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Montag, 25.09.2017 Schwarzbachs Woche

Kein Beruf für jedermann

In Strehla teilen sich Politiker und Bürger die Schuld. Und in Riesa stecken die Stadträte voller Tatendrang. Ein fachmännischer Rückblick.

Von Kevin Schwarzbach
Von Kevin Schwarzbach

© Archiv/Schröter

Endlich sind mal nicht die Politiker, sondern die Wähler schuld an einem Missstand, liebe Leserinnen und Leser. Das offen zu sagen, würde sich freilich kein Politiker trauen, könnte man doch dann auf den Gedanken kommen, dass die Politiker die Wähler bevormunden wollen würden. Und das ist in diesen Zeiten wahrlich kein beliebter Regierungsstil. Bei einem Wasserschaden würde man noch verstehen, warum man einen Klempner rufen muss, doch bei der Politik gerät das Verständnis für Fachleute schnell an seine Grenzen.

Bundestagswahl war gestern, Lokalpolitik ist heute. Und die steckt in Strehla derzeit in einer kleinen Krise. Die finanzielle Zukunft der Stadt sieht alles andere als rosig aus, wie der Kämmerer verlauten ließ: Ende des Jahres wird die Verschuldung pro Kopf auf 1 077 Euro ansteigen. Als Richtwert gelten für Gemeindehaushalte in Sachsen 850 Euro Schulden pro Einwohner. An diesem Ziel wird die Nixenstadt bald ungebremst vorbei schlittern. Um es metaphorisch auszudrücken: Die Stadt bewegt sich finanziell bald unterirdisch. Der Grund für die Misere sind 1,8 Millionen Euro teure Kanalbaumaßnahmen für den Anschluss der Ortsteile Unterreußen, Görzig/Trebnitz und Paußnitz an die zentrale Abwasserentsorgung. Fast zwei Jahre lang stritten sich die Stadtpolitiker über den Sinn des Anschlusses, parallel dazu bildete sich eine Bürgerinitiative für den Bau, die sich am Ende durchsetzte.

Und nun hat die Stadt den finanziellen Krautsalat, um mal wieder von den unterirdischen Metaphern wegzukommen. Man sei „auf Jahre für Investitionen blockiert“, monierte etwa CDU-Stadtrat Heinz Schmitt. Nun ja, wenigstens müssen sich die Stadtpolitiker nicht vor Schuldzuweisungen fürchten, schließlich war es kein zockender Finanzbürgermeister, der ihnen die Probleme eingebracht hat, sondern Leute aus den Reihen der Bürger. Also quasi „die da unten“, gelten Politiker doch gern mal als „die da oben“. Oder sind die Politiker doch schuld, weil sie sich nicht, wider besseren Wissens, gegen die Interessen einer kleinen Gruppe durchgesetzt haben? Hach, die Politik ist wahrlich kein einfaches Metier. Erst recht nicht, wenn man sie nur ehrenamtlich betreibt, weil man gern zum Wohle seiner Stadt beitragen will. Das würde ich mir ebenso wenig zutrauen wie das Reparieren von Rohren oder das Schreiben von Softwareprogrammen. Doch politische Entscheidungen tangieren die Bürger nun einmal mehr als ein Klempner, der irgendwo im Nirgendwo eine Leitung repariert.

Wie viel Tatendrang und Ideenreichtum in Politikern stecken kann, haben kürzlich die Riesaer Stadträte unter Beweis gestellt. Mit ihren Anregungen zum Leitbild der Stadt haben die Räte die Stadtverwaltung derart vor Herausforderungen gestellt, dass diese eigens zur Diskussion der Ideen eine Sitzung einberief. Dass diese aufgrund der angesetzten Zeit von 14 Uhr nun jedoch verschoben werden muss, versteht sich bei solch engagierten Stadträten von selbst. Die Riesaer müssen sich also noch ein wenig gedulden, bis sie erfahren, wo es für die Stadt in Zukunft hingehen wird. Schließlich soll das Leitbild, das bereits vor zwei Jahren unter Einbeziehung der Bürger angefangen wurde, künftig die Leitplanken unserer Entwicklung bilden.

Ich bin schon äußerst gespannt, welche Visionen der erarbeitete Ideenpool für unsere Stadt bereithalten wird. Sie nicht auch, liebe Leserinnen und Leser? Tag der Sachsen aller fünf Jahre, BSG Stahl Riesa in die Bundesliga, Fertigstellung der fehlenden Abschnitte der B 169 bis 2020. So, jetzt, wo wir alle unmöglichen Szenarien ausgeschlossen haben, sind wir bereit für die wahren Visionen, die uns ins Paradies führen werden. Die Zukunft kann kommen!

Diese Woche kann wohl kaum fachmännischer werden.

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