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Donnerstag, 11.01.2018

„Ich hoffe, dass sie eine gerechte Strafe bekommt“

Der Fall des toten Babys von Niederau erregt die Gemüter. Inzwischen ist klar, woher die Mutter stammt.

Von Jürgen Müller

Blick durch keine geöffnete Babyklappe. In eine solche hätte die Mutter ihr Neugeborenes bringen können. Babyklappen, in denen auch Kinder aus dem Landkreis Meißen abgegeben werden können, gibt es beispielsweise in Dresden.
Blick durch keine geöffnete Babyklappe. In eine solche hätte die Mutter ihr Neugeborenes bringen können. Babyklappen, in denen auch Kinder aus dem Landkreis Meißen abgegeben werden können, gibt es beispielsweise in Dresden.

© dpa

Niederau/Meißen. Der Fund einer Babyleiche in Niederau Anfang Dezember sorgt nicht nur im Landkreis Meißen viel viele Diskussionen. Jetzt wurde die Mutter des getöteten Neugeborenen durch einen DNA-Tast ermittelt. Inzwischen sickerte durch, dass die 30 Jahre alte Frau aus einem Ortsteil der Gemeinde Niederau stammt. Sie befindet sich in Untersuchungshaft. Ihr wird Verdacht des Totschlags vorgeworfen.

„Seit dem Fund des kleinen Wesens habe ich jeden Artikel verfolgt. Ich bin gerade schwanger und finde diese Tat abscheulich“, schreibt Kathrin Schneider, die aus Meißen stammt. Heutzutage gäbe es so viele Möglichkeiten, wenn man das Kind nicht wolle. „Ich habe einige Freundinnen, die leider ihr Kind verloren haben und versuchen, wieder schwanger zu werden. Es gibt so viele Frauen, die keine Kinder bekommen können und sich sehnlichst ein Kind wünschen“, so die 34-Jährige.

Eine solche Möglichkeit wäre, das Kind zur Adoption freizugeben. Wie oft das im vergangenen Jahr im Landkreis Meißen geschah, kann man im Landratsamt nicht sagen. Die Statistik liege erst Anfang Februar vor. „Aus den Jahren 2009 bis 2016 wissen wir, dass der Durchschnitt bei 15 Vermittlungen pro Jahr lag. 2017 werden es wohl erneut mehr als zehn sein“, so Pressesprecherin Kerstin Thöns.

Für Mütter, die aus welchen Gründen auch immer ihr Kind nicht behalten wollen, hat sich im Jahr 2000 der Verein Kaleb in Dresden gegründet. Seit 2001 gibt es dort auch ein Findelkind-Projekt. Dies entstand, nachdem ein Jahr zuvor im Landkreis Meißen ein totes Baby gefunden wurde. Der Verein hat auch durchgesetzt, dass es eine Babyklappe in Dresden gibt, die auch von Müttern aus dem Landkreis Meißen genutzt werden kann. In den ersten zehn Jahren sind in dem Findelkind-Projekt 37 Neugeborene angekommen. 21 Frauen baten um die Begleitung bei einer anonymen Geburt, 16 Frauen haben ihre Kinder über die Babyklappe den Mitarbeiterinnen des Vereins anvertraut.

Über eine Babyklappe wurde im Landkreis Meißen immer wieder diskutiert, diese aber nie realisiert. Die Einrichtung erfordere eine Reihe medizinischer, sicherheitstechnischer und versicherungsrechtlicher Voraussetzungen, die sich nicht ohne weiteres realisieren ließen. Der Landkreis setze auf sein starkes Netz an frühen Hilfen, um werdenden Müttern in Konfliktsituationen zu helfen, sagt Landkreis-Sprecherin Kerstin Thöns.

Statt auf eine Babyklappe setzten die Elblandkliniken Meißen auf die vertrauliche Geburt, so Kliniksprecherin Sabine Seiler. Die Frauen könnten diese nutzen, um ihr Kind medizinisch sicher, vertraulich und anonym in einem Krankenhaus zur Welt zu bringen. Dies gelte selbstverständlich auch für minderjährige Schwangere. Ziel dieser Alternative zur Babyklappe sei es, riskante Geburten ohne medizinische Begleitung sowie Aussetzungen und Tötungen zu verhindern und die Persönlichkeitsrechte eines Kindes wahren zu können. „Wir sind von diesem Konzept der Unterstützung überzeugt und werden keine Babyklappe installieren. Die vertrauliche Geburt ist gut für Mutter und Kind“, so Sabine Seiler.

Einige Frauen, die zunächst mit der Situation überfordert waren, hätten sich nach der Beratung dafür entschieden, ihr Kind sogar regulär auf die Welt zu bringen und mit ihm zu leben oder es zur Adoption freizugeben. Das Geburtsteam sei auf solche Ausnahmesituationen eingestellt und gehe verständnisvoll mit diesen Situationen um. In den Elblandkliniken werde keine betroffene Frau abgewiesen, gleich welcher Herkunft und unabhängig vom Versichertenstatus der Schwangeren. „Bei uns erhalten die schwangeren Frauen in Not die vertrauliche Unterstützung, die sie brauchen. Die Entbindung kann auch unter einem Pseudonym erfolgen und wird genauso fachlich begleitet wie jede andere Geburt auch“, so die Sprecherin.

Bisher sind die Umstände der Tat in Niederau noch völlig ungeklärt. Diese herauszufinden, ist Aufgabe der laufenden Ermittlungen. Verständnis für die Tat gibt es nicht: „Es ist so unfassbar. Vom geborgenen Bauch ausgesetzt in die Kälte auf sich alleine gestellt. Wie man das übers Herz bringen kann, bleibt mir ein Rätsel. Leider macht das Geständnis den kleinen Engel nicht wieder lebendig“, schreibt Tina Langer auf Facebook. Kathrin Schneider kann sich noch genau an die Geburt ihres Sohnes erinnern. „Es war so ein wundervolles Gefühl, als unser kleiner Bub auf meinem Bauch lag. Kinder sind etwas Wundervolles und egal, was eine Frau durchmacht, können die Kinder absolut nichts dafür. Ich hoffe, dass die Frauen, die so eine Tat begehen, eine gerechte Strafe bekommen“, schreibt sie der SZ.

Das kostenlose Hilfetelefon „Schwangere in Not“ ist unter der Rufnummer 0800 40 40 020 zu erreichen.