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Freitag, 16.03.2018

In Dresden wird bald die Zigarette von morgen gedreht

In Dresden beginnt der Bau einer neuen Tabakfabrik. Das Vorbild steht nahe Bologna in Norditalien. Ein Werksbesuch.

Von Georg Moeritz, Crespellano bei Bologna

15 Blick in die italienische Zigarettenfabrik

Fabrik mit Flugdach: Auf einer Wiese bei Bologna steht das Vorbild für das geplante Dresdner Werk. Der Aufbau innen soll gleich werden, die Fassade nicht unbedingt.
Fabrik mit Flugdach: Auf einer Wiese bei Bologna steht das Vorbild für das geplante Dresdner Werk. Der Aufbau innen soll gleich werden, die Fassade nicht unbedingt.

© Ronald Bonß

Oh, Mentholgeruch! Dazu lautes Hupen von jungen Italienern auf Transportwagen. Da nähert sich schon der nächste dem Zebrastreifen im langen Korridor, an den rechts und links die Fabrikhallen angeschlossen sind. Ein Wägelchen schafft leere Kartons aus einer Halle heraus, das nächste bringt dicke Rollen aus gewickelter Tabakfolie hinein. Immer wieder schafft sich ein Transporteur mit Hupen Platz in der Fabrik des Tabakkonzerns Philip Morris in Crespellano bei Bologna.

Blick in die italienische Zigarettenfabrik

Das Ziel sind Maschinen, in denen Greifarme den Nachschub lupfen und schwenken und ablegen. Dazwischen schrauben Arbeiter in mintfarbenen Shirts an stehengebliebenen Anlagen herum, einer hat seine Brille in die Haare hochgeschoben und fegt Heruntergefallenes zusammen. Eine Frau schiebt einen Reinigungswagen der Firma Dussmann. 1 200 Menschen arbeiten in der Fabrik in Norditalien, die vor anderthalb Jahren in Betrieb ging und nun Vorbild ist für einen Neubau in Dresden. Dort sind 500 Arbeitsplätze angekündigt. Der Besucher sieht mehr Maschinen als Menschen, viel Metall. Schmale Bänder transportieren massenweise Stäbchen, die wie Zigaretten aussehen. Überall in der Halle winden sich die Mini-Fließbänder in Überkopfhöhe, bis sie in Trichter an Verpackungsmaschinen münden. In das Grundrauschen mischt sich ein Rattern, ein Zischen. Ein Schild „Attenzione“ mahnt die Italiener zur Vorsicht.

Dass es in Teilen der Fabrik nach Menthol statt nach Tabak riecht, erklärt Sprecher Simon Dowding mit einer Vorliebe der japanischen Kunden. In Japan hat Philip Morris im Januar nach eigenen Angaben 16 Prozent Anteil am Tabakmarkt mit seinen neuartigen Produkten erreicht: mit Tabakstäbchen, die nicht mehr wie Zigaretten angezündet und verbrannt werden. In Japan ist Menthol als eine Beimischung beliebt, in Deutschland ist Mentholtabak ein Auslaufmodell – ab 2020 untersagt, weil solche Zusatzstoffe zum Nikotinkonsum verleiten können.

Die Tabakstäbchen aus Crespellano und demnächst aus Dresden werden in Deutschland als „Heets“ verkauft, in Japan unter dem bekannten Namen Marlboro. Sie sind etwa halb so lang wie Zigaretten und lassen sich nur mithilfe eines elektronischen Geräts konsumieren. Dessen Kunstname Iqos steht in Dresden derzeit auf vielen Litfaßsäulen und Plakaten. Unten steht stets: „Rauchen ist tödlich“. Die Warnung könnte für den Konzern zur Werbung werden: Nach seinen Angaben entwickeln die Heets keinen Rauch, sondern Dampf. Es entsteht keine Asche.

Der Grundstoff ist jedoch weiterhin Tabak mit Nikotin, das süchtig macht – eine Mitarbeiterin im weißen Kittel zeigt die Tabakblätter in einer Vitrine im Eingang zur Fabrik. Dort hat der Konzern einen Ausstellungsraum aufgebaut, groß beschriftet mit dem englischen Hinweis auf eine „rauchfreie Zukunft“. In der Fabrik wird der Tabak mit Zusatzstoffen in Wasser zu einem dünnen Brei. Trockner machen eine Tabakfolie daraus, die aufgerollt weitertransportiert wird. Simon Dowding lässt Besucher die papierdünne Folie anfassen, tabakbraun ist sie. Fester als Krümeltabak steckt das neue Produkt schließlich in seiner Papierhülle mit Filtern. Wer das Erhitzergerät Iqos einschaltet, bringt den Inhalt nach Konzern-Angaben auf rund 300 Grad statt auf 800 Grad wie bei der Zigarette.

