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Sonntag, 31.12.2017

Hipper Urlaub auf Balkonien

Ein Verein will mit Filmen die Dresdner für den Umweltschutz gewinnen. Und fordert dafür manch harten Verzicht.

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Franziska Pschera wirbt für nachhaltigen Urlaub und organisiert den Kurzfilmwettbewerb Sukuma-Award.
Franziska Pschera wirbt für nachhaltigen Urlaub und organisiert den Kurzfilmwettbewerb Sukuma-Award.

© René Meinig

Frau Pschera, wo haben Sie denn im Sommer Urlaub gemacht?

Ich war mit meiner Familie an der Ostsee. Wir sind das erste Mal mit dem Zug gefahren, die Räder hatten wir mit. Sonst haben wir uns ein Auto für den Urlaub gemietet. Aber es geht auch ohne. Es war toll.

Damit gehen Sie nicht mit dem Trend. Viele Dresdner verreisen mindestens einmal im Jahr mit dem Flugzeug.

Ich fliege seit sieben Jahren nicht mehr. Das Flugzeug ist das umweltschädlichste Fortbewegungsmittel. Der Verzicht auf die Fliegerei ist eine weit schwierigere Entscheidung als die Entscheidung, sich nur noch vegetarisch zu ernähren. Das habe ich im Freundeskreis erfahren. Wenn es um gemeinsamen Urlaub geht, ist man schnell die Bremse, wenn man nicht fliegen will. Aber je länger ich darauf verzichte, desto weniger vermisse ich etwas.

Beim Wettbewerb ihres Vereins Sukuma-Arts sollen Kurzfilme entstehen, die für nachhaltigen Urlaub werben. Wie geht der für die Umwelt leichte Urlaub?

Dafür gibt es eine einfache Formel: Vermeiden, Reduzieren, Kompensieren. Das Flugzeug zu meiden ist an sich die radikalste, wenn auch effektivste Lösung. Wer reduzieren will, kann zum Beispiel nur direkte Flugverbindungen buchen und notfalls mit dem Zug zum Startflughafen fahren. Für das Kompensieren gibt es Rechner im Internet. Die berechnen den -Ausstoß für jede Reise und zeigen einen Spendenbetrag an, den man als Ausgleich für ein Umweltprojekt zahlen kann. Die nachhaltigste Form des Urlaubs ist, wenn man zu Hause bleibt. Balkonien kann auch sehr hip sein.

Mit dieser Empfehlung werden Sie doch kaum Zustimmung finden. Gegen den Wunsch nach Tapentenwechsel und Fernweh kommen sie doch nicht an.

Ich kann die Kritiker verstehen. Wichtig ist, einen Kompromiss zu finden. Ich kann ja auch nur einmal im Jahr wegfahren und die anderen freien Tage zu Hause bleiben. Warum nicht mal ein Wochenende lang mit Freunden die Wohnung tauschen? Welch spannender Tapetenwechsel. Urlaub bedeutet ja eigentlich nur, eine möglichst stressfreie Zeit zu verbringen. Das geht auch wunderbar zu Hause.

Doch was hilft denn gegen Fernweh?

Nur ein ganz kleiner Teil der Weltbevölkerung kann überhaupt reisen. Weniger als zehn Prozent der Weltbevölkerung sind jemals über die eigene Landesgrenze hinaus gekommen. Klar, viele Menschen haben Wünsche, wo sie hinreisen und was sie sehen wollen. Aber diese Liste ist niemals zu Ende. Ist ein Ziel abgehakt, tut sich ein neues auf. Auch das ist Stress, den man eigentlich nicht mit Urlaub verbinden will. Verzicht befreit von diesem Stress.

Das Gespräch führte Annechristin Bonß.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 23 Kommentare

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  1. Randdresdnerin

    Es kommt wohl immer auf die Betrachtungsweise an. Ich fahre sehr gern mit dem Zug, aber ich würde niemals in der Hochsaison mit zwei kleinen Kindern, dementsprechend Gepäck, mit dem Zug in den Urlaub fahren. Wegen der Schulferien bin ich an diese Zeit gebunden. Zum anderen, es gibt Urlaubsziele, die sind nun mal nicht ohne Flugzeug zu erreichen. Ich möchte etwas von der Welt sehen, und zwar aus eigenem Erleben. Für Balkonien ist später noch genug Zeit.

  2. bernoi

    mag ja gut sein wenn man sich für Umweltschutz einsetzt, auch mit Verzicht auf bestimmte Dinge, aber jeder so wie es auch über längere Zeit möglich ist...Wir fahren auf Besuch zur Verwandtschaft schon seit Jahren mit 2 Kindern die lange Strecke mit dem Zug und auch in die Sächsische Schweiz bin ich schon seit Jahren Zugfahrer zum wandern und klettern...jetzt kommt das aber: Hat schon mal jemand versucht mit 2 Kindern zur angeheirateten Großfamilie mit Fahrrad und Zug zu kommen ??? Spätestens hier hört für mich ein fanatischer Verzicht auf...aller 3 Jahre wollen wir unsere Verwandtschaft meiner vietnamesischen Frau in Vietnam besuchen und da sind wir nun mal aufs Flugzeug angewiesen... Abgesehen davon ist das sowieso nur ein Tropfen auf den heissen Stein aufs Flugzeug zu verzichten, denn wo geht es denn weiter: alles aus Erdöl hergestellte Plastik und Gummi aus dem Haushalt entfernen (keine Waschmaschine, kein Kühlschrank, kein Herd, kein Handy, kein geliebtes Legospielzeug mehr etc.)

  3. Martin Schmidt

    Darauf habe ich schon lange gewartet. In meinem entfernteren Umfeld sind ohnehin die größten Grünen-Anhänger und die, die sich besonders ökologisch und besorgt Gebenden diejenigen, die die meisten Fernreisen, mindestens einmal im Jahr, und zwar richtig weite Reisen, natürlich mit dem Flugzeug machen, und mir dann verbieten wollen, mit dem Auto auf Arbeit zu fahren oder Schnitzel zu essen, und ich denke mir immer, für einmal Nepal kann ich das ganze Jahr lang mit dem Auto fahren... Ich dagegen fahre fast immer mit dem Zug in den Urlaub, das funktioniert zwar nicht immer gut, aber man kommt auch an. Einen Sketch von Hagen Rether (auch wenn ich den überhaupt nicht leiden kann) gibts zu dem Thema auch...

  4. Juliane

    Wenn Frau Pschera wirklich effektiv hätte Urlaub machen wollen, hätte sie sich Räder vor Ort ausleihen können. An der Ostsee sollte das wohl gehen. Übrigens: "Nur ein ganz kleiner Teil der Weltbevölkerung kann überhaupt reisen." Sollen wir uns jetzt alle schlecht fühlen, wenn wir einmal im Jahr das oft mühsam Ersparte in Erholung stecken, die 3 km entfernt vom trauten Heim erfolgt? Ich kann es nicht mehr hören, dieses "anderen geht es so viel schlechter und jetzt sei mal bisschen demütig".

  5. edelsachse

    @juliane: ja, Demut scheint furchtbar weh zu tun.... Viele Dinge im Leben kann man trotz Demut tun, etwas zu tun und Demut zu empfinden schließt sich ja nicht gegenseitig aus. Aber zum Glück kann das ja Jeder für sich selber ausmachen.

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