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Samstag, 13.01.2018 Gut zu wissen

Gulaschsuppe im Türmchen

Wirt und Koch eines kleinen Restaurants in Kreischa helfen einem einsamen Rentner. Er hat ihnen viel zu verdanken.

Von Stephan Klingbeil

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Einer der Stammgäste ist Harald Vogel. Der Rentner ist froh über die Unterstützung von Wirt Tino Weitfeld.
Einer der Stammgäste ist Harald Vogel. Der Rentner ist froh über die Unterstützung von Wirt Tino Weitfeld.

© Andreas Weihs

Mittags kommen viele Gäste aus der Nachbarschaft in die Turm-Wirtschaft in Sobrigau.
Mittags kommen viele Gäste aus der Nachbarschaft in die Turm-Wirtschaft in Sobrigau.

© Stephan Klingbeil

Kreischa. Zum Mittag gibt es Gulaschsuppe. Harald Vogel sitzt im Restaurant Turm-Wirtschaft im Kreischaer Ortsteil Sobrigau. Der 90-Jährige lässt es sich schmecken. „Ist gut“, erklärt der schmächtige Rentner, löffelt in Ruhe weiter und sagt: „Ich mag aber auch Plinsen gerne und Quarkkäulchen.“

Die Lieblingsspeisen kann er ebenso in der 2016 in dem einstigen Trafohäuschen eröffneten Gaststätte bestellen. Ist der früher als Rettungssanitäter tätige Kreischaer, der in der Nähe wohnt, mal nicht gut zu Fuß, bringen ihm Wirt Tino Weitfeld oder Koch Rico Körner das Essen vorbei.

Die beiden sehen das als selbstverständlich an. Doch ist es das? „Ich finde das klasse“, sagt Mittagsgast Sibylle Walther aus Kreischa. „Sie haben auch meiner Mutter geholfen, als sie noch im Haus gegenüber der Turm-Wirtschaft gewohnt hat, mal brachten sie das Essen vorbei, mal halfen sie beim Tragen von Einkaufstüten – toll.“

Auch Vogel freut sich über die Unterstützung. Der 90-Jährige hat keine Kinder, keine Familie. Er lebt allein, kocht nicht mehr selbst. Vor der Eröffnung der Turm-Wirtschaft fuhr der Rentner oft mit dem Bus zu entfernten Gaststätten. „Doch seit wir unser Restaurant aufgemacht haben, kommt er regelmäßig her“, sagt Weitfeld.

Wie viele andere in der Gegend kennt er den früher sehr engagierten Sanitäter schon lange, wusste auch, dass der keine Familie hat. „Eigentlich liefern wir kein Essen aus, das wäre bei einem kleinen Zwei-Mann-Betrieb wie unserem nicht zu schaffen“, sagt der 49-jährige Gastronom. „Aber für Herrn Vogel machen wir eine Ausnahme. Er ist ein Gast der ersten Stunde.“

Mit der Zeit lief es so, dass Vogel anruft, wenn er nicht zum Mittag vorbeikommt. Doch im vorigen November hatte sich der Rentner gleich mehrere Tage nicht gemeldet. „Wir haben uns Sorgen gemacht, da sind wir zu ihm rübergegangen“, erklärt Weitfeld. „In der Wohnung hat man dann gleich gesehen, dass es ihm nicht gut geht.“

Man kennt sich

Vogel nickt, während der Wirt von jenem Tag erzählt. Womöglich hatte er einen Schlaganfall gehabt und die beiden haben ihm vielleicht das Leben gerettet. Auf jeden Fall hatte der Rentner Augenprobleme, sah fast nichts. Und er konnte nicht mehr laufen. Ein Notarzt wurde gerufen. Vogel kam ins Krankenhaus. Es folgte eine Reha. Weitfeld erkundigte sich auch in jenen Wochen vor Weihnachten, wie es dem Stammgast geht. „Gut, dass sie damals da waren“, sagt der 90-Jährige, und isst seine Suppe.

Andere Gäste sitzen am Tisch nebenan, lauschen. Man kennt sich. „80 Prozent sind Stammgäste“, sagt der Wirt. Mittags kommen nicht nur ältere Leute aus der Nachbarschaft und Mitarbeiter der nahen Autowerkstatt Binner. Auch Beschäftigte der Klinik Bavaria und anderer ortsansässiger Unternehmen schätzen die täglich wechselnde Küche der Turm-Wirtschaft, die eines der kleinsten Restaurants in Sachsen ist. Hier gibt es 18 Plätze, bei schönem Wetter kommen noch mal so viele draußen hinzu.

„Da kann es schon mal eng werden, das findet sicher nicht jeder gut. Es gibt aber viele, die gerade wegen der familiären Atmosphäre zu uns kommen“, sagt Weitfeld. Er hatte einst die Gaststätte „Zur Quelle“ im Ortsteil Saida bewirtschaftet, entschied sich dann aber aus perspektivischen Gründen dafür, es eine Nummer kleiner zu versuchen. Im Urlaub in Italien und Frankreich habe er Gaststätten kennen und lieben gelernt, die „kaum größer als Wohnzimmer“ waren. „Das wollte ich auch.“

Da kam ihm die Idee mit der Turm-Wirtschaft. „Ich bin jeden Tag an dem leerstehenden Türmchen hier vorbeigefahren, das gehörte früher zur alten Schokoladenfabrik Rüger, und zuletzt war eine Bäckereiverkaufsstelle drin.“ Sein Konzept sei sicher gewagt gewesen. Viele Stammgäste von der „Quelle“ folgten jedoch. Und neue kamen hinzu – wie Harald Vogel. Der Rentner hat jetzt aufgegessen, nimmt seinen Stock, geht und sagt leise: „Bis morgen.“

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