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Mittwoch, 13.09.2017

Kein Einzelfall

Nicht nur im Netz diskutieren die Großenhainer noch immer über das verschüttete Wasser vorm Netto: Sie wollen wissen, welche Konsequenzen es gibt.

Von Catharina Karlshaus

Der Vorfall am Großenhainer Netto bewegt die Gemüter noch immer. Zunächst auf einem bekannten Facebook-Portal veröffentlicht, später auch in anderen Netzgruppen und auf der Großenhainer SZ-Facebookseite diskutiert: ein Fremder, der dabei beobachtet wurde, wie er Trinkwasser auskippt. Vom Pfandgeld wolle er sich Tabak kaufen, gab er zu.
Der Vorfall am Großenhainer Netto bewegt die Gemüter noch immer. Zunächst auf einem bekannten Facebook-Portal veröffentlicht, später auch in anderen Netzgruppen und auf der Großenhainer SZ-Facebookseite diskutiert: ein Fremder, der dabei beobachtet wurde, wie er Trinkwasser auskippt. Vom Pfandgeld wolle er sich Tabak kaufen, gab er zu.

© Screenshot: SZ

Großenhain. Der Aufreger Ende vergangener Woche hat den Sprung hinüber geschafft. Auch dieser Tage wird in der Röderstadt noch über einen Vorfall gesprochen, der die Gemüter seit Donnerstag bewegt: Eine junge Großenhainerin hatte mit dem Handy gefilmt, wie drei Rentner einen gebrochen Deutsch sprechenden Mann zur Rede stellten. Zuvor hatte er, so ist der Diskussion zu entnehmen, Wasserflaschen ausgekippt. Genau jene sechs Stiegen, die er und ein weiterer im Video nicht sichtbarer Mann im Netto-Markt an der Wildenhainer Straße mithilfe sogenannter Bezugsscheine erworben hatten. Geradewegs aus dem Markt gekommen, kippten sie die Flaschen aus, um sich nach eigenem Bekunden vom Pfand Zigaretten zu kaufen.

Die Netzgemeinde reagierte daraufhin über sächsische Landesgrenzen hinaus empört. Während die einen zu bedenken gaben, dass man doch schon kleinen Kindern beibringen würde, mit Trinkwasser sorgsam umzugehen, kritisierten andere den Missbrauch von Sozialleistungen aufs Schärfste. Sie forderten überdies die Mitarbeiter der Diakonie Riesa-Großenhain auf – diese betreuen seit 2012 Flüchtlinge im Landkreis – den Vorfall schnellstens zu klären und mit den betroffenen Männern zu sprechen. „Woher kommen die beiden? Was wurde konkret unternommen? Wurden die Übeltäter bestraft und wie stehen sie selbst zu ihren Taten“, heißt es.

Gerlinde Franke sicherte auf Nachfrage der Sächsischen Zeitung am Freitag zu, den Vorfall zu klären. Wie die Leiterin der Migrationsberatung nun am Dienstag sagte, habe sie das Video, welches im Übrigen auch der Redaktion vorliegt, inzwischen gesehen. Aus den Aufnahmen werde sicherlich für die Sozialarbeiter nachzuvollziehen sein, um wen es sich handelt. Zumindest dann, wenn der Mann einer von 204 in Großenhain lebenden Flüchtlingen wäre, die von den Mitarbeitern der Diakonie betreut werden. „Wenn wir das heute oder morgen herausgefunden haben, darf ich aus datenschutzrechtlichen Gründen aber immer noch nicht sagen, um wen es sich handelt! Das läuft bei einem Ausländer nicht anders ab, als bei einem Deutschen, der Sozialhilfe bezieht und Ladendiebstahl begangen hat“, betont Gerlinde Franke. Tolerieren werde man ein derartiges Verhalten selbstverständlich nicht und mit allen Flüchtlingen über das Thema sprechen.

Dass der Mann im Video einen russischen Akzent hat, kann darauf hindeuten, dass er nicht umsonst Bezugsscheine für Lebensmittel von der Ausländerbehörde erhalten hat. Steht er möglicherweise vielleicht kurz vor der Abschiebung, mutmaßen die Facebook-Schreiber. Immerhin: „Diese Scheine verteilen wir aus zwei Gründen. Entweder die betroffene Person kommt ihrer Mitwirkungspflicht im Asylverfahren nicht ordnungsgemäß nach, indem sie beispielsweise ihren Pass nicht beibringt, beziehungsweise Termine nicht wahrnimmt. Oder aber sie steht kurz vor der Abschiebung aus Deutschland“, erklärt Manfred Engelhard. Wie der Verwaltungsdezernent des Landratsamtes Meißen im SZ-Gespräch betont, seien die Bezugsscheine ausschließlich für den notwendigen Lebensbedarf gedacht. Tabak und die täglichen Zigaretten würden laut Rechtssprechung nicht dazu gehören.

Die Sucht danach lasse den Einzelnen indes zwanghaft Dinge tun, wie in Großenhain jetzt erlebt. „Einen ähnlichen Fall hatten wir schon einmal in Moritzburg. Da haben wir dann auch mit den Leuten gesprochen und die Bezugsscheine so beschränkt, dass keine großen Mengen Wasser mehr erhältlich waren“, bekennt Manfred Engelhard. Auch in der Röderstadt biete sich eine solche strikte Verfahrensweise an. „Denn dulden werden wir das keineswegs. Im Gegenteil! Aber es lässt sich im Vorfeld eben nicht ausschließen, dass einer mal ein fehlerhaftes Verhalten begeht.“