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Freitag, 19.05.2017

Harte Strafe für eine Möchtegern-Terroristin

Ein minderjähriges dänisches Mädchen muss wegen erklärter Terrorabsichten sechs Jahre in Haft. Das Urteil ruft im Land unterschiedliche Reaktionen hervor.

Von André Anwar, SZ-Korrespondent in Stockholm

© Symbolfoto: dpa

Verwirrter Teenager oder kaltblütige Dschihadistin? Diese Frage durchzog den gesamten Terrorprozess um ein schlaksiges, rotblondes Schulmädchen aus dem nur gut 700 Einwohner zählenden Örtchen Kundby im Nordwesten Dänemarks wie ein Mantra.

Am Donnerstag nun verurteilte ein Gericht die zur Tatzeit 15-jährige Schülerin für die Planung von Terroranschlägen zu einer Gefängnisstrafe von sechs Jahren. Sie hatte – und das ist auf jeden Fall unstrittig – Bombenanschläge auf ihre frühere Schule im Ort Farevejle und auf die jüdische Schule in Kopenhagen geplant. Die Staatsanwaltschaft hatte deshalb die unbefristete Maximalstrafe von 14 Jahren gefordert. Und selbst die Verteidigung hatte immer noch auf sechs bis acht Jahre Haft plädiert.

Kein Anflug von Reue

Das sogenannte Kundby-Mädchen ist heute 17. Mit 18 wird sie vom Jugendgefängnis in eine Strafanstalt für erwachsene Schwerverbrecher überführt werden. Einen Anflug von Reue zeigte sie während des Prozesses in keiner Weise.

Radikalisiert soll sie sich bei einem Türkeiurlaub im Sommer 2015 haben. Im Oktober 2015 konvertierte sie zum Islam und suchte im Internet aktiv nach Kontakten zu IS-Anhängern. Vieles davon verkündete sie fast protzig im Internet. Ihre Mutter bat die Behörden erfolglos um Hilfe. Der dänische Geheimdienst PET hatte der Mutter nach einem Gespräch mit der Tochter gar versichert, dass es überhaupt keinen Grund zur Sorge gebe.

Als die Frau im Januar 2016 aber im Keller ihres Hauses Behälter mit Wasserstoffperoxid, Azeton und Zitronensäure mit der Beschriftung „Dschihad“ fand, zeigte sie die Tochter trotzdem bei der Polizei an. Eine Bombe wurde nicht gefunden. Wohl aber Bauanleitungen und einige der dafür benötigten Bestandteile. Zudem wurden Internetunterhaltungen über ihr Vorhaben mit vermeintlichen IS-Anhängern sichergestellt. Im Prozess äußerte sich das extrovertierte und offenbar sehr geltungsbedürftige Mädchen recht widersprüchlich. Sie sagte, dass sie das Ganze einfach „spannend“ fand. In ihrem Tagebuch gab sie als Grund für die Sprengung ihrer Schule an, dass sie von einem Schulball ausgeschlossen wurde. Außerdem behauptete sie, regelmäßig mit dem obersten IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi zu chatten.

„Ich habe beim Prozess den Eindruck von einem sehr jungen, blauäugigen Teenager bekommen, der nicht einmal im Ansatz den Ernst dessen versteht, was er da überhaupt tut“, beschreibt Terrorexperte Magnus Ranstorp seinen Eindruck. Ein Gutachten erachtet sie aber dennoch für voll zurechnungsfähig. Staatsanwalt Kristian Kirk unterstrich, dass sie die Tat nur deshalb nicht ausgeführt habe, weil sie vom IS kein grünes Licht bekommen habe.

In ihrer bislang 16-monatigen Haftzeit hat sie sich zudem weiter radikalisiert. Sie schrieb eine lange, teils romanhafte Biografie unter dem Titel „Der Weg zum Dschihad“ und verletzte einen Pädagogen am Bauch mit einer zum Messer umgebauten Glasscherbe. „Der Islamismus scheint derzeit ihr Ein und Alles zu sein. Solange das so bleibt, ist sie gefährlich“, begründete Staatsanwalt Kirk seine Forderung nach der dänischen Maximalstrafe. Offensichtlich sollte mit diesem Fall auch ein abschreckendes Exempel statuiert werden. Denn auch Dänemark hat so seine Probleme mit jungen Islamisten.

Unterschiedliches Strafmaß

Dennoch spaltet das Urteil die Meinungen in der Bevölkerung. Viele halten das harte Durchgreifen des Staates in diesem besonderen Fall für richtig, ungeachtet des Alters der Möchtegern-Attentäterin. Kritiker sagen hingegen, mit 15 sei sie fast noch ein Kind gewesen, außerdem müssten auch die Umstände berücksichtigt werden. So kommt das Mädchen aus einer zerrütteten Familie, sie war in ihrer Schule Mobbingopfer und Außenseiterin. Und außerdem habe sie ja überhaupt noch keine Bombe zusammengebastelt gehabt.

Das aus ihrer Sicht unverhältnismäßig hohe Strafmaß wird zudem von den Kritikern mit einem anderen aktuellen Fall verglichen: Vier ungefähr im gleichen Alter befindliche Jungs hatten den Sohn von Migranten mit Benzin übergossen und angezündet. Der Junge wäre an diesem hinterhältigen Anschlag fast gestorben, sein Gesicht ist auf Lebenszeit völlig entstellt. Die Täter aber wurden schon nach zwei bis vier Monaten Haft wieder aus dem Jugendgefängnis entlassen.