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Mittwoch, 11.10.2017

„Ich habe die Leipziger schätzen gelernt“

Porsche-Produktionsvorstand Albrecht Reimold über die Dieselkrise und Leipzigs Chancen, auch den Elektro-Macan zu bauen.

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Lichterburg in Leipzig. Porsche baut hier seinen Panamera, Macan und die Karosserie des neuen Bentley.
Lichterburg in Leipzig. Porsche baut hier seinen Panamera, Macan und die Karosserie des neuen Bentley.

© Porsche AG / Marco Prosch

Albrecht Reimold (56), ist seit Februar 2016 Produktionsvorstand bei Porsche.
Albrecht Reimold (56), ist seit Februar 2016 Produktionsvorstand bei Porsche.

© Porsche

Herr Reimold, das Ansehen der Automanager hat durch den Abgasskandal sehr gelitten. Wie gehen Sie persönlich mit diesen Angriffen um?

Ich habe eine klare Wertevorstellung für mein Tun, Handeln und den Umgang mit Menschen. Daher beteilige ich mich nicht an pauschalen Diskussionen in der Öffentlichkeit. Wenn es in persönlichen Gesprächen um die Dieselthematik geht, dann versuche ich, Klarheit im Sinne der Fakten zu schaffen. Da sind Ruhe und Gelassenheit gefragt. Zur Versachlichung solcher Diskussionen sollte man zudem mit guten Ergebnissen beitragen. Das war schon immer meine Devise im Berufsleben: Ergebnisse zeigen. Damit komme ich ganz gut voran.

Was raten Sie Dieselfahrern, die sich jetzt mit der Kaufentscheidung schwertun, weil sie Fahrverbote in Dresden oder Leipzig befürchten?

Man darf den Diesel nicht verteufeln. Die heutige moderne Dieselmotoren-Technologie leistet einen wertvollen Beitrag, -Emissionen zu reduzieren. Mittelfristig sind Diesel zur Erreichung der -Ziele erforderlich. Aktuelle Selbstzünder sind attraktive Antriebe und werden gerade in Europa von den Kunden hervorragend angenommen und geschätzt. Bei Porsche spielt der Diesel allerdings traditionell eine untergeordnete Rolle, sein Anteil liegt derzeit bei 14 Prozent. Porsche entwickelt und produziert selbst keine Diesel-Motoren. Wir bedienen uns an dieser Stelle aus dem Baukasten des Konzerns. Die Diesel-Aggregate sind für unser Portfolio eine gute Ergänzung. Im Übrigen verursachen die neuen Dieselmotoren erwiesenermaßen nur einen Bruchteil der Feinstaubbelastung. Neben einer herausragenden Fahrzeugentwicklung steht Porsche auch für eine ressourcenschonende Automobilproduktion. So haben wir beispielsweise entschieden, an allen Standorten regenerativen Strom einzusetzen, auch wenn es Mehrkosten bedeutet. Zudem testen wir aktuell im Leipziger Werk den Einsatz von Elektro-LKWs für den Transport der Fertigungsteile. Mir persönlich ist das Thema Nachhaltigkeit sehr wichtig.

Auch Leipzig droht ein Fahrverbot. Wie unterstützt Porsche als Arbeitgeber vor Ort die Stadt dabei, das zu verhindern?

Wir bieten unseren Leipziger Mitarbeitern Jobtickets an, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln in das Werk am Stadtrand zu kommen, und werben intensiv dafür, das Angebot auch zu nutzen. Darüber hinaus vermitteln wir mit einer speziellen App für das Smartphone Fahrgemeinschaften und bieten E-Fahrzeuge aus dem Volkswagen-Konzern als Leasingautos an.

VW-Vorstandschef Matthias Müller hat im SZ-Interview gesagt, wer einmal den Mission E gefahren ist, will keinen Tesla mehr fahren. Verspricht er zu viel?

Wir entwickeln den Mission E mit porschetypischen Genen – und zwar nicht nur in Bezug auf die Performance. Vor meinem Wechsel zu Porsche war ich vier Jahre bei Volkswagen Slovakia als Werkleiter tätig. In dieser Zeit haben wir mit dem e-up! das erste serienmäßige Elektrofahrzeug des Konzerns in Betrieb genommen. Ich hatte auch einen als Dienstfahrzeug. Er machte richtig Spaß, weil einem ab der ersten Umdrehung das volle Drehmoment zur Verfügung steht. Mit der optimalen Reichweite, wie wir das beim ersten elektrisch betriebenen Porsche umsetzen, sind E-Autos auch praktikabel. In dem Joint Venture für die Schnellladeinfrastruktur mit Daimler, BMW und Ford haben Porsche und Audi für den Volkswagen-Konzern die Federführung übernommen. In einem ersten Schritt wollen wir mehr als 400 Ladestationen auf Basis von Hochvolttechnologie in Europa errichten. Entscheidend wird sein, dass wir auch überall ausreichend regenerative Energie nutzen können, sonst ist die Elektromobilität nicht zielführend.

Fahren beim Mission E auch Teile aus Sachsen mit? Wie nehmen Sie die sächsischen Zulieferer mit?

