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Freitag, 08.12.2017

Jeder zwölfte Erwachsene ist verschuldet

Das Inkasso-Unternehmen Creditreform stellt den neuen Schuldenatlas vor. Im Landkreis gibt es große Unterschiede.

Von Franz Werfel

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© Grafik: SZ

Sächsische Schweiz/ Osterzgebirge. Wer seine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann, Kredite nicht tilgt oder Rückforderungen von Behörden nicht erfüllt, häuft Schulden an. Wer diese Schulden auch in absehbarer Zeit nicht begleichen kann, gilt als überschuldet. Das Unternehmen Creditreform arbeitet als Wirtschaftsauskunftei und Inkassodienstleister. Niemand weiß so gut über die Verschuldung der Deutschen Bescheid wie dieses Unternehmen. Einmal im Jahr erstellt die Firma den deutschen Schuldneratlas. Die SZ zeigt die wichtigsten Ergebnisse für den Landkreis – und spricht mit einer Schuldnerberaterin über die Gründe für zu viele und zu hohe Schulden.

Ergebnis 1: Überschuldung im Landkreis ist nur leicht gestiegen

Vor einem Jahr waren im Landkreis 8,31 Prozent aller Einwohner ab 18 Jahren überschuldet. Das bedeutet, dass sie offene Zahlung derzeit und auch in absehbarer Zeit nicht mehr begleichen können. Überschuldete Menschen haben nicht genug Einkommen, um ihr tägliches Leben zu bestreiten und zugleich Schulden zu tilgen. Nach dem aktuellen Schuldneratlas der Wirtschaftsauskunftei waren in diesem Jahr 8,33 Prozent aller Erwachsenen im Landkreis überschuldet – also rund jeder zwölfte Einwohner.

Damit liegt der Kreis aber leicht unter dem sächsischen Durchschnitt von 9,97 Prozent. Deutschlandweit sind nur drei Regionen weniger stark verschuldet: Thüringen (9,25 %), Baden-Württemberg (8,31 %) und Bayern (7,47 %). Am höchsten verschuldet in der Republik ist Bremen mit 13,97 Prozent, der deutsche Durchschnitt liegt bei 10,04 Prozent.

Ergebnis 2: Große regionale Unterschiede im Landkreis

Nicht überall im Landkreis sind die Menschen ähnlich hoch überschuldet. Mit einer Quote von 4,5 Prozent sind die Einwohner von Hermsdorf/Erzgebirge am wenigsten verschuldet, gefolgt von den Lohmenern mit einer Quote von 4,9 Prozent. Am stärksten verschuldet im Landkreis sind die Menschen in Heidenau, Dohna und Freital – hier hat jeder neunte Erwachsene hohe Schulden. Im Zehn-Jahres-Vergleich hat sich die Einwohnerschaft von Wilsdruff am meisten entschuldet – die Quote liegt mittlerweile bei 7,7 Prozent, das ist jeder 13.

Ergebnis 3: Eher Männer verschuldet, die Hilfesuchenden werden älter

Mehr als zwei Drittel aller überschuldeten Menschen sind Männer. Das kann Cornelia Landow, Schuldnerberaterin der Bürgerhilfe Sachsen in Freital, aus ihrer täglichen Arbeit bestätigen. „Früher kamen mehr Frauen in unsere Beratungsstelle, das waren die klassischen Verschuldungen wegen zu ausschweifenden Konsums“, sagt sie. Doch das habe sich geändert. „Vielleicht liegt das auch daran, dass sich immer mehr Männer in eine Schuldnerberatung trauen.“ Männer haben eher Probleme mit offenen Bankkrediten, die sie nicht mehr zurückzahlen können und müssen bei Trennungen oder Scheidungen öfter Unterhalt zahlen als Frauen. „Stellen Sie sich vor, Sie sind verheiratet und haben zwei Kinder. Sie bauen ein Haus, kurz darauf sagt Ihre Frau, dass sie sich trennen will“, skizziert Cornelia Landow einen typischen Fall.

Was sie damit auch zeigen will: Überschuldung kann jeden treffen, auch denjenigen, der mit offenen Augen und guter Bildung durchs Leben geht. „Für bestimmte Lebensumstände wie eine Trennung oder einen schlimmen Unfall, nach dem man arbeitsunfähig ist, kann man nicht immer etwas“, so Landow. Vorrangig trifft sie in ihren rund 1 700 Schuldnerberatungen pro Jahr aber Menschen, die Hartz-IV beziehen oder deren geringen Lohn der Staat aufstockt. Aber auch viele Rentner oder Lohnempfänger suchen die Beratungsstelle in Freital auf.

Laut Creditreform sind die fünf wichtigsten Gründe für zu hohe Schulden Arbeitslosigkeit, Trennung/Scheidung, Krankheit, schlechte Haushaltsführung oder eine gescheiterte Selbstständigkeit. Waren früher vor allem die 20- bis 30-Jährigen von Überschuldung betroffen, so sind es jetzt eher die 30- bis 40-Jährigen. Online-Shopping hält Thomas Schulz, Prokurist der Creditreform Dresden, für gefährlich. Die Anonymität im Internet fördere den Kauf auf Pump. Das Konsumverhalten könne so schnell mit Zahlungsunfähigkeit einhergehen. „Günstige Ratenzahlungen suggerieren den Kunden Zahlungsfähigkeit. Sie binden sie aber teilweise jahrelang“, so Schulz.

Ausblick: Altersarmut in der Region wird zunehmen

„Noch vor einigen Jahren betrug das Rentenniveau 55 Prozent des letzten Einkommens“, sagt die Freitaler Schuldnerberaterin Cornelia Landow. „Aktuelle Prognosen gehen von 43 Prozent ab dem Jahr 2030 aus.“ Somit sei klar, dass künftig deutlich mehr Menschen im Alter von Armut betroffen sein werden als heute. Dem von Politik und Wirtschaft oft gegebenen Tipp, man solle privat versorgen, kann sie nicht viel abgewinnen. „Wovon soll ich vorsorgen, wenn das Einkommen gerade mal für das tägliche Leben reicht?“, fragt Landow.