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Freitag, 19.05.2017

Gefahr durch gefälschte Medikamente

Ein ARD-Themenabend ist Gesprächsstoff im Kreis Meißen. Apotheker und Krankenhäuser sagen, wie sie sich schützen.

Von Ronja Münch, Dominique Bielmeier, Peter Anderson und Peter Redlich

Was müssen Verbraucher beachten?

Apothekerin Stefanie Schneider und ihre Kollegen in Radebeul prüfen jeden Tag ein Medikament auf seine äußerliche Echtheit.
Apothekerin Stefanie Schneider und ihre Kollegen in Radebeul prüfen jeden Tag ein Medikament auf seine äußerliche Echtheit.

© Arvid Müller

Ein ganz schlechtes Gefühl, sagt eine ältere Dame, die auf regelmäßige Herzmedikamente angewiesen ist. Sie hat am Mittwochabend den ARD-Film „Gift“ und die anschließende Doku über gefälschte Medikamente gesehen. Vor allem diskutierten gestern Bürger im Supermarkt, in der S-Bahn und erst recht in Apotheken, wie sie solche gefälschten Tabletten erkennen können, wenn doch das Etikett der anerkannten Arzneimittelfirma darauf ist.

Die Organisation German Doctors, die in Ländern wie Indien Menschen hilft, schreibt: „Weltweit entspricht laut Weltgesundheitsorganisation WHO bei zehn Prozent der Medikamente der Inhalt nicht dem Packungsaufdruck; in Deutschland gehen Experten von einer Fälschungsrate von einem Prozent aus, Tendenz steigend.“

Wie schützen sich Apotheker davor, Fälschungen untergeschoben zu bekommen? Gab es schon Fälle von Beanstandungen? Wie wird darauf reagiert? Was kann der Patient selbst erkennen?

Jeden Tag ein Test

Apothekerin Bettina Lange betreibt zwei Apotheken, die Stadtapotheke in Radebeul-West und die Alte Apotheke in der Hauptstraße in Weinböhla. Sie sagt, dass ihre Mitarbeiter verpflichtet sind, an jedem Tag wahllos eine Verpackung aus dem Medikamentenschrank zu greifen und diese zu prüfen. Untersucht werden beispielsweise Verpackung, Farbe der Tabletten, Klarheit von Lösungen, Chargenübereinstimmung. Auch die Packungsbeilage wird genau verglichen – etwa, ist sie in deutscher Sprache, oder welche Angaben zur Einnahme gibt es. Knapp 40 Punkte werden so, auch anhand von vergleichenden Abbildungen im Internet, geprüft.

Was müssen Verbraucher beachten?

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Medikamente sollten nur bei einer Apotheke gekauft werden. Deren Lieferkette ist gut nachvollziehbar und das Risiko gefälschter Arzneimittel daher gering.

Pillen auf einem Markt in Tschechien zu erwerben, ist nicht ratsam. Hier ist es sehr schwer nachzuvollziehen, ob das Medikament echt ist

Beim Kauf von Medikamenten im Ausland ist allgemein größere Vorsicht geboten. Von manchen Medikamenten seien 50 bis 60 Prozent Fälschungen auf dem Markt, so Apotheker Oliver Morof. Das betrifft besonders afrikanische und asiatische Länder. Für den Urlaub ist es also sinnvoller, die Medikamente aus Deutschland mitzubringen.

Auch beim Kauf im Internet ist Vorsicht geboten. Es gibt zwar seriöse Online-Apotheken, die nach denselben Qualitätskriterien arbeiten müssen wie Vor-Ort-Apotheken. Doch Betrüger sind oft schwer zu erkennen. Die Bestellmaske kann seriös aussehen und trotzdem eine Fälschung sein. Um sicherzugehen, hilft eine kurze Recherche beim Deutschen Institut für medizinische Dokumentation und Information. Auf der Webseite www.dimdi.de gibt es eine Liste registrierter Versandhändler.

Auch optisch lässt sich manche Fälschung erkennen. Viele Hersteller verwenden Siegel, um die Echtheit zu bestätigen – allerdings nicht alle. Die Informationen auf Verpackung und Beipackzettel sollten übereinstimmen. Medikamente müssen außerdem eine Seriennummer und ein Verfallsdatum aufgedruckt haben. Viele Medikamente haben eine Prägung

Bei Zweifeln, und wenn ein Medikament nicht wie erwartet wirkt, sofort zum Arzt oder Apotheker.

