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Dienstag, 30.01.2018 Psychotalk

Kann man sich etwa zu wohl fühlen?

Eigentlich geht es uns richtig gut. Dumm nur, dass da trotzdem immer dieses ungute Gefühl ist.

Von Ilona Bürgel

Ilona Bürgel
Ilona Bürgel

© Robert Michael

Alles läuft bestens. Sie sind gesund, die Kinder bringen gute Noten aus der Schule, eine Beförderung steht an, mit dem Partner lebt es sich friedlich, die Nachbarn grüßen wieder freundlich. Schleicht sich da nicht manchmal der Gedanke ein, dass zu viel Gutes geschieht und etwas Schlimmes folgen wird? Noch unheimlicher kann dieses Gefühl werden, wenn wir das viele Gute sozusagen geschenkt bekommen. Vertrauter ist uns seit der Kindheit das Prinzip „Erst die Leistung, dann das Wohlbefinden“. Geht es uns gut und fühlen wir uns wohl, zweifeln wir, ob uns das zusteht.

Übersehen wird oft, dass Leistung, die auf Kosten von Wohlbefinden erbracht wird, Leistungsfähigkeit kostet. Dass ein Mangel an Ausgleich mit Wohlbefinden und Gesundheit bezahlt wird. Kurzum, dass Wohlbefinden eben nicht ein Dankeschön nach vollbrachter Leistung oder eine Belohnung ist, sondern in unserer heutigen Welt Voraussetzung für die Leistung, die wir erbringen wollen. Beachten wir dies nicht, können wir schnell die Konsequenzen spüren: Die Lebensfreude geht verloren, wir haben weniger Kraft, scheuen das Neue.

Anstrengung und Disziplin sind gute und erfolgreiche deutsche Tugenden, doch sie bringen uns allein nicht weiter. Zu viele Menschen haben schon zu lange an oder über ihren Leistungsgrenzen gearbeitet, sich nicht nur angestrengt, sondern überanstrengt. Nur weil dies viele Menschen tun, heißt das noch lange nicht, dass es gut für uns ist. Leider gewöhnen wir uns eben auch an schädliche Lebensumstände.

Wie entsteht Wohlbefinden? In der Theorie besteht es aus fünf Elementen: positive Emotionen, Engagement, Beziehungen, Sinn und Zielerreichung. Keines davon kann Wohlbefinden definieren, aber jedes fördert es. Noch weiter geht die Cardiff School of Health Science. Die Forscher um Rachel Dodge stellen dabei die Herausforderungen und Möglichkeiten einer Person in den Mittelpunkt und verstehen Wohlbefinden als Prozess. Wenn Menschen auf neue Herausforderungen treffen, kommt ihr System von Ressourcen und Anforderungen aus der Balance. Der Mensch muss seine Ressourcen nun nutzen, um den Anforderungen gerecht zu werden. Dies wird mit Wohlbefinden belohnt.

Verdienen oder investieren Sie? Der Unterschied liegt darin, dass wir beim Verdienen davon ausgehen, dass wir erst etwas erfüllen müssen, bevor wir uns wohlfühlen dürfen. Beim Investieren ist klar, dass nur, wenn es uns gut geht, wir die gewünschte Leistung bringen können.

Ein weiterer Unterschied ist der wahrgenommene Grad der Selbstbestimmung. Verdienen wir uns Wohlbefinden wie eine Belohnung, dann ist der Gradmesser dafür meist durch andere, und sei es kulturelle Normen, bestimmt, denen wir uns unterwerfen. Investieren wir, sind wir die bewussten Entscheider.

Fazit: Kann es nun ein Zuviel an Wohlbefinden geben? Genauso gut könnte ich Sie fragen, ob es ein Zuviel an Gesundheit oder an Lebensfreude geben kann. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Auf gar keinen Fall. Denn je mehr unsere Lebens- und Arbeitsumstände sich ändern, desto mehr sind wir gefragt, aus dem Vollen zu schöpfen. Das bringt Wohlbefinden und gelingt besonders leicht, wenn wir uns wohlfühlen.