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Donnerstag, 28.12.2017

„Hausärzte brauchen mehr Wertschätzung“

Dass Praxen auf dem Lande keine Nachfolger finden, wundert Dr. Günther Biesold nicht. Er arbeitet noch mit 70.

Der Putzkauer Hausarzt Dr. Günther Biesold ist auch mit 70 noch für seine Patienten da. Foto: Steffen Unger
Der Putzkauer Hausarzt Dr. Günther Biesold ist auch mit 70 noch für seine Patienten da. Foto: Steffen Unger

© Steffen Unger

Seine Arbeitswoche hat selten weniger als 60 Stunden. Nicht, weil er sich dumm und dämlich verdienen will, versichert der Putzkauer Landarzt Günther Biesold, sondern weil seine Patienten ihn brauchen. Dabei könnte der 70-Jährige längst seinen Ruhestand genießen. Im SZ-Gespräch erklärt er, warum er noch nicht aufhören kann und was das mit der Kassenärztlichen Vereinigung zu tun hat.

Herr Dr. Biesold, Sie sind jetzt 70, warum setzen Sie sich nicht zur Ruhe?

Vielleicht, weil ich noch eine Vorstellung von meinem Beruf habe, die heute womöglich als antiquierte gilt: Hausarzt zu sein, das ist für mich nicht nur ein Job, das ist meine Berufung. Ich fühle mich, wenn ich das so sagen will, zuständig und verantwortlich für meinen Sprengel. Ich werde meine Patienten nicht im Stich lassen, bevor meine Nachfolge nicht geregelt ist. In zwei Jahren wird das so weit sein. Zum Glück habe ich eine gute Lösung für meine Praxisnachfolge. Zum Glück fühle ich mich noch fit und gesund. Und ich arbeite gern.

Sie haben Ihre Praxisnachfolge schon vor Jahren zielstrebig vorbereitet.

Ja. Weil es für Hausärzte hier im ländlichen Raum generell schwer ist, Nachfolger zu finden. Ich kenne Kollegen, die seit Jahren händeringend suchen. Ein Kollege hatte sogar inseriert, dass er seine Praxis verschenken wolle. Weil das Problem hier schon seit Jahren besteht, habe ich mit einem jungen Mann eine Vereinbarung geschlossen. Er kam damals als Schüler zu mir, weil er Medizin studieren wollte und einen Praktikumsplatz gesucht hatte. Schon während des Praktikums habe ich gemerkt, dass das einer ist, der wirklich Arzt werden will und für den Beruf auch brennt. Ich habe ihm angeboten, dass ich ihn während des Studiums unterstütze und dass er hier seinen Facharzt für Allgemeinmedizin macht – unter der Bedingung, dass er hierbleibt und die Praxis übernimmt.

Und das funktioniert?

Ja, ganz wunderbar. Für mich war das auch ein Wagnis, aber ich habe mich nicht getäuscht. In zwei Jahren hat der junge Mann seine Facharztweiterbildung abgeschlossen. Er hat hier eine Familie gegründet, und er wird mein Praxisnachfolger. Schon jetzt, in der Weiterbildung zum Facharzt, ist er eine große Hilfe. Ich wollte auf diesem Weg auch sichergehen, dass ich meine Patienten weiterhin in guten Händen weiß. Ich bin, glaube ich, der Erste, der so einen Weg gegangen ist. Aus heutiger Erfahrung könnte ich mir durchaus vorstellen, dass das auch eine Lösung für andere Praxen ist, wenn sie rechtzeitig angegangen wird.

Woran liegt es, dass Hausarztpraxen auf dem Land so schwer Nachfolger finden?

Da sehe ich mehrere Gründe. Zuerst braucht der Beruf wieder mehr gesellschaftliche Wertschätzung. Ein Chirurg steht in den Augen vieler Leute höher im Ansehen als ein „kleiner“ Hausarzt. Für manche junge Leute, die heute viele Jahre studieren müssen, um Arzt zu werden, ist das dann eben nicht die attraktivste Wahl. Das ist aber nur das Geringste. Das viel größere Problem ist: Die Rahmenbedingungen stimmen nicht mehr.

Welche Rahmenbedingungen meinen Sie?

Ich meine die Vorgaben und Festlegungen der Kassenärztlichen Vereinigung, die den niedergelassenen Ärzten einen riesigen Berg an Bürokratie bringen und die ständige Drohung, eines Tages womöglich zur Kasse gebeten zu werden, weil man vielleicht zu viel Physiotherapie oder Medikamente verordnet und das Budget überschritten hat. Ich bekomme auch vorgeschrieben, wie viele Leistungen ich erbringen darf. Ein Großteil der Patienten hier im ländlichen Raum sind aber ältere Menschen mit mehrfachen Erkrankungen. Sie haben Arthrose in den Gelenken, hohen Blutdruck, Diabetes, Demenz und brauchen auch dementsprechend Medikamente. Man kann doch den Patienten nicht sagen: Entschuldigung, mein Budget ist alle.

Wurden auch Sie schon mal zur Kasse gebeten?

Nein, ich hoffe auch, dass ich da nicht noch auffällig werde. Es ist schon so, dass man sehen muss, die Medikamente ausreichend, bedarfsgerecht, aber auch wirtschaftlich zu verschreiben.

Was müsste sich denn aus Ihrer Sicht ändern, damit die Arbeit als Landarzt für junge Ärzte attraktiver wird?

Ganz dringend müssen diese Vorgaben der Kassenärztlichen Vereinigung an die tatsächlichen Gegebenheiten und die demografischen Besonderheiten in dieser Region angepasst werden. Das ist bisher nur zum Teil passiert. Und die Praxen müssen von Bürokratie entlastet werden. Die Abrechnungen nehmen viel Zeit in Anspruch. Es gibt immer wieder neue Formulare, auch unnötige. Und ich will als Arzt nicht bevormundet werden, welche Medikamente ich verordnen und verwenden darf und welche nicht. Bestes Beispiel war gerade die Grippeschutzimpfung. Ich versuche, meine Patienten zum Impfen zu motivieren, und dann muss ich ihnen diese Diskussionen um den Impfstoff erklären.

Sind das alles Gründe, warum sich auch junge Allgemeinmediziner lieber in ein Angestelltenverhältnis begeben, beispielsweise in einem Medizinischen Versorgungszentrum?

Sicher sind das Gründe. Eine Praxis ist auch eine finanzielle Belastung. Man ist der Chef einer kleinen Firma, muss seine Angestellte bezahlen. Aber das lässt sich auch alles machen. Ich würde immer für das althergebrachte Hausarztsystem plädieren, gerade auf dem Land. Dafür will ich junge Menschen auch gern begeistern. Hausarzt zu sein, das ist für mich auch eine Auszeichnung. Ich erfahre jeden Tag die Anerkennung meiner Arbeit durch die Patienten. Die wissen es zu schätzen, dass ich bei der Arbeit nicht auf die Uhr sehe. Ich weiß nicht, ob das in einem Angestelltenverhältnis auch noch so ist.

Gespräch: Jana Ulbrich

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