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Dienstag, 02.01.2018

Geschichte unter dem Hammer

Auktionator Jan Hornig hat das Hallenhaus Brüderstraße 10 in Görlitz direkt vor Ort versteigert. Die SZ durfte live dabei sein.

Von Ingo Kramer

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Auktionator Jan Hornig aus Bautzen steht im Treppenhaus der Brüderstraße 10.
Auktionator Jan Hornig aus Bautzen steht im Treppenhaus der Brüderstraße 10.

© Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Er hat das Hallenhaus versteigert.
Er hat das Hallenhaus versteigert.

© Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Fotos aus dem Raum der Versteigerung? Oh nein, bitte nicht. Die Bieter wollen unbedingt anonym bleiben. Den Zuschlag wird ja am Ende nur einer bekommen. Und aufgeregt sind sie wohl auch ein bisschen. Passiert ja nicht alle Tage, dass sie die Chance haben, das um 1570 erbaute Hallenhaus in der Brüderstraße 10 zu ersteigern.

Die bisherigen Eigentümer aus der Nähe von Hamburg haben es 1999 bis 2001 saniert. 2011 ist die Frau gestorben, der Mann ist alt und kommt nicht mehr nach Görlitz. Er will das Haus verkaufen. So wandte er sich an Hornig-Immobilien in Bautzen. „Wir haben eine Anzeige ins Internet gestellt, Verkaufspreis 335 000 Euro Verhandlungsbasis“, sagt Geschäftsführer Jan Hornig. Ergebnis: Binnen eines einzigen Wochenendes gingen 15 oder 20 Anfragen ein. „Daraufhin haben wir dem Verkäufer empfohlen, die Strategie zu ändern“, sagt Hornig. Gesagt, getan: Die Anzeige im Internet wurde gelöscht, die Interessenten stattdessen zu einer Versteigerung eingeladen. Hornig ist selbst Auktionator. Und weil im Haus gerade eine Wohnung frei ist, fand das Ganze zwischen Weihnachten und Neujahr vor Ort statt, in der leeren Wohnung. Das ist eher selten, Hornig hat das erst ein- oder zweimal so gemacht.

Hier wollte der Verkäufer nicht bis zur nächsten regulären Auktion am 16. März warten. Ein Wertgutachten für das Hallenhaus mit vier Wohnungen und einer Gewerbeeinheit gab es nicht. „Ein Haus ist so viel wert, wie ein Käufer bereit ist, zu zahlen“, sagt Hornig. So sei die Auktion letztlich die beste Verkehrswertfeststellung.

Nicht alle, die sich auf die Internet-Anzeige gemeldet haben, beteiligen sich an der Auktion. Sechs Bieter sind vor Ort, ein Siebenter am Telefon, ein Achter hat einem Mitarbeiter des Auktionators vorab gesagt, bis zu welcher Summe er mitbieten will. Alle acht mussten vorab nachweisen, dass sie den Preis bezahlen können. Wer keinen Nachweis bringen konnte, den hat Hornig am Telefon abgewimmelt – oder vor Ort weggeschickt. Es soll keine Massenveranstaltung sein. Schließlich wollen die Bieter anonym bleiben. Die SZ darf rein. Nur keine Namen und keine Fotos, bitte.

Kurz nach 13 Uhr liest eine Mitarbeiterin des Auktionators alle Details zum Haus vor. Grundstücksgröße 486 Quadratmeter, Wohnfläche 435 Quadratmeter, denkmalgerecht saniert, Zustand gut bis sehr gut. Und, und, und. Dann endlich ist es soweit. Hornig nennt die 335 000 Euro als Startpreis – und sagt, dass der Telefonbieter ein schriftliches Gebot über 345 000 Euro abgegeben hat. Mit dieser Summe steigt er ein. In Tausenderschritten geht es höher. Hornig spricht schnell, aber deutlich. Einige steigern tatsächlich mit, auch der Telefonbieter und der Mitarbeiter. „368 000 Euro sind geboten, wer bietet mehr als 368 000 Euro?“, fragt Hornig. So geht das minutenlang. „375 000 Euro bietet die junge Frau am Fenster, wer bietet mehr als 375 000 Euro?“ Bei 380 000 Euro macht er ein paar Sekunden Pause. Dann geht es schon weiter. Der Telefonbieter ist ausgestiegen, der Mitarbeiter auch. Im Raum bieten nur noch ein Mann an der Wand und die Frau am Fenster. 386, sagt der Mann. 387, erwidert die Frau. Dann Stille. Hornig schlägt den Hammer einmal, zweimal auf. „Wer bietet mehr?“, will er wissen. Langes Schweigen. Hornig schlägt den Hammer ein drittes Mal auf, die Frau am Fenster lächelt erleichtert. Die anderen Bieter gratulieren ihr.

Hornig sagt, dass nun ein Verkehrswert feststeht: 387 000 Euro. Und die Frau? Will sie in die freie Wohnung einziehen? „Nein“, sagt sie. Stattdessen sucht sie dafür einen Mieter. Sonst soll sich nichts ändern, die anderen Mieter können alle bleiben. Sie selbst ist vermutlich um die 40, spricht freundlich auf Deutsch ohne hörbaren Akzent. Sie lebt in Görlitz, stammt aber nicht von hier. Warum sie das Haus gekauft hat? „So viele Hallenhäuser gibt es ja nicht“, sagt sie. Da ihr noch keines gehört, habe es sie gereizt. Aber auch sie habe sich ein Preislimit gesetzt. Wäre es erreicht worden, wäre auch sie ausgestiegen, da sei sie konsequent. Hornig hat den Kaufvertragsentwurf schon erstellt. Jetzt soll der Kauf ganz normal abgewickelt werden. So, wie das auch ohne Auktion passiert wäre. Mitte oder Ende Januar ist der Notartermin.

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