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Freitag, 19.12.2014

Kaufhaus-Euphorie weicht Entsetzen

Nach seinen Äußerungen zur Asylpolitik haben sich viele Görlitzer gestern von Investor Winfried Stöcker abgewandt.

Von Daniela Pfeiffer

Sie sind verschwunden: Die lebensgroßen Krippenfiguren wurden gestern aus dem Kaufhaus entfernt – als Protest gegen die Begründung, die Kaufhaus-Investor Winfried Stöcker zur Absage eines Benefizkonzertes in seinem Haus anführte.
Sie sind verschwunden: Die lebensgroßen Krippenfiguren wurden gestern aus dem Kaufhaus entfernt – als Protest gegen die Begründung, die Kaufhaus-Investor Winfried Stöcker zur Absage eines Benefizkonzertes in seinem Haus anführte.

© Nikolai Schmidt/Pawel Sosnowski

Tiefe Betroffenheit, Bestürzung, Fassungslosigkeit. Als wenn jemand gestorben wäre. So lässt sich die Stimmung beschreiben, in der gestern viele bekannte Görlitzer waren. Und für viele ist tatsächlich jemand gestorben: Winfried Stöcker, Medizinprofessor, Begründer des Unternehmens Euroimmun und bislang gefeierter Kaufhaus-Retter von Görlitz.

Seine Begründung für die Konzertabsage im Kaufhaus, die er gestern im SZ-Interview darlegte, hat die Stadt schockiert. Allen voran den Oberbürgermeister, der gestern Abend noch vor der Eröffnung der Stadtratssitzung ans Mikrofon trat und deutliche Worte sprach: Die Worte von Herrn Stöcker hätten ihn sehr betroffen gemacht. Er sei entsetzt, dass in heutiger Zeit noch ein solches Vokabular benutzt werde. „Ich distanziere mich deutlich von den Aussagen des Herrn Stöcker“, so Deinege. Er dankte allen, die sich für die Aufnahme der Flüchtlingsfamilien in Görlitz eingesetzt hätten. „Ich hoffe, wir sehen uns zahlreich am Sonnabend auf dem Christkindelmarkt.“ Dorthin hatten die Initiatoren des Benefizkonzerts die Veranstaltung kurzfristig verlegt.

Eine Veranstaltung als Reaktion hat auch die Kirche anberaumt. Unter dem Motto „Barmherzigkeit ist kein Märchen“ soll es am Sonnabend um 18.30 Uhr in der Görlitzer Frauenkirche eine Adventsandacht geben. Das sei die Reaktion der Innenstadtgemeinde – als unmittelbarer Nachbar des Kaufhauses, so Pfarrer Hans-Wilhelm Pietz. „Erschrocken haben auch viele Christen die Meinungsäußerungen von Winfried Stöcker gelesen. Wir können den darin deutlich werdenden Geist der Abgrenzung und die zynische Herablassung auf Fremde und Flüchtlinge nicht hinnehmen“, teilte Pietz gestern mit. „Wir sind enttäuscht darüber, dass das von vielen in der Nachbarschaft der Frauenkirche begrüßte Kaufhaus-Projekt mit einer solchen Haltung verbunden ist.“

Bischof Wolfgang Ipolt wandte sich gestern mit einem Schreiben persönlich an Winfried Stöcker. „Ich halte es für einen Mangel an Respekt, wenn Sie einerseits Menschen aus anderen Ländern als Arbeitskräfte haben, andererseits aber unbedingt verhindern wollen, dass diese sich in Deutschland ’festsetzen‘“, heißt es darin. Dass er wenige Tage vor Weihnachten dieses Fest als „Firlefanz“ und als „Märchen“ hinstellt, sei nicht hinzunehmen. „Als Bischof widerspreche ich Ihrer Äußerung zum Weihnachtsfest entschieden.“

