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Freitag, 18.05.2018

Frust in den Lehrerzimmern

Das Handlungsprogramm des Kultusministers stößt nicht nur auf Begeisterung. Eine Alternative sieht er nicht.

Von Sylvia Jentzsch

Die Gesprächsrunde von Kultusminister Christian Piwarz war gut besucht. Vor allem Lehrer und Schulleiter nutzten die Gelegenheit, ein paar Fragen loszuwerden oder ihren Unmut auszudrücken. Es gab aber auch viele konstruktive Hinweise wie zum Beispiel von der Leiterin der Harthaer Pestalozzi-Oberschule Kerstin Wilde .
Die Gesprächsrunde von Kultusminister Christian Piwarz war gut besucht. Vor allem Lehrer und Schulleiter nutzten die Gelegenheit, ein paar Fragen loszuwerden oder ihren Unmut auszudrücken. Es gab aber auch viele konstruktive Hinweise wie zum Beispiel von der Leiterin der Harthaer Pestalozzi-Oberschule Kerstin Wilde .

© Eckard Mildner

Mittelsachsen. Es rumort in den Lehrerzimmern, sagte eine Lehrerin, die seit 40 Jahren im Dienst ist. Sie sei vom System enttäuscht. Diejenigen, die immer da waren, Referendare ausgebildet haben, würden nun durch das Handlungsprogramm, das der Freistaat geschnürt habe, um den Lehrermangel zu beheben, schlechter gestellt. Für ihre Worte bekam sie Applaus. Ihren Unmut brachte die Pädagogin zur Gesprächsrunde mit dem sächsischen Staatsminister für Kultus Christian Piwarz zum Ausdruck, die sich im Rahmen des Sachsengespräches mit Ministerpräsident Michael Kretschmer im Freiberger Tivoli traf.

Die älteren und erfahrenen Lehrer werden benachteiligt

„Wieso wird die Verbeamtung der Lehrer durchgesetzt, obwohl sie eine Ungleichbehandlung gegenüber den älteren Lehrern darstellt?“, wollte eine weitere Pädagogin wissen. Das sogenannte Handlungsprogramm sieht vor, dass Lehrer bis zum vollendeten 42. Lebensjahr bei bestimmten Voraussetzungen Beamte werden dürfen.

„Ich bin auch kein sonderlicher Freund der Verbeamtung. Sie ist ein Instrument aus der Kaiserzeit, mit der wir uns Problemen im 21. Jahrhundert stellen wollen“, sagte Christian Piwarz. Doch, um auf dem deutschlandweiten Lehrerarbeitsmarkt konkurrenzfähig zu sein, müsse dieser Schritt gegangen werden. Nur in Sachsen und Berlin gebe es bisher keine Verbeamtung der Lehrer. Viele Studenten würden sich nach Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Bayern und Thüringen orientieren mit dem Ergebnis, dass Schulen in Sachsen teilweise mit 62 Prozent Seiteneinsteigern besetzt seien.

Kultusminister will Sachsen für junge Pädagogen attraktiv machen

„Wir können nicht mehr lange abwarten, wir müssen etwas unternehmen, um unsere Lehrer im Land zu halten, und für Pädagogen aus anderen Bundesländern attraktiv werden“, sagte der Kultusminister. Er wies gleichzeitig darauf hin, dass Beamte andere Treue und Dienstpflichten hätten. Piwarz verstehe die Verärgerung und wisse, dass der Ausgleich, von den Lehrern, die nicht verbeamtet werden, nicht als ausreichend empfunden werde. Er sagte auch, dass die Netto-Lohnlücke nicht geschlossen werden könne. „Doch wir müssen Grenzen setzen und sehen in dem derzeitigen Angebot die Möglichkeit, das Grundproblem zu lösen und mehr Lehrer ins System zu holen“, so der Kultusminister. Realistisch sei, dass 50 Prozent der 937 Lehramtsabsolventen in diesem Jahr im sächsischen Schuldienst beginnen. Künftig werden es sicher noch mehr werden, da Sachsen jetzt jedes Jahr 2 375 Lehrer ausbildet. Vorher waren es knapp 2 000.

„Rennen dem Kultusministerium wirklich die derzeitigen Referendare hinterher, um wegen der Verbeamtung im sächsischen Schuldienst zu arbeiten?“, fragte eine Teilnehmerin der Diskussionsrunde.

Die Verbeamtung sei an der Harthaer Pestalozzi-Oberschule weniger ein Thema. Sogar die jungen Kollegen würden überlegen, ob sie diesen Schritt wirklich gehen wollen, sagte Schulleiterin Kerstin Wilde. Wichtiger sei, dass sich die Bedingungen in der Schule verbessern müssten, mehr Freiheit in der Gestaltung gebraucht würde. „Das ist allerdings mit Klassenstärken von 28 Schülern mit sehr unterschiedlichen Leistungs- und Verhaltsensvoraussetzungen sehr schwierig“, so Kerstin Wilde. Sie würde gern Exkursionen zu anderen Lernorten unternehmen. Doch dafür fehlen das Geld.

Lehrpläne müssen überarbeitet und zukunftsfähig gestaltet werden

„Wann beginnen wir, über die Veränderung von Lernprozessen zu sprechen?“, fragte Wilde. Diese müssen zukunftsträchtiger werden. Mit Unterricht wie vor 20 Jahren ist das nicht möglich“, sagte Kerstin Wilde. Dieser Frage können wir uns zurzeit nicht stellen. Vordergründig kümmern wir uns um das Stopfen von Lücken im Bereich des Personals, so der Kultusminister. Er sei sich aber der Notwendigkeit bewusst, dass sich in diesem Bereich etwas ändern muss. „Die Arbeit an den Lehrplänen kostet uns zwei bis drei Jahre Arbeit. Dafür benötigen wir mindestens 150 Lehrer. Die können wir jedoch jetzt nicht aus den Schulen abziehen. Hinzu kommt, dass wir auch Personal für die Lehrerausbildung benötigen“, sagte Piwarz. Er versprach allerdings, das Thema nicht aus den Augen zu verlieren. „Wir brauchen Zeit, um aus dem Tal nach oben zu kommen“, so der Kultusminister.

Dass die Schulen schon jetzt Spielraum haben, betonte Burghart Heinze, Leiter des Landesamtes für Schule und Bildung Chemnitz. Er verwies auf die Harthaer Oberschule, bei der schon eine Menge laufe, die zeige, was bereits schon möglich ist.

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