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Montag, 16.04.2018

Freie Oberschule nimmt nur eine neue Klasse auf

Eine schwere Entscheidung für den Trägerverein Boxberg. Denn mit 25 Anmeldungen war die Resonanz so groß wie nie.

Von Constanze Knappe

Die Freie Schule arbeitet eng mit Schulen in Myslakowice und Lomnica zusammen. Auf Vermittlung des Bildungsministeriums informierten sich jetzt 20 Lehrer und Schulleiter aus dem polnischen Szczecin bei Ralf Berthold (M.) über die Finanzierung einer freien Schule.
Die Freie Schule arbeitet eng mit Schulen in Myslakowice und Lomnica zusammen. Auf Vermittlung des Bildungsministeriums informierten sich jetzt 20 Lehrer und Schulleiter aus dem polnischen Szczecin bei Ralf Berthold (M.) über die Finanzierung einer freien Schule.

© Joachim Rehle

Boxberg. Für das neue Schuljahr wurden in der Freien Oberschule Boxberg 25 Kinder angemeldet. So viele wie noch nie. Das sei so nicht vorhersehbar gewesen. Denn zu einer Informationsveranstaltung der Schule vorab waren gerade mal zwölf Interessenten gekommen. Und Werbung habe man auch nur wenig gemacht. Das erklärte Schulleiter Ralf Berthold in der jüngsten Gemeinderatssitzung in Boxberg. Für Trägerverein und Schulleitung eine ganz neue Situation, sagte er. Zwar eine überaus erfreuliche, aber eben auch eine fatale noch dazu. Noch wisse man gar nicht, wie man damit umgehen werde, hieß es da.

Inzwischen steht die Entscheidung des Trägervereins fest. Auf Nachfrage der SZ erklärte der stellvertretende Vorsitzende Arian Leffs, dass es im Grunde drei Möglichkeiten gab: zwei Klassen mit 12 bzw. 13 Schülern aufzumachen, was das Einstellen eines zusätzlichen Lehrers bedeuten würde, das Konzept der Schule auf 25 Schüler pro Klasse zu verändern oder aber Eltern von fünf Kindern abzusagen. „Wir haben jeden einzelnen Antrag noch mal intensiv geprüft und uns dann zu einer Entscheidung durchgerungen“, so Arian Leffs. Schweren Herzens werde man fünf Familien absagen. „Die betreffenden Eltern werden umgehend informiert“, sagte er.

Derzeit lernen in der Freien Oberschule Boxberg 89 Kinder in sechs Klassen, die zwischen 10 und 18 Schüler stark sind. In der jüngsten Klasse 5 sind es seit dem Herbst 17 Mädchen und Jungen. Unterrichtet werden sie von zwölf Pädagogen. Die Zahl der Lehrerinnen habe abgenommen, bedauerte Ralf Berthold. Das werde sich hoffentlich wieder ändern. „Wir arbeiten daran, dass jeder Lehrer jeden Schüler kennt und umgekehrt“, sagte er. Unterstützt werden die pädagogischen Mitarbeiter von einer stundenweise tätigen Sekretärin und zwei technischen Kräften.

Im elften Jahr des Bestehens sei der Aufbau der Schule abgeschlossen. „Dabei ist die Erkenntnis gewachsen, dass wir uns an manchen Stellen zu viel vorgenommen haben“, so Ralf Berthold weiter. 19 Schüler stammen direkt aus Boxberg, 39 aus den Ortsteilen der Gemeinde. 21 weitere kommen aus Weißwasser und zehn von Gablenz bis Hoyerswerda. Alles in allem traten 22 Schüler nicht direkt mit der 5. Klasse in die Freie Oberschule Boxberg ein, sie kamen später von anderen Schulen.

Zwei Drittel der Kinder stammen aus klassischen Familien mit Vater, Mutter, Kind(ern). Mit steigender Zahl der Patchworkfamilien nehmen psychische Probleme der Kinder zu. Dies wirke sich bis in den Matheunterricht aus. Mitunter brauche ein Jugendlicher im übertragenen Sinne mal „einen heftigen Tritt vors Schienbein“. Immer häufiger sehe man sich mit kontroversen Auffassungen über die Rolle des Lehrers in Bildung und Erziehung konfrontiert. Die Pädagogen betrachten sich aber nicht nur als Vermittler. „Wir kämpfen für Werte. Etwa dafür, dass die Schüler grüßen, was längst nicht für alle selbstverständlich ist“, sagte der Schulleiter. Im laufenden Schuljahr 2017/18 wurden zwei Verträge von Eltern gelöst. In zwei weiteren Fällen trat die Schule des sozialen Friedens willen vom Vertrag zurück.

