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Freitag, 18.05.2018 Aus dem Gerichtssaal

Kamikaze auf der Autobahn

Ein Opel zieht plötzlich nach links und rammt einen Audi. Hat der Fahrer den Unfall wirklich absichtlich herbeigeführt?

Von Jürgen Müller

Der abgedrängte Audi ist nur noch Schrott. Der Schaden ist größer als der Zeitwert des Fahrzeuges. Versicherungen sprechen von wirtschaftlichem Totalschaden.
Der abgedrängte Audi ist nur noch Schrott. Der Schaden ist größer als der Zeitwert des Fahrzeuges. Versicherungen sprechen von wirtschaftlichem Totalschaden.

© Polizei

Meißen. Kamikaze wurden Flieger einer japanischen Spezialtruppe genannt, die sich in den letzten Kriegsjahren 1944 und 1945 mit ihren Flugzeugen mit Selbstmordangriffen auf amerikanische Kriegsschiffe im Pazifik stürzten. Eine Kamikaze-Aktion wird dem Angeklagten auch vorgeworfen, doch soll er nicht ein Flugzeug, sondern ein Auto als Waffe benutzt haben.

Es ist normaler Verkehr an diesem Junivormittag auf der Autobahn 4 zwischen Dresden und Wilsdruff. Von hinten kommt ein Audi angebraust, will einen Opel Astra überholen, gibt als Zeichen Lichthupe. Der Astrafahrer wechselt die Spur. Als beide Fahrzeuge auf gleicher Höhe sind, soll er dem Audifahrer den Mittelfinger gezeigt haben.

Und dann, bei etwa Tempo 120, soll der Kamenzer absichtlich nach links gezogen und den Audi zweimal gerammt haben. Der prallt gegen die Leitplanke, es entsteht Totalschaden. Wegen Gefährdung des Straßenverkehrs sitzt der 52-jährige Opelfahrer nun vorm Amtsgericht Meißen. Er habe versucht, bewusst einen Verkehrsunfall herbeizuführen und mittels eines gefährlichen Gegenstandes, also eines Autos, einen anderen an der Gesundheit zu schädigen, wirft ihm der Staatsanwalt vor.

Was sich da am Dreieck Nossen ereignet haben soll, schildert der Angeklagte jedoch ganz anders. Der Audi habe gedrängelt, behauptet er, sich dann vor ihn gesetzt und abrupt abgebremst, ihn also genötigt. Das habe sich mehrfach wiederholt. Der Audifahrer habe während der Fahrt auch versucht, ihn zu filmen oder zu fotografieren. Zur Kollision sei es nur gekommen, weil der Audi in einer Linkskurve geradeaus weitergefahren sei, so der Kamenzer. Unabhängige Zeugen können seine Aussage aber nicht bestätigen.

Der Angeklagte habe hektische Lenkbewegungen gemacht und sei ruckartig nach links gezogen, sagt der Fahrer eines VW Passat, der unmittelbar hinter dem Opel fuhr. Er hatte auch den Notruf an die Polizei abgesetzt. „Der Opel hat den Audi abgedrängt“, hatte er da gesagt. Ob er das absichtlich gemacht habe, daran hat der Zeuge jetzt Zweifel, ebenso wie sein Beifahrer. Der Opel-Fahrer habe wohl einen Zusammenstoß nur andeuten wollen, dabei wahrscheinlich die Kontrolle über sein Auto verloren, sagt dieser. Ein Grund für den Opel-Fahrer, nach links zu ziehen, habe es jedenfalls nicht gegeben.

Der geschädigte Audi-Fahrer sieht die ganze Aktion jedoch anders. „Mein Eindruck war, dass er das mit voller Absicht gemacht hat“, sagt er. Es habe kein ständiges gegenseitiges Überholen gegeben, nur diese eine Situation. Die Versicherung des Angeklagten hat den Schaden vollständig ersetzt. Derzeit streitet man sich noch um die Höhe des Schmerzensgeldes. 450 Euro hat die Versicherung gezahlt, der Geschädigte verlangt 300 Euro mehr.

Der Richter ist jedenfalls der Meinung, dass der Angeklagte kein Selbstmörder ist. „Ich gehe davon aus, dass es eine missratene Lenkbewegung war, Sie den Audi nicht absichtlich rammen wollten“, sagt er und stellt das Verfahren gegen eine Geldauflage ein. Der Angeklagte muss 2 000 Euro an eine gemeinnützige Organisation zahlen. Das Geld kommt dem Kinderschutzbund Radebeul zugute.

Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft den Kamenzer sogar wegen eines Verbrechens angeklagt, nämlich absichtlich einen Verkehrsunfall herbeigeführt zu haben. Bei einer Verurteilung hätte er mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr rechnen müssen.

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