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Dienstag, 14.11.2017

Geht die Party weiter?

Die Zinsen sind niedrig, die Verbraucher in Kauflust und die Unternehmen in Toplaune - die deutsche Wirtschaft präsentiert sich in glänzender Verfassung. Wie lange hält der Schwung?

Von Friederike Marx

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Containerbrücken am Containerterminal Tollerort im Hamburger Hafen (Symbolfoto).
Containerbrücken am Containerterminal Tollerort im Hamburger Hafen (Symbolfoto).

© dpa

Wiesbaden. Die deutsche Wirtschaft steuert auf einen ungewöhnlich langen Aufschwung zu. Zahlreiche Wirtschaftsforscher hatten zuletzt ihre Konjunkturprognosen für Europas größte Volkswirtschaft angehoben. Auch im dritten Quartal dürfte das Bruttoinlandsprodukt kräftig zugelegt haben. Ganz ohne Risiken ist der Boom allerdings nicht.

CHANCEN

- Konsum: Die Verbraucher sind in Kauflaune. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist historisch gut, Sparen wirft wegen der Niedrigzinsen im Euroraum kaum noch etwas ab. Das schiebt den Konsum an, der seit geraumer Zeit zu den Treibern der deutschen Wirtschaft zählt. Zwar trübte sich die Verbraucherstimmung nach Befragungen der Nürnberger GfK wegen der gestiegenen Inflation zuletzt erneut leicht ein. Die Bundesbürger sind aber weiter optimistisch. Mögliche Steuerentlastungen könnten den Konsum zusätzlich ankurbeln. Bislang haben sich die schwarz-gelb-grünen Koalitionsunterhändler allerdings noch nicht auf ein Konzept geeinigt.

- Erholung der Weltwirtschaft: Die exportgetriebene deutsche Wirtschaft profitiert von der Erholung der globalen Konjunktur, die die Nachfrage nach „Made in Germany“ ankurbelt. In den ersten neun Monaten gingen Waren im Wert von 954,7 Milliarden Euro ins Ausland, das waren 6,3 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. „Auch die verbalen Störfeuer aus den USA seit einem Jahr konnten die Erholung der Weltwirtschaft nicht stoppen“, argumentiert Holger Bingmann, Präsident des Außenhandelsverbandes BGA. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet mit einem Anstieg der globalen Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 3,6 Prozent und im nächsten Jahr um 3,7 Prozent. 2016 war die Weltwirtschaft um 3,1 Prozent gewachsen.

- Stabilisierung der Eurozone: Der gemeinsame Währungsraum hat nach Einschätzung des IWF seine Krise weitgehend überwunden. Die Zustimmung zur Währungsunion sei in den Mitgliedsländern auf Rekordniveau, sagte IWF-Europadirektor Poul Thomsen jüngst. „Und das, obwohl noch vor wenigen Jahren pure Existenzangst herrschte.“ Europa insgesamt wird nach Einschätzung des IWF immer mehr zur Zugmaschine der Weltwirtschaft.

- Lockere Geldpolitik: Europas größte Volkswirtschaft profitiert von der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Verbraucher und Unternehmen kommen billiger an Geld. Das stärkt die Bereitschaft, zu investieren. Zwar haben die Währungshüter den Einstieg aus dem Ausstieg ihrer milliardenschweren Anleihekäufe eingeleitet, die Zinsen sollen aber lange noch über das Ende des Kaufprogramms hinaus niedrig bleiben, wie EZB-Präsident Mario Draghi immer wieder betont.

RISIKEN

- Überhitzung: Die „Wirtschaftsweisen“ sehen angesichts des ungewöhnlich langen Aufschwungs die Gefahr, dass die Konjunktur heiß läuft. Die deutsche Wirtschaft befinde sich in einer Überauslastung, warnt das Beratergremium der Bundesregierung. Folge können Engpässe bei der Produktion sein, wenn Unternehmen bei weiter steigenden Aufträgen nicht schnell genug mit den nötigen Investitionen nachkommen oder keine Arbeitskräfte mehr finden. Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft wies unlängst darauf hin, dass insbesondere in der Baubranche mehr und mehr Unternehmen darüber klagten, dass ein Mangel an Arbeitskräften ihre Produktion beeinträchtige.

