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Freitag, 30.06.2017 Rasante Testfahrt

Ford GT: Tage des Donners

Die größten Pick-Ups, langweiligsten Limousinen und dicksten V8-Motoren - der amerikanische Automarkt bietet viele Superlative. Mit dem neuen Ford GT kommt ein weiterer dazu. Denn die Flunder ist nichts weniger als der spektakulärste Supersportwagen der Welt.

Der Sommer startet rasant: Denn der neue Ford GT kommt nach Europa. Eins kann man gleich sagen: Der Supersportwagen ist nichts für Spritsparer und schmale Geldbeutel. Foto: Wes Duenkel/Ford/dpa
Der Sommer startet rasant: Denn der neue Ford GT kommt nach Europa. Eins kann man gleich sagen: Der Supersportwagen ist nichts für Spritsparer und schmale Geldbeutel. Foto: Wes Duenkel/Ford/dpa

Normalerweise heißen die Konkurrenten VW oder Opel. Doch jetzt nimmt Ford Ferrari und Co ins Visier: Nach einem quälend langen Vorspiel, das von einem spektakulären Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans gekrönt wurde, bringen die Amerikaner in diesem Sommer den neuen GT nach Europa.

Der Ford GT kann es nicht nur beim Design und den Fahrleistungen mit jedem anderen Supersportwagen aufnehmen, sondern auch beim Preis. Denn mit rund 530 000 Euro wird er zum teuersten Ford aller Zeiten.

Kampfjet auf Rädern

Dafür gibt es eine Art Kampfjet auf Rädern, dem sie nur für die Zulassung die Flügel gestutzt haben. Mit Spiegeln 2,24 Meter breit und nicht einmal 1,10 Meter hoch, von Luftkanälen zerfurcht und ohne Rücksicht auf die Form allein auf Funktion getrimmt, kauert er auf der Straße wie ein Starfighter auf der Startbahn. Wenn man aufs Gas tritt, fühlt es sich ganz ähnlich an: Denn im Nacken der beiden Passagiere tobt ein 3,5 Liter großer V6-Motor, den die Ford-Entwickler mit zwei Turbos und jeder Menge Hightech zu einem waschechten Renntriebwerk aufgerüstet haben.

Deshalb leistet er jetzt 482 kW/656 PS und reißt mit bis zu 757 Newtonmeter an den 20-Zoll großen Gummiwalzen im Heck. Wenn die hübsch warm sind und die Fahrbahn griffig ist und vor allem wenn der Fahrer nicht zaudert, dann legt der GT einen Katapultstart hin, dass einem Höhen und Sehen vergeht: Von 0 auf 100 km/h in 2,8 Sekunden und ohne die geringste Anstrengung 200 Sachen - wo jedem anderen Ford die Puste ausgeht, atmet der GT noch einmal richtig durch und beschleunigt unbeirrt auf bis zu 347 km/h. Da wird die Luft selbst unter den Supersportwagen dünn.

Kurven jenseits der physikalischen Grenzen

Allerdings ist er nicht nur auf der Geraden schnell: Spätestens wenn man in den Track-Modus wechselt und das Auto sich von jetzt auf sofort noch einmal fünf Zentimeter tiefer auf den Asphalt fallen lässt, wird das Biest zur Bestie und verschlingt auch Kurven mit einem Appetit, als gäbe es kein Morgen mehr. Die Aerodynamik saugt den Wagen förmlich auf die Fahrbahn, die Cupreifen entwickeln fast magnetische Kräfte und zusammen mit dem als Airbrake aufgestellten Spoiler haben die Bremsen einen derart kompromisslosen Biss, dass einem die Augen aus den Höhlen treten, wenn man in die Eisen tritt.

Mit Hosenträgergurten in einem winzigen Cockpit festgeschnallt und dem Beifahrer näher, als es einem in der Hitze des Gefechts lieb ist, rast man wie im Rausch und fragt sich mit jeder Kehre, ob die Grenzen der Physik heute aufgehoben sind, so sicher lässt sich der GT trotz des lasziv nach außen drängenden Hecks um den Kurs führen. Nur gut, dass wie in der Formel 1 alle Bedienelemente am Lenkrad angebracht sind. Denn jetzt die Hände vom Steuer zu nehmen, das mag bei diesem Höllenritt niemand riskieren.

Historie verpflichtet

Dass Ford so einen großen Aufwand treibt und sich so weit vom Kern der Marke entfernt, kommt nicht von ungefähr. Mit dem neuen GT wollten die Amerikaner an den legendären Dreifachsieg des GT 40 bei den 24 Stunden von Le Mans im Jahr 1966 erinnern und ein halbes Jahrhundert später noch einmal an der Sarthe antreten.

Der Rennwagen war bereits 2016 fertig und hat es beim Jubiläumsrennen tatsächlich wieder an die Spitze geschafft. Doch weil die Veranstalter zur Homologation auch ein Straßenauto verlangen, bekommen jetzt ein paar Reiche den schärfsten Ford aller Zeiten.

Reichtum allein reicht nicht

In diesem Fall reicht Reichtum allein allerdings nicht. Weil Ford den GT nur bis 2020 bauen will und pro Jahr gerade mal 250 Autos fertig werden, haben die Amerikaner die Kunden handverlesen.

Sie haben nur dann einen Haken hinter den Namen gemacht, wenn sie erklärte Ford-Fans sind, schon einen alten GT oder zumindest ein paar Mustangs besitzen, sich allen Spekulationsgewinnen versagen und den Wagen mindestens zwei Jahre lang behalten wollen. Kein Wunder also, dass es für Deutschland kaum mehr als ein Dutzend Autos pro Jahr geben wird.

Fazit: Eine traumhafte Erscheinung auf der Überholspur

Energiegeladener als die meisten Ferrari, extremer als jeder Lamborghini und exklusiver als ein McLaren - 50 Jahre nach dem ersten GT hat sich Ford mit der Neuauflage tatsächlich noch einmal ins Segment der Supersportler katapultiert und einen echten Traumwagen auf die Räder gestellt. Schade nur, dass er für die allermeisten Autofahrer auf ewig ein Traum bleiben wird. Doch es gibt zumindest einen kleinen Trost. Weil Ford geahnt hat, dass es mehr Fans als Fahrer geben wird, haben die Amerikaner die Käufer dazu verpflichtet, den Wagen regelmäßig zu benutzen, satt ihn nur in eine klimatisierte Garage zu stellen. Mit ein bisschen Glück gibt es so zumindest bisweilen eine traumhafte Erscheinung auf der Überholspur. (dpa)

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