Unterrichtet wird auf Grundlage des sächsischen Lehrplans. Die 2007 gegründete Freie Oberschule Boxberg ist seit 2012 als staatliche Ersatzschule anerkannt und damit berechtigt, Prüfungen abzunehmen. Fünf ehemalige Förderschüler haben sogar den Realschulabschluss geschafft. „Die Regel ist das nicht“, so Ralf Berthold. Im Vordergrund stehen die individuelle Lernentwicklung, die Förderung der Sprachfähigkeit und die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung. Vor dem Gemeinderat über die Situation in der Schule zu berichten, da habe er Lampenfieber und könne nachvollziehen, wie es Schülern ergeht. Ab Klasse 7 gebe es Projekte und Exkursionen zur Berufsorientierung. Zudem sind die Schüler in Ganztagsangeboten gebunden. Mit Ausnahme weniger, wo Musikschule oder Vereinssport entgegenstehen.

Materiell sei die Schule sparsamst aufgestellt. „Die Klasse 5 komplett mit 20 neuen Büchern in allen Fächern auszustatten, kommt mit 4 400 Euro weg“, sagte Ralf Berthold. Der Verschleiß erfordert Nachbestellungen, was bei elf Jahre alten Büchern nicht mehr funktioniert. Also werden auch für die anderen Klassenstufen in einzelnen Fächern neue Bücher fällig, mit Kosten um die 2 400 Euro. Es sei bei alldem dennoch „nicht sehr erhebend“, von den Eltern ein Schulgeld nehmen zu müssen. Einen monatlichen Förderbeitrag von 28,50 Euro haben sie derzeit zu zahlen.

Als immer wiederkehrendes Problem schilderte Ralf Berthold die Auseinandersetzung um Schülerbeförderungskosten. Es sei ein Unding, dass in der staatlichen Förderschule Weißwasser abgelehnte Kinder für den Weg nach Boxberg das Fahrgeld nicht erstattet bekommen. Das beträfe auch Eltern aus dem Ortsteil Reichwalde.

Eine Herausforderung für alle Beteiligten sind die Bauarbeiten im Schulgebäude. „Stemmen, Bohren und Fräsen von Beton während des Unterrichts, das ist eine große Belastung“, sagte Ralf Berthold. Die wurde wenigstens teilweise dadurch entspannt, dass die Zehntklässler vorübergehend im Konferenzraum der Gemeindeverwaltung unterrichtet wurden. „Das Gröbste ist überstanden und bis zum Beginn des neuen Schuljahres die Suppe gegessen“, versicherte Bürgermeister Achim Junker.

Dass sich immer mehr Eltern für die Freie Schule Boxberg entscheiden, sei eine Anerkennung der Arbeit, erklärte Gemeinderat Horst Jannack (Linke). Auf kommunalpolitischer Seite sei die Schule wichtig für eine auch in der Zukunft funktionierende Gemeinde. Demgegenüber stehe aber die wirtschaftliche Seite. Er forderte deshalb Verständnis für die Entscheidung des Trägervereins.

Der Förderverein der Schule ist mit 105 Mitgliedern einer der größten Vereine in der Gemeinde. Zur Wahlversammlung seien aber nur neun Leute da gewesen. Das zeige den allgemeinen Trend, dass immer weniger Menschen bereit sind, in der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen, so Horst Jannack. Aus den Reihen des Gemeinderats kam der Vorschlag, die Kinder bevorzugt aufzunehmen, deren Eltern bereit sind, sich im Träger- oder Förderverein einzubringen. Für Bürgermeister Achim Junker ist die Freie Oberschule ein Aushängeschild der Gemeinde. „Der Trägerverein leistet eine verantwortungsvolle Arbeit. Es ist nicht Aufgabe der Gemeinde, da hineinzureden“, sagte er.