Apothekerin Bettina Lange: „Einmal hatten wir in den letzten Jahren bröselige Tabletten.“ Das werde dann unverzüglich an die Arzneimittelkommission der deutschen Apotheken (AMK) gemeldet. Von dort wiederum würden sofort alle Apotheken im Land aufmerksam gemacht und das Medikament werde auf Quarantäne gesetzt. Es darf, bis zur Klärung, nicht mehr verkauft werden.

Was die Mitarbeiter nicht erkennen können, ist allerdings die Zusammensetzung der Wirkstoffe. Ist wirklich in der Tablette oder in der Flüssigkeit das drin, was auch auf der Packung steht?

Barbara Seidel betreibt die Bethesda-Apotheke direkt an der Radebeuler Elblandklinik. Hier holen besonders viele Patienten aus dem Krankenhaus, was sie brauchen, um gesund zu werden. Auch bei ihr wird täglich ein Medikament stichprobenartig – wie es alle Apotheken sollen – geprüft. Aber auch sie weiß, dass beispielsweise Herzkreislaufmedikamente aus anderen Ländern wie Indien und Polen stammen, nur dass dies nicht immer auf der Packung erkennbar ist.

Barbara Seidel: „Hundertprozentig nachvollziehbar sind die Wirkstoffe, wenn wir Medikamente selbst im Labor zubereiten, etwa Salben bei Hautkrankheiten.“ Die Apothekerin sagt auch, dass sich schon Patienten gemeldet hätten, wenn plötzlich etwas anders an ihrer Medizin war. Seidel: „Dann wenden wir uns direkt an die Herstellerfirma und klären das auf.“ Mitunter würden die Firmen auch selbst mitteilen, wenn sich beispielsweise die Farbe ändert.

Dass die Apotheken nicht prüfen können, ob in der Tablette auch drin ist, was draufsteht, bestätigt auch Oliver Morof von der Moritz-Apotheke in Meißen. „Wir hatten schon Leute, die auf Märkten in Polen oder Tschechien Medikamente gekauft haben und wissen wollten, ob die echt sind.“ Doch das kann ein Apotheker nicht mit Sicherheit sagen. Das Problem mit gefälschten Medikamenten sieht Morof eher, wenn diese nicht in der Apotheke gekauft werden. Das System in Deutschland sei gut nachvollziehbar, die Medikamente werden von den Apotheken bei deutschen Großhändlern oder vom Hersteller gekauft.

So geschieht das auch bei den Elblandkliniken. Dort erfolge der Einkauf von Arzneimitteln über die Apotheke zentral im Elblandklinikum Riesa, wie Sprecherin Sabine Seiler auf SZ-Anfrage mitteilt. Die Bestellung werde direkt bei den Arzneimittelherstellern ohne Zwischenhändler aufgegeben. „Wir haben wenige Sonderbestellungen über zertifizierte pharmazeutische Großhändler“, so Seiler. Deshalb kann sie versichern: „Bisher sind noch keine Fälle von Arzneimittelfälschungen bei uns aufgetreten.“ Die Originalhersteller und die großen Generikafirmen wie Hexal und Ratiopharm sicherten ihre Verpackungen gegen Fälschungen mit speziellen Codes, erklärt Seiler. Die Hersteller seien zertifiziert.

Aus Scham ins Internet

Mittels der Kontrollen in deutschen Apotheken, so die Arzneimittelkommission der deutschen Apotheken (AMK), würden in den rund 20 000 Apotheken rund sechs Millionen Stichproben durchgeführt. Pro Jahr würden von den Apotheken etwa 10 000 Verdachtsfälle gemeldet, zum Beispiel Verpackungsfehler oder unerwünschte Wirkungen. Bei Kontrollen würden auch Arzneimittel-Fälschungen und -Manipulationen auffallen. Diese seien aber sehr selten. Im Jahr 2016, so die AMK, seien 14 Fälle mit Verdacht auf Arzneimittelfälschungen registriert worden. Aber keines der Medikamente aus Apotheken war wirklich gefälscht, heißt es in einer AMK-Mitteilung. Sollte es dennoch auftreten, würden innerhalb weniger Stunden die betroffenen Arzneimittel aus allen deutschen Apotheken zurückgerufen.

Die größere Gefahr, auf unsaubere Medikamente zu stoßen, sei im Internet, sagt Apothekerin Lange. Zum Beispiel beim Thema Viagra. „Ein Kunde, der dieses Mittel haben möchte, soll vorher zum Urologen gehen und von dort mit dem Rezept in die Apotheke kommen“, so die Radebeulerin. Manche würden aus Scham oder Kostengründen lieber im Internet, auch im Ausland bestellen. Da gebe es eine große Grauzone.

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