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Montag, 16.04.2018

Gefangen im Teufelskreis

In Russland leben geschätzt rund vier Millionen Menschen auf der Straße. Irgendwelche Rechte oder Ansprüche haben sie nicht.

Von Klaus-Helge Donath

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Übernachtungsmöglichkeiten für Obdachlose, wie hier in St. Petersburg, sind in Russland rar. Auch deswegen liegt ihre Überlebenschance im Schnitt nur bei drei bis fünf Jahren.
Übernachtungsmöglichkeiten für Obdachlose, wie hier in St. Petersburg, sind in Russland rar. Auch deswegen liegt ihre Überlebenschance im Schnitt nur bei drei bis fünf Jahren.

© picture alliance / dpa

Schenia Jakut kam die Idee beim Aufwärmen auf einem Moskauer Bahnhof. In einem Beitrag über einen Blogger sah er, wie dieser mit Werbung Geld verdiente. Schenia war obdachlos. Aus Sibirien kam er nach Moskau, um besser bezahlte Arbeit zu finden. Erfolglose Arbeitssuche bedeutet für viele Menschen in Russland jedoch Einstieg in die Obdachlosigkeit. „Bomsch“ heißt der Obdachlose im Russischen. Dahinter verbirgt sich die amtliche Abkürzung „ ohne einen festen Wohnort“.

Schenia fand einen Mitstreiter, der seine Lebensweisheiten von der Straße filmte und ins Internet stellte. Wo ist der beste Waschraum der Stadt, welcher kostenlose Shuttle-Bus fährt wohin? Vorgetragen mit Witz und Lebensweisheit. Schenia war auf dem Weg zum Youtube-Star – mit Tausenden Abonnenten nach den ersten Videos. Drei bis fünf Jahre überleben Obdachlose im Schnitt in Russland, die nicht auf staatliche Hilfe zurückgreifen können. Schenia brachte es nicht einmal auf ein Jahr. Er starb an Lungenentzündung.

Staatliche Unterstützung erhalten nur Obdachlose, die einen Pass besitzen und einen Stempel der Meldebehörde vorweisen können – die „propiska“. Ohne diesen Stempel bleiben auch staatliche Nachtlager einem „Bomsch“ verschlossen. In Moskau gibt es acht Unterkünfte mit rund 1 500 Plätzen. Genaue Angaben über die Zahl der Obdachlosen liegen nicht vor. Offiziell erhebt der Staat keine Daten. Nach Schätzungen privater Hilfsorganisationen dürften jedoch mindestens 12 000 Obdachlose in Moskau leben. Davon stammen 86  Prozent aus anderen Teilen Russlands oder aus Nachbarländern wie Weißrussland oder der Ukraine. Auch Arbeitsimmigranten aus Zentralasien gehören mittlerweile dazu. Rund 18 Prozent der Obdachlosen sind Ausländer. Städtische Behörden könnten maximal zwölf Prozent der Notleidenden ein Dach für eine Nacht zur Verfügung stellen.

Doch der weitaus größte Teil lehnt die Nähe zu staatlichen Stellen ab. Obdachlose fürchten die Ordnungshüter, weil sich meist ein Anlass findet, sie einer Regelverletzung zu überführen. Die russische Website robomzh.ru. schätzte 2016 die Zahl der Obdachlosen landesweit auf vier Millionen.

Wer weder „propiska“ noch einen Pass besitzt, verliert überdies den Anspruch auf medizinische Hilfe. Auch Rentenansprüche können nicht mehr geltend gemacht werden. Es ist ein Teufelskreis. Nach offiziellen Angaben sind rund 35 Prozent davon betroffen, während zwei Drittel der Trebegänger nach juristischen Kriterien noch im Besitz einer Wohnung und polizeilich gemeldet sind. Rechtshilfe erhalten die Gestrauchelten vom Staat nicht. Lediglich private Initiativen kümmern sich darum.

Dem Obdachlosen begegnet auch die russische Gesellschaft mit wenig Sympathie. Das verwahrloste Äußere schreckt ab. Moskau verfügt nur über drei Desinfektionsanstalten und keine kostenlosen Duschgelegenheiten. Dennoch dürfte die Haltung des Ex-Bürgermeisters von Tschita längst nicht von allen Bürgern geteilt werden. Das Mitglied der Kremlpartei bedauerte, „dass wir keine Lizenz zum Abschuss der „Bomsch“ haben. Denn andere gesetzliche Möglichkeiten, mit ihnen klarzukommen, haben wir nicht“.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 14 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Manfred Hengst

    Wir sollten uns um die eigenen Obdachlosen in Deutschland Gedanken machen ehe wir aus Hass auf Russland mit den Finger auf andere zeigen.

  2. Dimitri

    Die sollten nach Deutschland kommen und Asyl beantragen, dann haben sie im Gegensatz zu den hiesigen Obdachlosen einen Rechtsanspruch auf Unterkunft.

  3. Peter

    Wenn ich Herrn Hengst richtig verstehe, dann darf man nichts erzählen oder gar noch kritisieren, weil es ja gleich Hass ist. Das ist nicht akzeptabel, falsch und nicht durchdacht. Es ist Schade, dass jeder Beitrag bei Ihnen und anderen einfach nur zu einem Reflex führt.

  4. alter Schwede

    Die Obdachlosen in Polen,Ungarn,Tschechei,Slowakei,sowie den baltischen Staaten nicht vergessen.

  5. @dimitri

    Sie behaupten, dass Asylbewerber einen höheren Anspruch auf Leistungen haben als Obdachlose. Bitte belegen Sie Ihre Aussage. Das wird Ihnen aber wohl nicht gelingen, da sie schlichtweg falsch ist. Falschaussagen sind unredlich, aber anscheinend neues Programm.

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