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Freitag, 29.12.2017

Internationales Chorprojekt

Einheimische und Flüchtlinge singen sich durch die deutsche Rock- und Popgeschichte. Und das zugunsten des Pretzschendorfer Kulturhauses.

Von Anja Ehrhartsmann

Friedemann Röber aus Pretzschendorf leitet ein Chorprojekt mit Klingenberger Flüchtlingen.
Friedemann Röber aus Pretzschendorf leitet ein Chorprojekt mit Klingenberger Flüchtlingen.

© SZ/Anja Ehrhartsmann

Pretzschendorf. Ein besonderes Chorprojekt feiert am Sonnabend, 19.19 Uhr, Premiere auf der Bühne des Kulturhauses Pretzschendorf: Der Männerchor „Jawqat“, Flüchtlinge aus der Gemeinschaftsunterkunft in Klingenberg, tritt mit den Pretzschendorfer „Chorlauten“ auf. Die Besucher erwartet eine musikalische Reise durch deutsche Rock- und Popgeschichte mit Titeln der Ost-Rock-Legenden Puhdys, City und Karat bis hin zu Xavier Naidoo oder Tim Bendzko. Das Projekt wird von der Diakonie Dippoldiswalde, der Sächsischen Aufbaubank, dem Landkreis und der Gemeinde Klingenberg gefördert. Der Eintritt ist frei, Spenden kommen dem Erhalt des Kulturhauses zugute.

„Über sieben Brücken musst du geh’n“, so heißt nicht nur eines der Lieder, das am Sonnabend angestimmt werden wird, sondern das ganze Konzert ist damit überschrieben. Denn das Programm bewegt sich zwischen den Musikstilen, zwischen den Nationen und zwischen den Jahren. „Um die vielen Zwischens zu überbrücken, braucht es Brücken“, erklärt Chorleiter Friedemann Röber den Hintergedanken.

Der Pretzschendorfer hat die musikalische Leitung des Projekts übernommen, das die Diakonie Dippoldiswalde ins Leben gerufen hat. Projektleiter Andreas Wilczek, Flüchtlingssozialarbeiter der Diakonie Dippoldiswalde, kam vergangenes Jahr mit der Idee auf den freischaffenden Chorleiter zu. „Ich konnte mir das gut vorstellen“, sagt Friedemann Röber. Wohl wissend, dass nicht nur sprachliche Barrieren überwunden werden müssen, sondern vor allem musikalische. „Ich habe schon mal mit Leuten aus dem arabischen Raum zusammengearbeitet und wusste deshalb, dass es kein Harmonie- und Rhythmusverständnis in unserem Sinne gibt.“ Die in Deutschland gebräuchlichen Stimmlagen wie Sopran, Alt, Bass und Tenor spielen dort keine Rolle, ebenso wenig die verschiedenen Tonarten wie Dur oder Moll. Im April begannen die ersten Proben. Nach und nach bildete sich ein harter Kern mit sechs Sängern heraus, andere kamen eher unregelmäßig. Aber der Chorleiter wusste sich zu helfen. „Es war mir bewusst, dass Zeitabsprachen schwierig sind, deshalb sind wir kurz vor den Proben singend durch die Gänge gelaufen und haben so die Leute dran erinnert, dass etwas stattfindet.“ Mit Beginn des Ramadan, dem Fastenmonat der Muslime, war Flexibilität gefragt, wie Friedemann Röber berichtet. Vier Wochen lang wurde erst nach Sonnenuntergang, also nach dem Fastenbrechen, geprobt. Nach den Sommerferien kam dann der Rückschlag, denn viele Chormitglieder waren aus der Unterkunft weggezogen. „Wir mussten wieder ganz von vorne anfangen und wären deshalb fast gescheitert.“ Doch Durchhaltevermögen und zwei zusätzliche Probenwochenenden zahlten sich aus, sodass dem Konzert nun nichts mehr im Wege steht.

Vor allem das Lied „Marmor, Stein und Eisen bricht“ von Drafi Deutscher habe es den Sängern aus der Gemeinschaftsunterkunft angetan. „Das lässt sich gut singen und es geht um die Liebe“, sagt Friedemann Röber und lacht. Zum Auftakt singen die Chöre am Sonnabend im Kanon, dann folgen einige Klassiker. Mit dabei sind mehrere Musiker, die Band „Turtle Brain“ spielt außerdem zwei Solo-Stücke.

Ob es nach dem Konzertabend mit dem Chorprojekt weitergehen wird, steht derzeit noch nicht fest. „Ich hätte auf jeden Fall Lust“, sagt Friedemann Röber.

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