Wie mit allen Zulieferern stehen wir auch mit unseren sächsischen Dienstleistern und Lieferanten frühzeitig im intensiven Kontakt und erläutern, was wir brauchen. Diese enge Einbindung ist ein klar definierter Prozess im Anlauf neuer Fahrzeuge.

Die Marke Tesla ist vor allem bei jungen Leuten populär. Sehen Sie das mit Sorge?

Wir sind sehr wachsam, was das Marken- und Nutzungsverhalten der jungen Generation betrifft. Ich würde das nicht nur an Tesla festmachen. Die junge Generation hat andere Ansprüche als wir vor 20 oder 30 Jahren. Für mich war als 18-Jähriger das Wichtigste, einen eigenen Käfer zu fahren. Das ist bei den jungen Menschen heute anders. Deshalb befassen wir uns in unserer Entwicklungsabteilung, im Vertrieb und in der Digital GmbH intensiv mit Konzepten, welche intelligenten Mobilitätsdienstleistungen Porsche zur Verfügung gestellt werden können.

Der VW-Konzern will bis 2030 alle Modelle elektrifizieren. Wenn der Macan eine elektrische Variante bekommt, wird diese dann in Leipzig gebaut?

Das ist noch nicht entschieden, aber wenn es so weit ist, wäre das auch ein Wunsch von mir. Es liegt in der Verantwortung eines Standortes, sich positiv zu entwickeln und für neue Modelle zu bewerben. Ich habe die Leipziger schätzen gelernt und bin mir sicher, dass sie uns überzeugen werden, so ein zukunftsgerichtetes Fahrzeug in Sachsen zu fertigen.

Wie können Sie die Kollegen überzeugen?

Mit guten Ideen und Konzepten, wie die hohen Qualitäts-, Produktivitäts- und Kostenvorgaben erreicht werden können. Im Fußball ist das ähnlich: Als Spieler musst du dich jede Woche auf dem Spielfeld topfit präsentieren, dann bekommst du die guten Vereinsangebote. Neben Qualität und Effizienz spielt in der Automobilfertigung auch die Flexibilität eine große Rolle. Denn die Märkte werden immer volatiler. Eine Fabrik muss darauf reagieren können und Arbeitszeitschichten und Produktionsfahrweisen zügig anpassen können. Ein wichtiges Entscheidungskriterium ist auch die umweltfreundliche Fertigung. Wenn alle Punkte erfüllt sind, sind die Chancen für so ein Fahrzeug in Leipzig sehr gut.

Doch der Cayenne geht 2018 komplett nach Bratislava, warum?

Auch hier geht es um das Thema Nachhaltigkeit. Bislang haben wir den zu drei Vierteln montierten Cayenne von Bratislava nach Leipzig gebracht, um dort das Fahrwerk und den Motor einzubauen. Es ist sehr kostenintensiv und unter Umweltgesichtspunkten nicht sinnvoll, halbfertige Fahrzeuge quer durch Europa zu fahren. Zudem hätten wir den Standort Leipzig nochmals erweitern müssen. Doch dort wurden erst im vergangenen Jahr 500 Millionen Euro investiert, um die gesamte Prozesskette für den Panamera aufzubauen. Auch da sind wir den Schritt gegangen, nicht länger halbfertige Autos von Hannover nach Leipzig zu transportieren. Leipzig ist ein vollwertiges Werk mit guten Zukunftsaussichten.

Und Leipzig ist nach dem Weggang des Cayennes immer noch gut ausgelastet?

Das Werk in Leipzig ist optimal ausgelastet. Wir haben den Panamera komplett nach Leipzig gebracht. Mit dem Sport Turismo läuft zudem ein neues Produkt gerade hoch. Die Auftragslage für den Macan ist sehr gut – und dann haben wir noch etwas Viertes entschieden. In Leipzig wird die Karosserie für den neuen Bentley produziert. Sie sahen den phänomenalen Bentley Continental GTE auf der IAA stehen. Also Leipzig hat richtig gewonnen im Produktionsnetzwerk der Porsche AG.

Stichwort Industrie 4.0. Viele Menschen in der Autoproduktion bangen um ihren Job wegen der Digitalisierung. Werden in zehn Jahren noch die 4100 Beschäftigten im Werk Leipzig arbeiten?

Da bin ich mir absolut sicher. Es sei denn, uns fällt der Himmel auf den Kopf, wie Obelix immer so schön sagt. Wir setzen das Thema Digitalisierung als Unterstützung unserer Mitarbeiter ein. Roboter werden ergonomisch schwierige Aufgaben übernehmen. Neue Analyse- und Regelungsinstrumente lösen hochkomplexe Prozesse. Daraus ergeben sich veränderte, anspruchsvollere Tätigkeiten für die Mitarbeiter in der Steuerung der neuen Technologien. Für diese Weiterqualifizierung haben wir in Leipzig ein neues Ausbildungszentrum errichtet, um sich schon heute intensiv auf die Anforderungen von morgen vorzubereiten. Unser Innovationsantrieb und unsere kompetenten Mitarbeiter sichern den Erfolg von Porsche in der Industrie 4.0.

Das Gespräch führte Nora Miethke.

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