• Einstellungen
Donnerstag, 16.02.2017

Heimatmelodie trifft Gesprächskultur

Dresdens erste lokale Talkshow aus der Schokoladenfabrik setzt auf den Wohlklang der Sprache – und Konstantin Wecker liefert dazu noch einen Benefiz-Song.

Von Stefan Becker

Im Schein von Omas Stehlampe sitzt das Moderatoren-Duo Gerstengarbe und Wiegand auf dem Sofa des Ballroom Talks.
Im Schein von Omas Stehlampe sitzt das Moderatoren-Duo Gerstengarbe und Wiegand auf dem Sofa des Ballroom Talks.

© Stefan Becker

Dresden. Konfrontieren, provozieren, spekulieren: Talkshow-Ikonen wie Illner, Will und Lanz geben eine steile These vor und hoffen auf markige Sprüche ihrer Gäste, die eine Regie mit zackigen Schnitten in Szene setzt.

So nicht, dachten sich Johannes Gerstengarbe und Stephan Wiegand, als sie ihre erste eigene Talkshow in der Schokoladenfabrik der Johannstadt konzipierten.

„Empathie und Respekt – das vermissen wir in den üblichen Sendungen, doch darauf legen wir selbst größten Wert“, sagt Wiegand, der im Dezember zusammen mit seinem Moderatoren-Kollegen Gerstengarbe vier Gäste zum großen Thema „Heimat“ befragt hatte.

Dreißig Zuschauer verfolgten live im umfunktionierten Tonstudio das Pilotprojekt der lokalen Talkshow aus Dresden. Die am 13. Februar ihre Premiere erlebte – im Internet. „Wir hatten das Datum bewusst gewählt, weil wir natürlich um die Dynamik des Tages wussten“, sagt Gerstengarbe.

Auf Omas altem Sofa und diversen plüschigen Stühlen saßen die Bundestagsabgeordnete Susann Rührich von der SPD und die Ingenieurin Sanaa Alsalek aus Syrien, sowie der in Chemnitz gebürtige Kommunikationswissenschaftler Khaldin Al-Saadin und der bayerische Liedermacher Konstantin Wecker.

In den 53 Minuten der Sendung erzählten die Gäste, was Heimat für sie bedeutet, wo sie diese finden und fühlen, und zeigten dabei, dass jeder den abstrakten Begriff für sich ein wenig anders definiert. Während zum Beispiel die geflüchtete Sanaa Alsalek die Erinnerungen an ihre ferne Heimat innerhalb der Familie lieber ausblendet, weil sonst schnell die Tränen fließen, koppeln die deutschen Gesprächspartner ihr Heimat-Gefühl stark an die Sprache.

So wechselt Khaldin Al-Sadin beim Besuch seiner Großmutter in Chemnitz sofort ins Sächsische und Konstantin Wecker findet seine Heimat weniger auf der Scholle, denn in der Poesie. Entsprechend zieht der Kosmopolit alter Schule die „Muttersprache“ dem „Vaterland“ und steuerte in dem Sinne gemeinsam mit der Banda Internationale aus Dresden noch ein Lied bei. Am Klavier sitzend singt der Polit-Barde den Titel „Ich habe einen Traum“. Wecker wuchtet seinen Wunsch von einer grenzenlosen Welt ins Mikrofon, die Kapelle besänftigt gekonnt das hämmernde Klavier und am Ende des im Sommer 2014 angesichts der Flüchtlings-Situation komponierten Stücks kommt der eigentlich Clou:

Die Verkaufserlöse für den Titel spenden Wecker und Banda den Dresdner Seenotrettern der Mission Lifeline. Wer das Lied bei Amazon oder iTunes herunterlädt, erhält eine Hymne, wo sich in proletarischer Manier endlich wieder „Brot“ auf „Not“ reimt und trägt bei zur beabsichtigten sächsischen Seenotrettung.

Dauert Zweiflern des Projekts das Geldsammeln zu lange, so wartet Initiator Axel Steier am Mittwoch mit einer kleinen monetären Sensation auf: Eine Einzelspenderin überwies 25 000 Euro.

Nicht ganz so viel Geld kostet die Produktion der nächsten Talkshow aus der Schokoladenfabrik, doch die Moderatoren Gerstengarbe und Wiegand freuen sich für die zweite lokale Gesprächs-Runde zum Thema „Meinungsfreiheit“ im Frühjahr abermals über Unterstützung jeder Art.


Das Video zum Benefiz-Song




Die Download-Links für Amazon und für iTunes


Die Aufzeichnung des ersten Ballroom-Talks



Desktopversion des Artikels