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Samstag, 12.08.2017

Kammern und Innungen sollen ausländische Arbeiter anwerben

Wie finden Firmen Fachkräfte? Und wie Azubis einen passenden Job? Fragen, die Unternehmer auch Thomas de Maiziere stellten.

Erstmals hatten Oberbürgermeister Dr. Sven Mißbach und die Wirtschaftsförderung der Stadtverwaltung Großenhain zu einem Unternehmensstammtisch eingeladen.
Erstmals hatten Oberbürgermeister Dr. Sven Mißbach und die Wirtschaftsförderung der Stadtverwaltung Großenhain zu einem Unternehmensstammtisch eingeladen.

© Klaus-Dieter Brühl

Großenhain. Erstmals luden Oberbürgermeister Dr. Sven Mißbach und die Wirtschaftsförderung der Stadtverwaltung zu einem Unternehmens-stammtisch ein. Thema war der wachsende Fachkräftebedarf, der auch Großenhainer Betriebe und Gewerke zunehmend vor immer größer werdende Herausforderungen stellt. Mehr als 30 geladene Firmen- und Behördenvertreter konnte Sven Mißbach im Stadtpark-Restaurant Mücke begrüßen, darunter Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière. Als Schirmherr organisiert er seit vielen Jahren mit seinem Landtagskollegen Sebastian Fischer den Großenhainer Ausbildungsmarkt, der seit zwei Jahren als Ausbildungstag stattfindet.

OB Mißbach betonte, dass Unternehmen frühzeitig Strategien und innovative Ideen entwickeln sollten, um junge Menschen für eine Ausbildung in der Region zu gewinnen. Und um qualifizierte Mitarbeiter dauerhaft zu binden. Gerade in Konkurrenz zu Dresden und dem Dresdener Umland sei es wichtig, Großenhain als modernen und attraktiven Arbeitsort zu präsentieren. Er könnte sich gut vorstellen, so der Oberbürgermeister, dass der Unternehmensstammtisch zu einer festen Größe im Angebot der städtischen Wirtschaftsförderung wird. Dies schaffe einerseits eine Plattform zum Ideen- und Informationsaustausch zwischen Verwaltung und Wirtschaft und fördere andererseits den Aufbau eines Netzwerkes, mit dem man regionalen Entwicklungen gemeinsam begegnen könnte.

Tina Zander, Unternehmens- und Kommunikationsberaterin aus Kamenz, weiß, was Arbeitnehmern heute im Berufsalltag wichtig ist: weniger das Gehalt und regelmäßige Boni, sondern vielmehr Anerkennung, Wertschätzung und ein motivierendes Arbeitsklima. Führungskräfte könnten viel dazu beitragen, dass sich Arbeitnehmer und Azubis mit „ihrem Unternehmen“ identifizieren und damit die Mitarbeiterbindung wächst, so die Fachfrau.

Dass die Großenhainer Betriebe den Fachkräftebedarf bereits spüren, zeigte die rege Diskussion. Die Entwicklungen sind schon bei den Stellenausschreibungen sichtbar. Konnte man früher aus mehr als 50 oder 60 Bewerbern die Besten auswählen, sei man heute schon froh, wenn sich überhaupt 20 Interessenten für eine Stelle finden. Die Zahl der tatsächlich geeigneten Bewerber geht folglich drastisch zurück.

Ein weiteres Problem erkannten die Anwesenden im Image des Handwerks, das als weniger attraktiv gelte als ein Studium. Die wachsende Zahl an Gymnasiasten und damit Abiturienten nehme dem Handwerk auf Dauer gute Fachkräfte und künftige Meister. Das Lohngefüge und die starren Tarifbindungen machen den Betrieben außerdem zu schaffen. Körperlich harte Arbeit im Handwerk würde häufig weniger gut bezahlt, als ein Bürojob oder eine technische Ausbildung – weshalb junge Leute eher einen solchen Beruf ergreifen.

Auch die Beschäftigung ausländischer Fachkräfte sei mit vielen Hürden verbunden, so die Unternehmer. Dazu gehören nicht nur bürokratische Zwänge, sondern vor allem Sprachbarrieren, falsche Vorstellungen des Arbeitslebens in Deutschland und unzureichende fachliche Qualifikationen. Schon die Gewinnung ausländischer Fachkräfte sei ein enormer Kraftaufwand, den ein mittelständisches Unternehmen finanziell und personell nicht allein stemmen könne. Vor allem die Kammern und Innungen müssten hier aktiv werden.

Aber nicht nur über Probleme, sondern auch mögliche Lösungen wurde an diesem Abend gemeinsam diskutiert. Einig war man sich, dass auch Abiturienten stärker für einen Handwerksberuf interessiert werden sollten und Schüler schon frühzeitig über Praktika und Ferienarbeit in die Betriebe gezogen werden müssten. So könnte das Interesse für einen späteren Handwerksberuf steigen.

Die duale Berufsausbildung mit Abitur müsste noch wirksamer in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt werden. Diskutiert wurde auch, inwieweit Noten und Bewerbungsunterlagen noch genügend Aussagekraft über die Befähigung eines Bewerbers hätten. Oder ob zukünftig andere Auswahlkriterien und -methoden genutzt werden müssten, um geeignete Azubis und Bewerber zu finden. Es gebe genügend Menschen, deren Potenziale und Talente erst auf den zweiten oder dritten Blick zutage treten. Diesen solle und müsse man eine Chance geben.

Gut zweieinhalb Stunden dauerte der Stammtisch, der im kommenden Jahr fortgesetzt werden soll. Oberbürgermeister Mißbach zeigte sich danach zufrieden: „Als Stadtverwaltung können wir natürlich nicht alle Probleme lösen, aber wir hören aufmerksam zu und bieten unsere Hilfe an.“ Im Rahmen der städtischen Möglichkeiten kümmere man sich um wichtige Standortfaktoren, so dass Arbeitnehmer gern in Großenhain wohnen und arbeiten. Dazu gehören sanierte Kindereinrichtungen, Schulen, attraktive Wohnstandorte mit Breitbandanschluss und vielfältige Freizeit- und Kulturangebote. (SZ)