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Donnerstag, 15.02.2018

Großvaters Baum soll bleiben

Nadelbäume in Kleingärten sind verboten. Selbst wenn sie älter sind als die Gartensatzung. Einer Fichte in Bad Gottleuba wird das zum Verhängnis.

Von Heike Sabel

Diese Fichte – genau genommen sind es zwei – in der Gottleubaer Kleingartenanlage soll nach über 100 Jahren weichen. Als der Großvater von Heinz Welzel sie pflanzte, war es noch kein Gartenland. Doch inzwischen gelten andere Gesetze.
Diese Fichte – genau genommen sind es zwei – in der Gottleubaer Kleingartenanlage soll nach über 100 Jahren weichen. Als der Großvater von Heinz Welzel sie pflanzte, war es noch kein Gartenland. Doch inzwischen gelten andere Gesetze.

© Daniel Schäfer

Bad Gottleuba. Sie sind groß, sehr groß. Die beiden Fichten im Garten von Heinz Welzel sind über 100 Jahre lang gewachsen. Heinz Welzels Großvater trug den ersten Baum einst in seinem Rucksack an die Stelle, wo er ihn einpflanzte. Und wo er nun weg soll.

Damals war das Land noch keine Gartensparte. Die wurde es erst später, als die Bäume schon stattlich waren. Sie wuchsen und blieben – auch wenn Nadelbäume in Kleingartenanlagen laut den heutigen Regelungen nichts zu suchen haben. „Wenn unrechtmäßige Dinge zu lange geduldet wurden, können wir sie im Laufe eines Pachtverhältnisses irgendwann nicht mehr rechtlich durchsetzen“, sagt Susanne Russig vom Territorialverband der Kleingärtner. Dabei sind die Bäume viel älter als die Kleingartensatzung.

Doch jetzt ist Heinz Welzel 85 und hat den Garten abgegeben. Damit muss er ihn laut Pachtvertrag in einen „rechtmäßigen Zustand“ versetzen. „Wir legen unseren Vereinen wärmstens ans Herz, zum Pächterwechsel Wald- und Parkbäume und unrechtmäßige Baulichkeiten entfernen zu lassen, damit dem Pachtnachfolger das Pachtland gesetzeskonform übergeben werden kann“, sagt Susanne Russig. Und wenn der bisherige Pächter es nicht mache, müsse es eben der neue tun, denn er übernehme mit dem Kaufvertrag auch Verantwortung über alle Pflanzen.

Fürs Fällen drängt die Zeit


Heinz Welzel und einige Gartennachbarn sind empört. „Die Fichte ist ein Hingucker in der abgeholzten Gegend“, sagen sie. Vögel brüten in dem Baum, selbst ein Bussard wurde schon gesichtet. Die Gartennachbarn erfreuen sich an den Bäumen und an der Vogelwelt. Nach dem Willen des Territorialverbands sollen die Fichten weg, und zwar möglichst vor Ende Februar. Danach ist das Fällen nur noch mit Ausnahmegenehmigung vom Landratsamt möglich.

Heinz Welzels Herz weint. Sein Leben und seine Erinnerungen hängen an Großvaters Fichte. Fast bereut er, den Garten abgegeben zu haben. Doch erstens kann er ihn nicht mehr bewirtschaften und zweitens wäre das Aus des Baumes wohl nur verschoben worden. Zwei Frauen und zwei Männer wollen das Ende trotzdem nicht hinnehmen. „Kann man denn da nichts machen?“

Alternative: Weihnachtsbaum


Die Stadt Bad Gottleuba-Berggießhübel sieht keine Chance zu helfen. Seit 2006 hat die Stadt keine Baumschutzsatzung mehr. Das war damals umstritten, da seither Fällungen von Nadel- und Obstbäumen nicht mehr beantragt und damit geprüft werden müssen. Die Baumregelungen in den Kleingartenvereinen seien zudem sehr restriktiv, sagt Bürgermeister Thomas Mutze (parteilos). „Aber in 150 Metern Entfernung ist Wald, sodass die Vögel nicht obdachlos werden.“

Den Baumfreunden aber geht es nicht nur um die Vögel. Ein Vorschlag wäre, die große Fichte wenigstens noch bis Ende des Jahres stehen zu lassen und ihr dann als Weihnachtsbaum einen ehrenvollen Abgang zu verschaffen.

Doch so lange will der Kleingartenverband nicht warten. Nadelbäume wie die Fichte hätten es nämlich in sich. Bei den häufigen und intensiven Stürmen in letzter Zeit hätten solche Exemplare immer wieder Schaden angerichtet, sagt Susanne Russig. Dann müssen diese Bäume vom Eigentümer auf dessen Kosten entfernt werden. „Das ist meist nicht billig.“ Heinz Welzel trauert um die Bäume, auch wenn er den ideellen Schaden nicht in Euro beziffern kann.

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