichend Zeit.
In der Kita sollen Kinder spielerisch die Welt kennenlernen. Im Alltag haben aber viele Erzieher nicht ausreichend Zeit.

© dpa

Die jüngsten Oderwitzer sind noch gar nicht mal auf der Welt, da werden sie schon das erste Mal angemeldet. Zumindest, wenn sie später in die Krippe gehen sollen. Silke Kirchner, Leiterin der Integrativen Kita Knirpsenland, empfiehlt jedenfalls, sich schon einmal vormerken zu lassen. „Wir haben zwar aktuell keine lange Warteliste, aber besser ist es, weil sich das rasch ändern kann“, sagt sie aus Erfahrung. So wie in Oderwitz läuft es inzwischen in vielen Kommunen im Landkreis Görlitz: Werdende Mütter suchen schon vor der Geburt nach einer Kita und einem Platz.

So drastisch wie in Leipzig oder anderen Großstädten – wo jüngst Eltern in einer straßenfüllenden Schlange nach einem Kitaplatz anstanden – ist es im Kreis beileibe nicht. Ohnehin gelten Ostdeutschland und Sachsen generell als gut bestückt in puncto Kinderbetreuung. Das sagte jüngst auch Cordula Lasner-Tietze der SZ. Die Zittauerin ist Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes. Sie skizziert aber auch eine Abwärtsspirale: „Sachsen hatte einmal einen super Betreuungsschlüssel, war unter den Ersten, die einen Bildungsplan einführten – und dann kam immer mehr obendrauf.“Die Folge dieser steigenden Belastung: eine Überforderung bei den Erzieherinnen und Streiks in den Kitas.

Auch die Oderwitzer Einrichtung war Ende 2015 mit dabei, als die Proteste starteten. Inzwischen hat der Freistaat den Betreuungsschlüssel leicht verändert: Statt 13 Kinder betreut eine Kita-Erzieherin jetzt zwölf. Und in der Krippe sinkt die Zahl bis Herbst 2018 von sechs auf fünf Kinder pro Erzieherin. „Das ist für mich Veränderung in homöopathischen Dosen – und ohnehin nicht immer reell umsetzbar“, schätzt Frau Kirchner ein. Mehr Zeit für alle nötigen Dokumentationen zu den einzelnen Kindern, für die zunehmende Zahl derer, die mit sozialen und emotionalen Auffälligkeiten in die Einrichtung kommen, bringe es ebenfalls nicht. An die anstehende Umsetzung der Inklusion mag sie gar nicht denken.

Kann der Bund da nicht mehr tun? Bildung und Betreuung sind per se Ländersache. Andererseits fordern Bundespolitiker stetig mehr Qualität genau bei diesen Themen. „Wer das will, muss es auch umsetzen“, wirft Silke Kirchner ein. So wie bei der Forderung auf einen Kitaplatz-Rechtsanspruch für unter Dreijährige. Hier hat der Bund schließlich den Ländern zusätzliches Geld für den Bau neuer Einrichtungen bereitgestellt. Profitiert hat davon auch der Landkreis. Roland Höhne, Kreisvorsitzender des Sächsischen Städte- und Gemeindetages (SSG) weiß, wie wichtig diese Gelder waren. Auch seine Gemeinde – Rosenbach bei Löbau – hat diese Chance genutzt und die Einrichtung erweitert.

Doch mit Neubau ist eben nicht alles gut: „Was ein echtes Problem ist, sind die nur gering gefüllten Fördertöpfe für die Sanierung bereits bestehender Kindertagesstätten“, sagt Höhne. Hier, bei den Investitionshilfen, könnte der Bund dem Freistaat gern unter die Arme greifen. Denn viele Städte und Dörfer haben schon mit den aktuellen Betriebskosten genug zu tun.

Dass der Bund auch etwas bei einem großen Kritikpunkte der Eltern – den unterschiedlich hohen Elternbeiträgen – tun kann, ist hingegen nicht zu erwarten. Auch hier liegt der Ball beim Freistaat und den Kommunen. Dabei hat Sachsen seinen Anteil festgezurrt: Aktuell bekommt jede Gemeinde pro Krippen- und Kita-Kind monatlich 169,72 Euro pauschal. Der Anteil der Gemeinden schwankt jedoch und liegt im Kreis-Durchschnitt pro Monat beim Krippenplatz bei 571,44 Euro und beim Kindergarten bei 179,91 Euro im Monat. „Der Betrag des Freistaates war zehn Jahre gleich, wir haben lange gekämpft, bis er 2015 wenigstens etwas erhöht wurde“, sagt Höhne.

Was Kommunen und Eltern beisteuern müssen, schwankt in der Tat stark. Abhängig ist das von den Betriebskosten, zu denen neben den Ausgaben für Heizung & Co. auch die Personalkosten gehören. Von dieser Summe müssen die Eltern dann 20 bis 23 Prozent bei Krippenkindern und zwischen 20 und 30 Prozent bei Kindergartenkindern bezahlen. Wie viel genau, legen per Ratsbeschluss die Kommunen fest, die den Rest finanzieren. Mit Qualität der Betreuung oder einem besonderen Profil haben Elternbeiträge dabei nichts zu tun.

Am teuersten ist nach einer Auflistung des Landkreises der volle Krippenplatz in der Gemeinde Markersdorf mit 213 Euro im Monat. Auch beim Kindergartenkind zahlen die Eltern hier mit 120 Euro am meisten. Am günstigsten fällt der Elternbeitrag für die Krippe in Rietschen aus: 133 Euro kostet der Vollplatz – das sind 80 Euro Unterschied zu Markersdorf. In Lawalde ist hingegen der Kindergartenbesuch für die Eltern mit 82 Euro am günstigsten. Natürlich kann man die Zahlen nur bedingt vergleichen, und es gibt in den Gemeinden besondere Rabatte. Aber so mancher wünscht sich wohl einheitliche Preise und auch einheitliche Standards.

Dass der Bund hier eingreifen sollte, möchte Roland Höhne nicht: „Das ganze Finanzierungssystem würde nicht mehr funktionieren, zumal in jedem Bundesland etwas anderes dahinter steckt“, sagt er. Vereinheitlichung in der Kita-Welt ist für ihn generell nicht erstrebenswert: „Dass es so viele Anbieter und Träger mit verschiedenen Konzepten gibt, ist so gewollt“, sagt er. Enorm sparen würden Kommunen seiner Erfahrung nach übrigens nicht, wenn sie die Kitas an einen anderen Betreiber abgeben. Denn bei den Kosten – wie zum Beispiel Investitionen – seinen ohnehin immer die Gemeinden in der Pflicht.

Desktopversion des Artikels