- Eurostärke: In den vergangenen Monaten hatte der Euro gegenüber US-Dollar und Co. an Stärke gewonnen. Waren „Made in Germany“ werden dadurch außerhalb des gemeinsamen Währungsraumes tendenziell teurer, das kann die Nachfrage dämpfen. Einen andauernd kräftigen Anstieg des Euro erwarten Experten allerdings nicht

- Handelsbarrieren: US-Präsident Donald Trump steht Freihandel kritisch gegenüber, zuletzt verhängten die USA Strafzölle gegen Flugzeugimporte des Nachbarn Kanada. Zwischen der EU und den USA gibt es Streit um Stahlimporte. Ein Dorn im Auge sind dem Republikaner auch Deutschlands Überschüsse im Handel mit den USA. IWF-Chefin Christine Lagarde mahnte jüngst, der freie Welthandel habe in den vergangenen Jahrzehnten zu Wachstum und Wohlstand geführt. „Wir müssen das sichern.“

- Immobilienblase: Günstige Hypothekenkredite fachen die Immobiliennachfrage an. Vom Bauboom profitiert die deutsche Wirtschaft insgesamt, zugleich steigen allerdings die Preise für Wohnimmobilien zum Teil extrem. Das gilt vor allem für Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, München und Stuttgart. Die Gefahr einer Immobilienblase sahen die amtlichen Gutachterausschüsse zuletzt aber noch nicht. Aus Sicht von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer ist das Risiko einer Blase zwar real. „Aber noch ist der Bestand der Hypothekenkredite relativ zu den verfügbaren Einkommen niedrig.“ (dpa)

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Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Berg

    Woran misst man eigentlich dieses Urteil:"der deutschen Wirtschaft geht es glänzend."? Genannt werden nur wenige Prozentzahlen, die aus einer Summe von Einzelbeträgen der Unternehmen gebildet werden. Der deutsche Staat exportiet nämlich praktisch nichts - außer Rüstungsgütern. Es werden also Produkterlöse der Firmen zusammengezählt und kommt dabei mehr raus als in einem vorhergehenden Zeitraum,. dann "geht es der Wirtschaft gut". Dabei wird immer auch erstmal die Menge des Vergleichszeitraumes erreicht, bevor das Wachstum gezählt wird. Und wenn nunmal genauso viel erzeugt wird, wie vor einem Jahr, dann isses schon bedenklich ?!? - Und was haben eigentlich die Menschen davon? Automatisch höhere Einkommen? Nenee, die müssen von den Gewerkschaften erkämpft werden!

  2. Xperte

    @1: Für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft braucht man im Kern auch nur eine Messgröße, das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das ist der Gesamtwert (in € gemessen) der pro Jahr innerhalb der nationalen Grenzen produzierten Waren und Dienstleistungen. Dann rechnet man noch die Inflation heraus und Schwupps weiß man, ob es „real“ mehr oder weniger geworden ist. Das „mehr“ hat zunächst nichts mit mehr Glück oder mehr Einkommen zu tun. Es bezieht sich lediglich auf produzierte Waren und Dienstleistungen. Und wo haben Sie den Unsinn her, dass wir nur Rüstungsgüter exportieren. Wir heißen doch nicht Russland. Von den im Artikel genannten 955 Mrd. € Export in den ersten neun Monaten entfallen zwischen 8 bis 9 Mrd. € auf Waffen. Wie das BIP verteilt wird, steht auf einem ganz andern Blatt. Ob es in höhere Arbeitseinkommen (Achtung es gibt noch viele andere Einkunftsarten) fließt, entscheiden nicht nur die Gewerkschaften.

  3. Berg

    #2: ich schrieb nicht, dass "wir" nichts exportieren, sondern DER STAAT, also die paar Staatsbetriebe. Und diese exportieren tatsächlich fast gar nichts - ich ordnete aber die genehmigungspflichtigen Rüstungsexporte mal dorthin. Ansonsten ist das BIP eine Summe aus den PRIVATUNTERNEHMEN. DAX-Konzernen, AGs, GmbHs usw. - eben kein Staatsbetrieb. Im Osten waren das mal alle volkseigenen Kombinate, die durch Industrieministerien gelenkt, geplant, geleitet wurden. Das gibt es heute nicht mehr. Also sagt ein "Wirtschaftswachstum" nur etwas über den Zustand der deutschen Privatindustrie aus, der Staat kann allerdings die Steuern einnehmen.

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