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Freitag, 16.06.2017

Geht dem Diesel die Luft aus?

Schon oft haben Kritiker das Totenglöckchen für den Diesel geläutet. Doch Industrie und weite Teile der Politik halten zu ihm. Aber die Lage ist ernst. Ein Überblick über die wichtigsten Fragen im Diesel-Komplex.

Von Jan Petermann, Martina Herzog und Teresa Dapp

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Fahrverbote, Grauzonen, neue Tests - wie geht es weiter mit dem Diesel?
Fahrverbote, Grauzonen, neue Tests - wie geht es weiter mit dem Diesel?

© dpa (Symbolbild)

Berlin/Brüssel. Blicken Sie noch durch im Diesel-Chaos? Blaue Plakette ja oder nein, mögliche Fahrverbote als Lösung oder als Problem - und über all dem die Frage, ob moderne Motoren wirklich so viel sauberer sind als alte Dreckschleudern. Falls nach Stuttgart auch München einen Teil der Selbstzünder aus seinem Zentrum verbannen sollte, könnte dies Autofahrer und Autobauer gleichermaßen schwer treffen. Ein Überblick über die wichtigsten Fragen im Diesel-Komplex:

1. Pro und contra Fahrverbote

Es begann in Stuttgart. Das grün-schwarze Landeskabinett von Baden-Württemberg beschloss im Februar grundsätzlich die Möglichkeit von Fahrverboten. Nun schwappte die Debatte nach München über, wo Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) wegen hoher Werte von Stickoxid (NOx) Zufahrtsbeschränkungen für Diesel erwägt. Bis zum Jahresende muss Bayern laut dem Verwaltungsgerichtshof ein Konzept entwickelt haben, damit die Schadstoff-Grenzwerte eingehalten werden können.

Der Autoverband VDA ist gegen Einschränkungen für ältere Dieselwagen etwa der Abgasnorm Euro-5: „Um die Luftqualität in den Städten zu verbessern, gibt es intelligentere Maßnahmen als Fahrverbote.“ Initiativen für besseren Verkehrsfluss könnten den Ausstoß von NOx schon um ein Drittel drücken. Auch BMW und Daimler sehen das so. VW plädiert für „klare, bundeseinheitliche Regelungen“ - steht aber der vom Bundesverkehrsministerium abgelehnten blauen Plakette für besonders hohe Umweltzonen-Auflagen im Prinzip „positiv gegenüber“.

2. Auch neue Euro-6-Diesel sind nicht immer echte Saubermänner

Der Streit dreht sich vor allem darum, wie mit alten Dieselmotoren umgegangen werden soll - nicht nur in den bundesweit 54 städtischen Umweltzonen. Jedoch sind auch Antriebe der jüngeren Euro-6-Generation oft alles andere als schadstoffarm: Kürzlich fand das Umweltbundesamt heraus, dass viele der modernen Varianten ebenfalls deutlich mehr NOx ausstoßen, als sie sollten. Einem Labor-Grenzwert von 80 Milligramm pro Kilometer standen Alltagsmessungen von 507 Milligramm gegenüber.

Verkehrs-Staatssekretär Norbert Barthle (CDU) beklagt indes eine „Diffamierungskampagne“ gegen den Diesel. Nötig sei stattdessen mehr Unterstützung für E-Mobilität auch im Nahverkehr - „aber eben nicht durch Fahrverbote“, sagte er der „Heilbronner Stimme“. Die von ihm kritisierte Deutsche Umwelthilfe (DUH) weist die Vorwürfe zurück.

3. Gefahren für die Gesundheit, aber Klimaschutz nur mit dem Diesel?

NOx ist in hohen Dosen ein Atemgift und fördert die Feinstaubbildung. Laut einigen Studien gibt es auch Zusammenhänge zwischen vorzeitigen Todesfällen und hoher Stickoxid-Belastung. Die Autobranche betont, dass Diesel vergleichbarer Leistung geringere Mengen des Klimakillers CO2 freisetzen als Benziner. Daher seien sie wichtig, um von 2020 an den EU-Flottengrenzwert von 95 Gramm CO2 je Kilometer einhalten zu können. Das will aber nicht jeder gelten lassen - so etwa die DUH.

4. Autobauer wollen auf „Brückentechnologie“ Diesel nicht verzichten

Deutsche kaufen nach wie vor gerne Dieselautos, für die Sprit dank Steuervergünstigungen billiger ist. Nicht nur bei den Herstellern, auch in den Zulieferbetrieben hängen Zehntausende Jobs am Verbrenner. E-Autos brauchen ganz andere Bauteile. Zudem geht der Ausbau der Infrastruktur, etwa von Ladestationen, nicht von heute auf morgen. In Sachen Reichweite und Ladedauer tut sich in der Forschung viel, doch bis zur Serienreife ist es weit. Der VDA argumentiert, dass der Verkauf der Verbrenner den Konzernen erst ermöglicht, in abgasfreie Technologien zu investieren. Die „Verkehrswende“ ist eine zähe Sache.

5. Streit über alternative Konzepte

Vor allem die Grünen machen im Wahlkampf Vorschläge für sauberere Luft. Spitzenkandidat Cem Özdemir will den Abschied vom Diesel über höhere Steuern für schmutzige Autos beschleunigen. Im Gegenzug schlägt er Gutschriften bei der Kfz-Steuer für abgasfreie Autos vor, wie er der „Wirtschaftswoche“ sagte. Auch fordern die Grünen, dass von 2030 an keine Autos mit Verbrennern mehr neu zugelassen werden - bei der Formulierung gibt es noch Unklarheiten. Das Umweltbundesamt will Dieselkraftstoff verteuern. Die SPD-Ministerinnen Brigitte Zypries (Wirtschaft) und Barbara Hendricks (Umwelt) regten an, zu „überlegen, wie wir Deutschland zum Leitmarkt für Elektromobilität machen“.