Die Krippe der Weihnacht als Zeichen der Barmherzigkeit: Die lebensgroße Krippe im Kaufhaus war ein Hingucker unter schönen Herrnhuter Sternen. Doch nach den Äußerungen von Winfried Stöcker hat Gabi Kretschmer gestern Mittag die Holzfiguren abgeholt. Sie steht für das Team des ehemaligen „Görlitzer Adventskalenders“, das jedes Jahr eine sogenannte Dialogkrippe in der Stadt aufstellt und mit dieser Krippe jeweils am 24. Dezember im Bahnhof eine Andacht gestaltet. „Da das Kaufhaus nicht für Asylsuchende offen ist, haben wir uns entschlossen, die Heilige Familie in eine andere Unterkunft zu bringen“, sagte Gabi Kretschmer. Seit gestern Nachmittag steht die Krippe im Klinikum, wo die Leitung und die Mitarbeiter sehr entgegenkommend gewesen seien.

Protest ist es auch, der Christina Lumper vom Vorstand der Stiftung Diakonie-Sozialwerk Lausitz dazu veranlasst, eine Spende Stöckers für das Kinderheim in Weinhübel zurückzugeben. „Unsere Arbeit ist selbstverständlich und insbesondere im Kinder- und Jugendhilfebereich auf Unterstützung angewiesen“, so Lumper. „Mit einer Spende setzen wir jedoch auch eine inhaltliche Befürwortung unserer Bemühungen und Werte voraus.“ Stöckers Positionen seien menschenverachtend, zynisch und herablassend.

„Wir können nicht schweigen und wehren uns gegen die Äußerungen von Prof. Stöcker, die nicht nur Formulierungen sind, sondern eine Haltung widerspiegeln, die traurig stimmt und betroffen macht.“ Das schrieb gestern Joachim Rudolph vom Aktionskreis für Görlitz, der bis dato gern von den zwei Görlitzer Wundern gesprochen hatte: der Altstadtmillion und dem Kaufhaus-Investor.

Selbst aus dem engeren Umfeld Stöckers distanzierten sich einige deutlich. So sagte der bisherige glühende Kaufhaus-Verfechter, Rainer Müller, dass er sich von Winfried Stöcker abwenden werde. „Das Thema ist vergiftet, das Kaufhaus auch. Einen größeren Schaden hätte er nicht anrichten können.“

Und dabei war die Welt nur einen Tag zuvor noch heil gewesen. Man sei gerade dabei gewesen, die Bürgerinitiative Görlitzer Kaufhaus umzuwandeln – in einen Freundeskreis. Denn das Hauptziel, das Haus wieder zu eröffnen, schien durch Stöckers Kauf erreicht. Müller will Winfried Stöcker seine neue Haltung persönlich mitteilen. „Ich habe ihn bisher kompromisslos unterstützt und ich kann nicht verstehen, wie ein Mann, der seinen unternehmerischen Erfolg aus der Globalisierung zieht, zu einer so platten, ausländerfeindlichen Einschätzung kommt.“ Er frage sich, was die internationale Kundschaft sagen werde, auf die er auch abziele. Und was seine ausländischen Mitarbeiter.

Mutmaßungen, das sei nun das Ende vom großen Kaufhaus-Projekt machten gestern zahlreich die Runde. OB Deinege sagte, er gehe nicht davon aus, dass die Sache für das Kaufhaus-Vorhaben folgenlos ausgeht. „Da sind jetzt Professor Stöcker und sein Team gefragt.“

Enttäuschung auch bei Ralf Thies von der Kaufhausgenossenschaft, der noch Anfang der Woche bei Winfried Stöcker in Lübeck gesessen hatte: „Ich habe ihn als freundlichen, hochintelligenten und wertschätzenden Menschen kennengelernt. Aber seine Äußerungen haben damit nichts zu tun. Ich bin entsetzt und bestürzt.“ Als aktiver Sozialdemokrat und Vorsitzender der Awo in Treptow-Köpenick sei er täglich mit dem Thema beschäftigt, erlebe traumatisierte Kinder, verstörte Erwachsene. „Diese Menschen heiße ich bei uns ausdrücklich willkommen, diesen Menschen können und sollen wir als Gesellschaft, ihnen will ich ganz persönlich helfen. Für alles andere habe ich kein Verständnis. Ich wünsche dem Konzert am Sonnabend, das nun auf dem Untermarkt stattfindet, viel Erfolg.“