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Mittwoch, 15.11.2017

Ganz oben auf der richtigen Welle

Sachsen präsentiert sich als Vorreiter neuartiger Halbleiterproduktion auf der Mikroelektronik-Messe in München.

Von Paul Kreiner

Globalfoundries und zig weitere Unternehmen aus Sachsen präsentieren sich bei der Elektronik-Messe Semicon in München.
Globalfoundries und zig weitere Unternehmen aus Sachsen präsentieren sich bei der Elektronik-Messe Semicon in München.

© dpa

Sonnenschein pur, draußen wie drinnen: In ausnehmend guter Stimmung hat am Dienstag in München die Messe productronica begonnen, die sich mit 1 200 Ausstellern aus 42 Ländern als Welt-Leitmesse für Entwicklung und Fertigung von Elektronik versteht. Besonders groß ist auch das Interesse an der parallel stattfindenden europäischen Halbleiter- beziehungsweise Mikroelektronik-Messe Semicon. Die aus Dresden, dem deutschen Zentrum der Branche, nach München umgezogene Veranstaltung ist zum ersten Mal ausgebucht. Die ausstellenden Firmen ebenso wie die Veranstalter werten das als ein Zeichen dafür, dass Europa – nachdem es die ersten beiden Wellen der Informationstechnologie verschlafen habe, also den Aufstieg der PCs und den Mobilfunk – nun beim „Internet der Dinge“, beim autonomen Fahren und bei der digitalen Medizin ganz oben auf der richtigen Welle schwimmt. Und die sei – in Geldwert geschätzt – zehn- bis zwanzigmal so hoch wie die beim Mobilfunk. So etwa sagt es Ajit Manocha, Chef des weltweiten Branchenverbandes Semi.

Das liege auch daran, dass es heute nicht mehr nur um bloße Fertigung irgendwelcher Industriegüter gehe, sondern darum, bei der digitalen Zukunftstechnologie „hochkomplexe Dinge zusammenzubringen“. Genau das sei die Stärke Europas, sagte Stefan Finkbeiner, Geschäftsführer der Bosch-Sensortech, zur Eröffnung der Semicon. Bosch will in Dresden eine Chipfabrik bauen; es handelt sich nach schwierigen Jahren für die Branche und nach etlichen Verwerfungen um den ersten Neubau eines Halbleiterwerks in Europa seit 1999. Eröffnet werden soll die größte Einzelinvestition der Firmengeschichte in etwa drei Jahren. „Für autonomes Fahren, Internet der Dinge und Sensortechnik brauchen wir einfach diese großen Fertigungskapazitäten“, sagte Finkbeiner: „Und in Dresden haben wir das perfekte Ökosystem dafür gefunden.“ „Silicon Saxony“, dieses Ökosystem mit 2 300 Firmen, 60 000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 14 Milliarden Euro, lockt auch den VW-Konzern. Er will (vorwiegend) in Zwickau und in Dresden nicht nur Elektrofahrzeuge und seinen Golf I.D. bauen, der 2020 auf den Markt kommen soll. Neu, so sagt es Carsten Krebs, Sprecher des Dresdner VW-Werks, sei vor allem, dass man lokale Partnerschaften mit Halbleiterproduzenten und Start-up-Firmen eingehen wolle. Für die technologische Entwicklung sei es ja nicht mehr nötig, zu großen Konzernen in die USA zu pilgern; in der neuen digitalen Revolution vernetzten sich auch Firmen vor Ort – über die Branchengrenzen hinweg.

Als eine solche integrierte Zukunftsaufgabe zur Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz sehen sie es bei der Semicon beispielsweise, schon in die zu bauenden Chips – also aufseiten der Hardware – die entsprechenden Algorithmen einzuarbeiten, also die Software.

Branche wächst weiter

„Die Zeit ist reif. Wir müssen die Sachen jetzt bündeln“, sagte auch Hubert Karl Lakner von Fraunhofer-Gesellschaft. Diese deutsche Spitzenanstalt für angewandte Forschung wolle 350 Millionen Euro in die Entwicklung des „Internets der Dinge“ stecken, davon 100 Millionen Euro allein nach Sachsen, sagte Lakner in München. Er spricht lieber vom „Internet der Intelligenz“. Um diesen Schwerpunkt auszubauen, so Lakner, hätten sich 11 Fraunhofer- und zwei Leibniz-Institute in einer „Forschungsfabrik“ zusammengeschlossen.

Beim Chip-Riesen Globalfoundries lobt man den sächsischen Standort ebenfalls. Dass man dort mit 3 500 Beschäftigten „die größte und modernste Halbleiterfertigung Europas“ betreiben könne, liege daran, dass man in Sachsen Zugang zu gut ausgebildeten Fachkräften und zu Kapital habe. Globalfoundries will ebenfalls in Dresden weiter investieren, um vor allem seine stromsparenden FDX-Chips weiter zu entwickeln. „Ohne diese kommt kein Smartphone aus“, sagte Rudger Wijburg, General Manager von Globalfoundries.

Zum Auftakt der Münchner Messe erwarteten auch die einschlägigen Fachverbände ein starkes Wachstum für die deutsche Elektronik- und die Halbleiterbranche. Der deutsche Markt für Elektronikbauteile, der von 2015 auf 2016 um 3,4 Prozent geschrumpft sei, habe seither um 11,3 Prozent zugelegt, sagte Christoph Stoppok vom Elektro-Fachverband ZVEI. 85 Prozent der befragten Unternehmer erwarteten fürs laufende Jahr ein Wachstum von mindestens zehn Prozent, sagte auch Rainer Kurtz vom Fachbeirat der productronica, und 84 Prozent seien mehr als ausgelastet. Antriebsmotor sind laut Kurtz die zunehmenden Aufträge aus China, dann aber insgesamt auch die aus der Automobilindustrie. 2030 werde die Hälfte des „Autowerts“ in der Elektronik produziert, sagte Kurtz. Allein zwischen 2016 und 2017 habe der Automarkt für die Elektronikhersteller um fast ein Viertel auf 28 Milliarden US-Dollar zugelegt, hieß es beim Verband der Deutschen Maschinen- und Anlagenbauer.

Dresden gehört neben Leipzig zu den neuen digitalen Drehscheiben, sogenannten Digital Hubs, in Deutschland. Ziel ist es, Wissenschaftler, Produzenten und Anwender gezielt zu vernetzen. Der Freistaat investiert rund 100 Millionen Euro in ein Co-Innovation Center als Herzstück des Hubs, die Stadt fördert innovative Produkte und Technologien in diesem Jahr nach eigenen Angaben mit 350 000 Euro und 2018 mit 500 000 Euro. (mit dpa)

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