6. Graustufen im Abgas-Regelwerk

Kritiker sagen, die EU-Regeln zu sogenannten Abschalteinrichtungen seien nicht eindeutig. Zwar steht in der relevanten Verordnung: „Die Verwendung von Abschalteinrichtungen, die die Wirkung von Emissionskontrollsystemen verringern, ist unzulässig.“ Allerdings gibt es eine Reihe von Ausnahmen. So darf die Technik eben doch genutzt werden, um Motorschäden zu verhindern oder den sicheren Betrieb des Fahrzeugs zu gewährleisten. Umstrittene Folge: Die Hersteller nutzen „Thermofenster“, bei denen in bestimmten Temperaturbereichen die Abgasnachbereitung heruntergeregelt wird.

7. Die Sicht des Bundesverkehrsministers

Alexander Dobrindt muss seit dem Beginn der Diesel-Affäre viel Kritik einstecken. Der CSU-Politiker schütze die Branche, lautet der Vorwurf von Opposition und Umweltschützern. Allerdings wirft auch Brüssel der Bundesrepublik vor, sie habe VW nicht bestraft und halte Daten zurück. Es läuft ein Vertragsverletzungsverfahren. Dobrindt sieht das anders: 2,4 Millionen VW-Diesel müssen im Pflicht-Rückruf umgerüstet, 630 000 weitere Wagen mehrerer Marken in puncto Abgastechnik „freiwillig“ nachgebessert werden. Er unterstützt verschärfte Regeln und neue Tests. Ausnahmen bei der Reinigung für den Motorschutz seien an den „Einsatz der besten verfügbaren Technologien“ zu koppeln.

8. Neue Testverfahren ab September - wird dann alles besser?

Das Problem unrealistischer Abgastests ist erkannt. Für NOx soll deshalb ab September schrittweise das sogenannte RDE-Prüfverfahren mit Messungen auf der Straße eingeführt werden. Jedoch sollen noch jahrelang großzügige Abweichungen von geltenden Grenzwerten erlaubt bleiben. Auch für die Messung von CO2 gelten bald neue Auflagen. Ab September ist das realistischere WLTP-Verfahren für neue Modelle verpflichtend. Ein Jahr später wird es für alle Neuwagen zwingend. (dpa)

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Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Mike H.

    Diesel verbraucht zu wenig und ist pro Liter wesentlich günstiger als Benzin. Dem Feinstaub könnte man ja mit guter Technik zu Leibe rücken, wenn man wollte und wenn deutsche Ingenieure und Entwickler ihr Betätigungsfeld eher im konstruktiven Bereich sehen würden, als im lukrativeren Rüstungsgeschäft... Man kann sich vorstellen, dass die Auto- u.a. Lobbyisten nicht umsonst die Münchner Sicherheitskonferenz sponsern, um nicht erwarten zu können, dass die politisch verantwortlichen Kräfte sich etwas einfallen lassen dürfen, die Fließbänder dieser Geldgeber am Laufen zu halten... (Robert Bosch Stiftung, BMW-Foundation Herbert Quandt, Bundeswehr, BDI...) Ganz nebenbei: wenn das auch die LKW betreffen wird, die unsere Supermärkte auf diese Weise alternativlos beliefern müssen... der Würgegriff der Finanzschlange wird sich sehr wahrscheinlich an der Preisschraube ein gutes Stück bei Waren zusammenziehen... Die Experimente in diesem Land kosten etwas und man weiß, wer es stets bezahlen wird!

  2. WenigerPolarisation

    Es waere schoen, wenn die Diskussion ueber den Umweltschutz nicht so dogmatisch und eindimensional diskutiert wuerde. Ob Diesel oder Braunkohle, die Herangehensweise ist sehr polarisierend. Bei der Braunkohle waere es beispielsweise ein Fortschritt, wenn in den Einoeden der abgeraeumten Tagebaue Bambuswaelder entstehen wuerden, da diese sehr schnell wachsen und viel Kohlendioxid somit der Atmosphaere entzogen wuerde. Moeglicherweise koennte man damit auch verkleinerte Braunkohlekessel auch fast klimaneutral betreiben und wuerde somit ein reichhaltiges Anlagenindustriespektrum erhalten! Der Bambus koennte natuerlich auch fuer die Bauindustrie,Papierherstellung, Moebel etc. genutzt werden. Die Pandas haetten bessere Lebensbedingungen als im Tierpark, die Gegend wuerde interessanter. Wenn die Dieselkonzerne sehr gut stickoxidabbauende, natuerliche Anpflanzungen(auch z.Laermminderung) finanzieren wuerden, waere auch bereits viel gewonnen. Auch das wuerde Arbeit und Naturschutz bieten.

  3. E.Benheiter

    @ Mike H.: so landen wir bei den zu anderem Artikel in "Politik" veröffentlichten Kommis. "Ökoterrorismus" lautet wohl der zutreffende Terminus, da durch den Pkw-Verkehr nachweislich lediglich "Schadstoffwerte" im geringfügigem PROMILLE-Bereich verursacht werden. Die sorgfältig propagierte & gepflegte Mär der "menschengemachten Klimaänderung" (primär durch Pkws verusacht) erweist sich bei genauerem Hinsehen als nichts weiter als ..HEIßE LUFT.

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