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Mittwoch, 11.10.2017

Gefangen in der brennenden Fabrik

Wissenschaftler stellen das Unglück in einer Fabrik in Pakistan nach, in der Kik hat nähen lassen.

Von Hannes Koch

Die Näherinnen in der Textilfabrik von Karachi (Pakistan) hatten keine Chance.
Die Näherinnen in der Textilfabrik von Karachi (Pakistan) hatten keine Chance.

© dpa

Berlin. Aus dem Erdgeschoss der Fabrik zieht Rauch durch den Aufzugschacht. Innerhalb kurzer Zeit füllen sich die höheren Stockwerke der pakistanischen Textilfirma mit Qualm. Hunderte Beschäftigte versuchen, durch das einzige Treppenhaus nach unten zu fliehen. Sie können kaum etwas sehen – die Beleuchtung ist ausgefallen. Das Feuer hat die Treppen schon teilweise zerstört. Viele kommen nicht mehr raus, ersticken, verbrennen. 259 von knapp 900 Arbeitern sterben am 11. September 2012.

Die Firma Ali Enterprises nähte Kleidung auch für den deutschen Textildiscounter Kik, der zum Tengelmann-Konzern gehört. Bei der Bundeszentrale für Politische Bildung in Berlin wurde am Dienstagabend ein Video präsentiert, das Hergang und Ursache des Brandes darstellen soll. Es stammt vom Londoner Institut Forensic Architecture. Die dortigen Wissenschaftler, Kriminalisten und Filmemacher wurden von Berliner Rechtsanwälten beauftragt. Diese vertreten Angehörige von vier Brandopfern bei deren Klage gegen Kik am Landgericht Dortmund.

Das gut 15-minütige Video zeigt Computersimulationen von der Fabrik. Genau wird erklärt, wie viele Treppen, Notausgänge, Feuerlöscher und Alarmsirenen es gab. Sie hätten die exakten Maße, Architektur, Einrichtung und Ereignisse der Brandnacht aus Fotos, Filmen und Zeugenaussagen rekonstruiert, erklären die Wissenschaftler.

Das Verfahren in Dortmund ist der erste Prozess dieser Art in Deutschland. Auch die internationale Textilindustrie beobachtet, wie es weitergeht. Denn solche Fälle kommen in der Regel nicht vor die Gerichte der reichen Länder. Den Beschäftigten in den ausländischen Zulieferfabriken der transnationalen Konzerne fehlen dafür die rechtliche Unterstützung und das Geld. Zusammen mit Anwalt Remo Klinger will die juristische Bürgerrechtsorganisation ECCHR den Anspruch auf Schadenersatz und Schmerzensgeld jedoch erstmals durchfechten. Wenn die Kläger Erfolg haben, könnten ähnliche Forderungen auch auf andere deutsche Unternehmen zukommen. Es ist ein Präzedenzfall.

„Kik ist mitverantwortlich für die hohe Zahl der Todesopfer“, fasst Carolijn Terwindt, Juristin beim ECCHR, die Vorwürfe zusammen. „Die Zulieferfirma Ali Enterprises war eng in die Produktionskette des deutschen Unternehmens eingebunden. Nach eigenen Angaben haben Kik-Mitarbeiter die Fabrik in Karachi viermal besucht.“ Dabei hätten ihnen zumindest einige der Missstände auffallen müssen, die in dem Video gezeigt würden, sagt Terwindt.

So waren fast alle Fenster der Fabrik vergittert. Die Simulation zeigt, dass das Gebäude mit Keller und drei Stockwerken nur ein Treppenhaus hatte, das alle Ebenen verband. Die Alarmanlage habe nicht funktioniert. Ein Zwischengeschoss bestand aus Holz, nicht aus brandgeschütztem Beton. Fluchttüren in ein angrenzendes Gebäude waren permanent verschlossen. In früheren Schriftsätzen an das Landgericht Dortmund stellten sich die Kik-Anwälte dagegen auf den Standpunkt, man dürfe das Unternehmen nicht für die etwaigen Missstände bei Ali Enterprises verantwortlich machen. Kik sei nur als Auftraggeber aufgetreten. Die Textilfirma verweist auf ihre Verhaltensregeln, die die Lieferanten unterschrieben hätten. Diese sagten damit zu, für Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigten zu sorgen. Am Dienstag betonte eine Kik-Vertreterin zudem, dass der Fabrikbrand in Pakistan vor einem Gericht verhandelt wird. Beschuldigt werden mehrere Personen. Sie hätten den Brand gelegt, um Schutzgeld zu erpressen. „Das Ermittlungsverfahren gegen die Eigentümer wurde vom pakistanischen Gericht eingestellt. Die Eigentümer werden nicht mehr als Beschuldigte, sondern als Zeugen und Opfer geführt.“ Vom ECCHR heißt es, dass die Ursache unerheblich sei. Die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen führten dazu, dass so viele Arbeiter gestorben seien.

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