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Samstag, 12.08.2017

Herr Zhu will Sachsens Fußball-Wissen

In der Sportstadt weiß man, wie Nachwuchsarbeit funktioniert. China möchte nun davon profitieren.

Von Britta Veltzke

Beratungen vorm Marx-Holzschnitt: Liangjun Zhu und seine Tochter Chengjia Zhu diskutieren mit Vertretern der Stadt Riesa in der Oberschule Am Sportzentrum über eine mögliche Zusammenarbeit. Die Erwartungen von chinesischer Seite sind hoch.
Beratungen vorm Marx-Holzschnitt: Liangjun Zhu und seine Tochter Chengjia Zhu diskutieren mit Vertretern der Stadt Riesa in der Oberschule Am Sportzentrum über eine mögliche Zusammenarbeit. Die Erwartungen von chinesischer Seite sind hoch.

© Lutz Weidler

Riesa. Im Sitzungsraum der Oberschule Am Sportzentrum ging es am Mittwochmittag um nichts Geringeres als um die Zukunft des Fußballs in China. Staatschef Xi Jinping ist ein ausgemachter Fan der Sportart. Das Problem: In seinem Land spielt sie bislang kaum eine Rolle. Das will Jinping ändern. Tausende Schulen mit dem Schwerpunkt Fußball sollen in den nächsten Jahren im ganzen Land eröffnen. China soll in der internationalen Riege der weltbesten Fußballnationen mitspielen.

Einer der vielen Akteure, die dem Staatschef dabei helfen sollen, ist Liangjun Zhu. Er stammt aus dem Shanghaier Stadtbezirk Qingpu, wo er als Berater für den Bildungsbereich der Bezirksregierung arbeitet. Schon seit Monaten besteht Kontakt zwischen dem Chinesen und der Stadt Riesa. Zhu möchte das Konzept der deutschen Fußball-Nachwuchsarbeit auf seine Heimat übertragen. Nun sucht er nach Partnern. Sein Ziel ist es, ein Kooperationsvertrag mit Riesa abzuschließen. Beginnen will Zhu dann mit einer Pilot-Mittelschule aus Qingpu. Mehrere Hundert Kinder sollen Fußballspielen lernen, und das möglichst schnell. Die Erwartungen sind hoch. So viel steht schnell fest. „Wenn wir in China den Begriff Fußball hören, dann denken wir an Deutschland“, sagt er. Seine Tochter übersetzt. Chengjia Zhu hat in Düsseldorf studiert und lebt in Deutschland. Sie spricht fließend Deutsch, nahezu akzentfrei. Bei den Anwesenden im Sitzungsraum der Oberschule erntet Zhu für seine Aussage über die Fußballnation Deutschland wohlwollende Blicke.

Zu dem Treffen gekommen sind Oberbürgermeister Marco Müller (CDU) mit seiner Mitarbeiterin Manuela Langer, Schuldirektor Edmund Weigl, der hauptamtliche Trainer der BSG Stahl Riesa Robert Raue sowie Kurt Hähnichen und Susanne Voigt von „Riesa und die Welt“. Der Verein bemüht sich um die Städtepartnerschaften Riesas. Ebenfalls dabei war der Mann, der den Kontakt überhaupt erst eingefädelt hat: der Ingenieur Claus Treppte. Der gebürtige Riesaer lebt in Berlin, verbringt aber rund die Hälfte des Jahres beruflich in Shanghai. Über den Bundesverband für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft hat er Liangjun Zhu kennengelernt.

Bei dem Treffen in Riesa sollte es aus Sicht der heimischen Teilnehmer vor allem um einen Schüleraustausch gehen. Doch Zhu will mehr. „Wenn die Kinder hierher kommen und keine Vorkenntnisse im Fußball haben, werden sie auch keine Erfolge feiern können“, sagt er. Bedenken hat er außerdem, dass die chinesischen Eltern ihre Kinder nicht „einfach so“ nach Riesa schicken. „Da fehlt das Vertrauen. Sie kennen vielleicht große international erfolgreiche Fußballvereine aus Deutschland. Aber Riesa kennt niemand.“ Daher schlägt er vor, einen Fußballlehrer aus Riesa nach China zu schicken. Quasi als vertrauensbildende Maßnahme. Hier kommt die BSG Stahl Riesa ins Spiel. Doch Trainer Robert Raue muss die Erwartungen Zhus bremsen. Um alle 600 Kinder der „Pilotschule“ ans Fußballspielen heranzuführen, würde nicht einmal der gesamte BSG-Trainerstab mit rund 30 Trainern ausreichen.

Claus Treppte schlägt vor, dass die chinesischen Sportlehrer stattdessen nach Riesa kommen, um hier eine Trainerausbildung zu machen. „Dann sehen sie einmal, wie es hier läuft, und können das Wissen dann mit nach China nehmen.“ Doch wirklich überzeugt ist Zhu nicht. Der Kompromiss lautet am Ende, dass ein BSG-Trainer nach China reist. Und zwar nicht, um dort möglichst viele Kinder zu Fußballspielern zu machen, sondern um den Sportlehrern vor Ort zu erklären, wie sie ein ordentliches Training gestalten können. „Wichtig ist uns, dass wir am Ende wissen, was uns fehlt und was wir anschaffen und organisieren müssen, um so ein Training machen zu können wie in Deutschland“, so Zhu.

BSG-Mann Raue sieht sich dazu offenbar berufen. „Nennen Sie mir einen Zeitpunkt.“ Tochter und Vater diskutieren kurz auf Mandarin und entgegnen: „Im September. Dieses Jahr, 2017. Wir übernehmen alle Kosten.“ Es kann Herrn Zhu offenbar nicht schnell genug gehen. Erst im zweiten Schritt erwarten die Chinesen ein Konzept, um dem Fußball in Qingpu auf die Beine zu helfen. Austauschprogramme oder Fußball-Feriencamps in Riesa könnten dann in den nächsten Jahren für die Kinder aus Fernost auf dem Programm stehen.