Der Konzern weist selbst darauf hin, dass er zwar „risikoreduzierte“ Produkte entwickeln wolle – doch auch die „enthalten Nikotin, welches suchterzeugend und nicht frei von Risiko ist“. In Versuchen, auch mit Mäusen, bemüht sich Philip Morris um den Nachweis, dass wenigstens andere Zigarettengifte mit seinem neuen Produkt verringert oder vermieden werden. Das Bundesinstitut für Risikobewertung aber betont den Nikotingehalt, der in der gleichen Größenordnung liegt wie bei herkömmlichen Tabakzigaretten. „Daher muss von einem vergleichbaren Suchtpotenzial ausgegangen werden.“ Außer Philip Morris haben auch BAT und Japan Tobacco in einzelnen Ländern Tabakprodukte auf den Markt gebracht, die mit technischen Geräten ohne Rauch konsumiert werden können. Der Wettbewerb um die neue Technologie wird härter.

Vom Erfolg der neuen Tabakstäbchen hängen die Arbeitsplätze in den neuen Fabriken ab – und zugleich die in den alten Zigarettenfabriken. Das elektronische Gerät Iqos wird in Malaysia produziert. Doch die Tabakstäbchen als Verbrauchsprodukte lässt Philip Morris näher an den Konsumenten herstellen: Die geplante Fabrik in Dresden soll eine Kapazität von 30 Milliarden Stäbchen pro Jahr erreichen. Bei Erfolg ist Platz für eine Erweiterung der Fabrik in Flughafennähe. Das Werk bei Bologna ist bereits erweitert worden und soll auf eine Kapazität von 100 Milliarden Stück pro Jahr kommen. Beide Fabriken sind Neubauten in der Nähe bestehender Zigarettenfabriken. In Griechenland und Rumänien baut der Konzern dagegen Zigarettenfabriken zu Werken für die neuen „Heets“ um.

Technik für Raucher, die auf Erhitzen umsteigen: Das Gerät Iqos aus Malaysia wird mit Strom aufgeladen – und mit Tabakstäbchen als Wegwerfprodukt.

Die Dresdner Fabrik wird nach italienischem Vorbild aus einzelnen Hallen entlang eines langen Korridors bestehen. Ob der Eingang dasgleiche große Flugdach bekommt wie das Vorbild, will Philip Morris erst in einigen Wochen bekannt geben – voraussichtlich Ende Mai wird eine Art erster Spatenstich stattfinden. Mitte nächsten Jahres soll die „Heets“-Produktion beginnen, während nebenan die neue Bosch-Mikrochipfabrik für 700 Mitarbeiter gebaut wird. Die ersten Mitarbeiter der neuen Tabakfabrik sind schon eingestellt – zum Beispiel Personalmanager. Sie arbeiten zunächst auf dem Gelände der alten Tabakfabrik im Dresdner Osten.

Dort an der Glashütter Straße riecht es nach Tabak. Hauptsächlich Feinschnitt für selbstgedrehte Zigaretten wird dort hergestellt, nach Konzernangaben kommt aber auch die F6-Zigarette weiterhin von dort. Die Belegschaft ist in den vergangenen Jahren von 400 auf unter 300 Beschäftigte geschrumpft. Viele gehen laut Gewerkschafter Volkmar Heinrich von der NGG (Nahrung, Genuss, Gaststätten) bald in Altersteilzeit. Volker Winkel aus der Konzernkommunikation sagt, bisher seien Bewerber für die neue Fabrik hauptsächlich aus der eigenen Belegschaft gekommen – auch aus dem Werk Berlin mit 1 200 Beschäftigten und der Verwaltung bei München.

Geschult werden die Mitarbeiter der neuen Fabrik in Italien. Dafür nehme der Konzern viel Geld in die Hand, berichtet Gewerkschafter Heinrich. Er hofft, dass die neue Fabrik nach dem Tarifvertrag der Zigarettenindustrie zahlen wird – auch wenn die Stäbchen nicht mehr Zigarette heißen.


Philip Morris baut das neue Werk im Dresdner Norden, direkt neben einer ebenfalls in Bau befindlichen Bosch-Fabrik:

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 15 Kommentare

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  1. Hosterwitzer

    Wirtschaft + Gesundheit -

  2. gu-ro

    Schön, dass sich jeder z.B. mit Zigaretten- oder Zigarettenersatzqualm selbst vergiften darf. Das schafft Arbeitsplätze und generiert Steuereinnahmen. Böse Zungen behaupten ja, wenn alle aufhören würden zu Rauchen, wäre der Staat in kürzester Zeit Pleite. So gesehen ist der Bau dieses Werkes eine gute Nachricht. Ich hoffe nur immer wieder, dass die Dieselfahrzeughysteriker alle Nichtraucher sind, alles Andere wäre paradox.

  3. Thomas Rosenberg

    @1: Mal wieder schön pauschalisiert. Aber auch veganes Paleopulver wird industriell hergestellt. Sogar der Biobauer nimmt zur Feldbestellung einen Traktor. Muss er ja. Bei einem Ochsen vor dem Plug, wäre es ja nicht vegan. Nur paleo bekomme ich nicht auf die Reihe. Das müssten doch Wildsamen gesammelt, mit Steinen zerklopft, im Einbaum transportiert...

  4. Thomas Rosenberg

    @2: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Denn hinzu kommt: Anti-Alkoholiker, Canabis-Verneiner, Zuckerfrei-Ernährer, Deo-Nichtbenutzer...

  5. Wiesel

    Ahja wurde noch ein Wiese gefunden die man zubetonieren kann. Warum wird eigentlich nicht das Industriegelände für Industieneubauten genutzt?

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