• Einstellungen
Montag, 20.03.2017

Gestatten, wir machen Fim

Auf dem Dresdner Matthäusfriedhof sorgen Flüchtlinge für saubere Gräber, Wege und mehr. Ein neues Projekt schafft Jobs.

Von Andreas Weller

Mohamed Aljoujou (l.) und Ravinder Singh harken Laub. Die Flüchtlinge arbeiten auf dem Friedhof an der Bremer Straße.
Mohamed Aljoujou (l.) und Ravinder Singh harken Laub. Die Flüchtlinge arbeiten auf dem Friedhof an der Bremer Straße.

© Sven Ellger

Dresden. Ein Syrer, ein Pakistani, ein Inder und ein Marokkaner harken Laub und beschneiden Sträucher auf dem Äußeren Matthäusfriedhof. Was zunächst nach einer merkwürdigen Kombination klingt, nennt sich kurz Fim – Flüchtlingsintegrationsmaßnahme. Das ist eine neue Form von Jobs für Flüchtlinge, die eine relativ gute Aussicht haben, später eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten.

Anfang März sind die ersten sechs dieser Maßnahmen in Dresden gestartet. Insgesamt gibt es bisher 62 Plätze, die auch alle belegt sind. Beim Sächsischen Umschulungs- und Fortbildungswerk Dresden gibt es alleine 38 dieser Plätze. 20 Personen davon sind zwei Projekten auf dem Friedhof zugeteilt. Eine Gruppe mit zehn Personen ist für den Erhalt des Friedhofes mit vorwiegend Kriegsgräbern da. Sie harken Laub, räumen die Wege frei, beseitigen Holz, legen einen Teich an und einiges mehr. Die andere Gruppe kümmert sich vorwiegend um Floristik. Sie gestalten Gebinde für Gräber, helfen aber auch mal auf Streuobstwiesen außerhalb des Friedhofes. „Da kann es auch mal vorkommen, dass Moslems ein Kreuz aus Ästen gestalten“, erklärt Projektleiterin Nicola Markgraf. Das sei für die Flüchtlinge aber kein Problem. Sie sehen darin eher eine sinnvolle Beschäftigung während des Wartens auf die Entscheidung, ob sie bleiben dürfen.

Wobei Mohamed Aljoujou bereits mit den Hufen scharrt, wenn die Gruppe morgens beisammen sitzt. „Ich würde lieber richtig arbeiten – in einer Fabrik oder einer Firma“, sagt der 52-jährige Syrer. Seit 16 Monaten ist er in Deutschland, seine Familie ist in Damaskus geblieben, vorerst. Der Vater von vier Töchtern spricht bereits gut Deutsch. Das Projekt findet er gut, aber er würde gerne mehr tun und Geld verdienen, für seine Familie. 80 Cent pro Stunde gibt es für die Flüchtlinge, montags bis freitags sind sie von 9 Uhr bis 14 Uhr im Einsatz. In der Regel, denn wenn ein Deutsch- oder Integrationskurs ansteht, geht dieser vor. Aber meist ist das mit den Arbeitszeiten vereinbar. Deutsche Langzeitarbeitslose erhalten für Arbeitsgelegenheiten, sogenannte Ein-Euro-Jobs, 1,75 pro Stunde. Das ist ebenfalls nicht viel, aber deutlich mehr, als die Flüchtlinge hier verdienen.

Die kleine Gruppe ist bunt und lustig, obwohl jeder eine harte Fluchtgeschichte mit sich trägt. Da ist Gull Nawaz. Der 21-Jährige ist vor zwei Jahren aus Pakistan nach Deutschland gekommen. Genauso lange ist Ravinder Singh aus Indien hier. Ganz neu in der Runde ist Yassine Ettanjaouiy. Er ist 30 Jahre alt, kommt aus Marokko und ist seit neun Monaten in Deutschland. Was sie eint: Alle sind ohne Familie hier und sie machen derzeit den gleichen Job auf dem Friedhof.

Die Kommunikation untereinander ist kein Problem, im Gespräch mit den zwei Anleitern und zwei Sozialarbeitern hilft meist der erfahrene Mohamed Aljoujou. Von seinen Deutschkenntnissen profitieren die anderen enorm. Aber ihn treibt immer wieder um, dass er eigentlich lieber auf einem Bauernhof arbeiten würde. In Damaskus hat er Äpfel und Kirschen geerntet. „Oder als Busfahrer. Ich habe einen Führerschein dafür“, erzählt er stolz. Doch der wurde hier bisher noch nicht anerkannt. Nicola Markgraf verspricht, dass sie sich dahinter klemmt und klärt, was dafür benötigt wird.

Zur Integrationsmaßnahme gehört auch eine Kommunikationsschulung. „Wir lernen gemeinsam Deutsch, lesen morgens immer die Sächsische Zeitung und diskutieren darüber“, so Markgraf. Die Männer lächeln. Mohamed Aljoujou sagt, es stehe viel über Probleme in der Zeitung. „Dabei haben wir hier keine Probleme“, dabei lächelt er, man sieht ihm an, dass es nicht ganz so ist. Er ist froh, in Dresden zu sein, dankbar für die Möglichkeit zu arbeiten.

In diese neuen Fim-Projekte kommen nur Flüchtlinge, die aus nicht sicheren Herkunftsländern stammen und keine Duldung haben, sondern eine Aufenthaltsgestattung. Das bedeutet, der Weg zu einer dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung ist möglich. Das Ziel, das alle verfolgen. Allerdings müssen sie sich dann selber Arbeit und eine Wohnung suchen. Für die anderen Flüchtlinge gibt es weiterhin nur Arbeitsgelegenheiten, die ebenfalls mit 80 Cent vergütet werden.

Davon gibt es derzeit gut 300 in Dresden, zu wenige für die etwa 4 500 Asylbewerber, die hier leben.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein