• Einstellungen
Donnerstag, 28.12.2017 Rückblick 2017

Goldenes Buch – goldene Zeiten?

Kanzlerin Angela Merkel legte im Mai den Grundstein für das neue Werk der Daimler AG. Eine Chance, die Kamenz nutzen will.

Von Frank Oehl

Bild 1 von 2

Am 22. Mai dieses Jahres trug sich die Bundeskanzlerin auf der Baustelle der Deutsche Accumotive GmbH & Co. KG im Industriegebiet in Bernbruch ins Goldne Buch der Stadt Kamenz ein. Nicht nur OB Roland Dantz freute sich, sondern auch Stanislaw Tillich und die Daimlervorstände Markus Schäfer und Dieter Zetsche (v.r.).
Am 22. Mai dieses Jahres trug sich die Bundeskanzlerin auf der Baustelle der Deutsche Accumotive GmbH & Co. KG im Industriegebiet in Bernbruch ins Goldne Buch der Stadt Kamenz ein. Nicht nur OB Roland Dantz freute sich, sondern auch Stanislaw Tillich und die Daimlervorstände Markus Schäfer und Dieter Zetsche (v.r.).

© Sven Doering / Agentur Focus

Wo damals das Festzelt der Grundsteinlegung stand, steht heute ein gigantischer Rohbaukomplex.
Wo damals das Festzelt der Grundsteinlegung stand, steht heute ein gigantischer Rohbaukomplex.

© Matthias Schumann

Kamenz. Der Kurztrip der Kanzlerin am 22. Mai dieses Jahres nach Kamenz war als eine Art „Arbeitsbesuch“ tituliert gewesen. 14.30 Uhr Eintreffen im Festzelt der deutschen Accumotive GmbH & Co. KG, anschließend einige wohlmeinende Worte zur E-Mobilität in Deutschland und der Welt, danach die Grundsteinlegung für das Werk II, ein Rundgang im Werk I und schließlich ab zum nächsten Termin. Bad in der Menge? Fehlanzeige! Das hatte das offizielle Protokoll des Merkel-Besuchs nicht vorgesehen. Nicht mal ein Abstecher ins Rathaus war geplant gewesen, weshalb OB Roland Dantz das Goldene Buch der Stadt kurzerhand mit auf die Baustelle nahm. Und tatsächlich war seine Beharrlichkeit von Erfolg gekrönt, wie das obenstehende „Bild des Jahres 2017“ beweist. Angela Merkel unterzeichnete eine mit dem Kanzleramt zuvor abgestimmte Grußbotschaft an die Kamenzerinnen und Kamenzer. Und mit dem OB freuten sich die Daimlervorstände Dieter Zetsche und Markus Schäfer sowie Stanislaw Tillich, der zu diesem Zeitpunkt wohl kaum ahnte, am Ende des Jahres nicht mehr Ministerpräsident aller Sachsen zu sein.

Die Eintragung ins Goldne Buch der Stadt könnte auch eine Art Symbol für anbrechende, goldige Zeiten der Stadt sein. Die 500-Millionen-Euro-Investition der Daimler AG im Industriegebiete Bernbruch-Nord wirkt wie ein Wechsel auf die Zukunft. Aber die kommt nicht als Selbstläufer. Zunächst drehen sich die Kräne. Das ist augenfällig, wenn sich die bisherige Produktions- und Logistikfläche der Deutschen Accumotive auf etwa 80 000 Quadratmeter praktisch vervierfacht. Ein großer Teil des Rohbaus wurde bereits in den am Ochsenberg ziemlich feuchten Lausitzer Sand gesetzt. Und die Ewag Kamenz hat bereits ihre wichtigen Erschließungsversprechen eingelöst. Vor allem die großflächige Ableitung des Oberflächenwassers ist eine ziemliche Herausforderung. Allein hierbei wurden mehr als 860 000 Euro verbaut. Und insgesamt waren es sogar knapp 1,8 Millionen Euro, die bis September auch in den Trinkwasseranschluss, die IT-Kabelzugschächte, in die Stromleitung beziehungsweise in den Schmutzwasserkanal geflossen sind. Synergien, die sich in den Auftragsbüchern vieler, vor allem regionaler Firmen niederschlagen. Während sich auch bei der Accumotive in drei Jahren die Zahl der Arbeitsplätze auf dann mehr als 700 verdoppelt haben wird. Vor allem auf dem Fachkräftemarkt ist schon jetzt viel Bewegung entstanden.

Fokus auch auf weiche Standortvorteile

Dies ist nur eine Herausforderung, vor der jetzt auch die Stadt Kamenz steht. Wenn sie vom neuen Wirtschaftsboom profitieren will, muss sie die ökonomischen Interessen der Leute auch in Stadtentwicklung kanalisieren. Das geht nur, wenn Accumotive nicht nur eine Werkbank wird, zu der man täglich aus Dresden oder Senftenberg anreist, sondern, wenn auch Neusiedler die Folge sind. Das Sachgebiet Stadtplanung wurde im November verstärkt, und vor allem an der Ausweisung von Eigenheimstandorten wird es irgendwann gemessen werden. Zunächst müssen alle Möglichkeiten in den jetzigen Stadtgrenzen ausgelotet sein, bevor es auf die sogenannte grüne Wiese gehen kann. Der Stadtrat ist aber auch an weiteren weichen Standortvorteilen dran. Noch nie hat sich ein Etat so stark auf Bildung und Erziehung fokussiert, wie der kommende von 2018 nebst mittelfristiger Finanzplanung. Der gymnasiale Standort an der Henselstraße wird ausgebaut, in Wiesa entsteht für knapp vier Millionen Euro ein neuer Hort nebst Kita und gleich zwei Grundschulsportplätze werden saniert. Und nach der stadtgrünfreundlichen Rekonstruktion des Marktes wird auch die Innenstadt weiter im Fokus bleiben. Die Stadt muss für goldige Zeiten weiter an sich arbeiten.

2017 wird vor allem auch wegen des Merkelbesuches im Gedächtnis der Stadt bleiben. Es könnte ein Startschuss für noch mehr gewesen sein. Offensichtlich wird hinterm Werk II bereits neu vermessen …