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Samstag, 30.12.2017

Fisch-Auge sei wachsam!

Von gläsernen Aufzügen, blauen Häusern und aufgemalten Grünstreifen. Der Jahres-Rück- und Ausblick eines Rödertal-Karpfens.

Der Silvesterkarpfen im Becken des Radeberger Edeka-Marktes. Hier hat er sozusagen alles im Blick …
Der Silvesterkarpfen im Becken des Radeberger Edeka-Marktes. Hier hat er sozusagen alles im Blick …

© Thorsten Eckert

Nun gut, über diesen albernen Spruch der Kollegen draußen im Teich kann ich nun wirklich nur noch müde lächeln: „Du hast ja ‘ne Scheibe …“ Ha, ha. Klar hab ich das! Scheiben sind im Aquarium üblich – sonst wär‘s schließlich kein Aquarium. Und so kann ich hier, im Glasbecken hinter der Fischtheke im Radeberger Edeka-Markt, auch recht gelassen meine Runden drehen. Denn immerhin habe ich hinter der erwähnten Scheibe den Durchblick … Das wiederum ist ein Satz, über den die Kollegen draußen in ihrem trüben Wassertümpel nicht wirklich lachen können. Die haben mitunter ganz schön die Kiemen voll … Wobei das Problem dieser Tage ja für uns alle dasselbe ist; egal ob mit oder ohne Scheibe: Kommt jemand mit dem Kescher, heißt es für uns: Flossen in die Hand nehmen. Silvester landet man als Karpfen sonst ziemlich schnell und ziemlich albern garniert auf einem vorgewärmten Porzellanteller. Und die letzte Scheibe, die man als Karpfen dann kurz zuvor noch hatte, war die des Elektroherds …

Ich jedenfalls finde es hier an der Fischtheke an der Oberstraße ziemlich unterhaltsam. Schließlich bekomme ich hier eine Menge mit. Dieser Tage unterhielten sich zum Beispiel zwei ältere Herren ebenfalls über Scheiben. Nämlich darüber, dass in Radeberg demnächst ein gläserner Aufzug eingeweiht werden solle. Angebaut an die Nord-Fassade von Schloss Klippenstein. Das solle helfen, die Stadt für Touristen attraktiver zu machen. Wobei der eine der beiden Herren plötzlich ein breites Grinsen aufsetzte und von einem Ort namens Meißen erzählte. Auch dort soll es einen Aufzug für Touristen geben, hinauf auf ein gewisses Schloss Albrechtsburg. Allerdings, so wusste der Mann dann hämisch zu berichten, funktioniere dieser Aufzug in Meißen ein bisschen so wie die zahllosen Umleitungen im zurückliegenden Sommer in Radeberg; also meist nie. Der andere Mann blieb hingegen gelassen: Wenigstens sei Meißen damit auch weit über die sächsischen Grenzen hinaus regelmäßig im Gespräch … Das könne Radeberg demnächst auch schaffen, frotzelte er dann noch. Nämlich, wenn der viel gescholtene Flughafen-Bau in Berlin doch noch eher fertig würde, als der seit Jahren geplante Neubau der morschen, einsturzgefährdeten Brücke an der Hüttermühle im idyllischen Radeberger Hüttertal. Wobei sich die beiden Männer dann schnell einig waren, dass mit Blick auf den Flughafen da wohl eher keine terminliche Gefahr bestehe …

Ein Wasserfloh im Ohr?

Manchmal kann ich mich hier in meinem Becken allerdings auch nur wundern. Über die Leute, da hinter der Scheibe. Womit die sich mitunter so das Leben schwer machen. Ständig lassen die sich irgendeinen Wasserfloh ins Ohr setzen … Ein Trend jagt da quasi den nächsten aus dem Supermarkt-Regal. Wobei, zumindest mit diesem neumodischen veganen Trend kann ich als Fisch ja durchaus gut leben. Schließlich sind die veganen oder auch vegetarischen Speisepläne eher grobkörnig, statt feingrätig … Aber ob sich dann außerhalb meines Edeka-Marktes auch dieser eigenartige Trend durchsetzen wird, von dem jetzt eine junge Frau ihrem Handy erzählt hat, als sie in der Warteschlange vor meiner Fisch-Theke stand? Mehr Straßengrün, sagte sie da, mehr Straßengrün sei ja in Ordnung. Aber ob dazu auch aufgemalte Grünstreifen wie seit dem Spätsommer auf der Umgehungsstraße zwischen Radeberg und Großerkmannsdorf gehören sollten, das glaube sie dann doch eher nicht. Hat sie jedenfalls ihrem Handy erzählt. Na ja, immerhin ist dieses Grün pflegeleicht. Schließlich hatten da ja jüngst im Radeberger Stadtrat einige so ihre Bedenken, ob der Stadtwirtschaftshof in Sachen Grünpflege überhaupt noch nachkomme. Im Ortsteil Ullersdorf hatten manche Angst, dass dort demnächst die Straßen gänzlich zugewuchert sind. Aber auch da könnte man sagen: Kostensparend; zugewucherte Straßen müssen ja zum Beispiel im Winter nicht mehr vom Schnee beräumt werden. Aber noch mal zu den aufgemalten Grünstreifen – die sollen nämlich Autofahrer davon abhalten, zu überholen oder gar zu wenden. Das fand die junge Frau offenbar ziemlich lustig …

Lieber drei kleine Märkte?

In Ottendorf-Okrilla würden sich die Leute aber selbst über eine Straße ohne aufgemalte Grünstreifen freuen. Hauptsache, der Asphaltweg führt um den Ort herum und sorgt für Ruhe. Das habe ich jedenfalls mitbekommen, weil ja auch viele Ottendorfer hierher nach Radeberg zum Einkaufen kommen. Dabei hätten die Ottendorfer auch gern selbst so einen schönen großen Supermarkt. Aber eine Behörde namens Landesdirektion sagt regelmäßig: „Nein“. Ottendorf dürfe keinen Markt bauen lassen, der – so wie geplant – 1 800 Quadratmeter Verkaufsfläche habe. Da hilft auch nicht, dass Ottendorf-Okrilla über 10 000 Einwohner hat; ungefähr so viele wie die einst sogar mal Kreisstadt Bischofswerda ganz in der Nähe. Leppersdorf – nicht weit weg von Radeberg und um die 1 000 Einwohner groß – darf einen Supermarkt bauen lassen. An der Kreuzung zur Müllermilch-Einfahrt nämlich. Weil der geplante Markt dort aber nur 799 Quadratmeter groß werden soll, könnte die Landesdirektion zwar auch hier „Nein“ sagen, aber es wäre egal. Jeder Markt, der unter 800 Quadratmeter Verkaufsfläche hat, darf auch ohne amtliches Wasserzeichen der Landesdirektion gebaut werden. Als ich hier so in meinem Becken die eine oder andere Runde gedreht habe, ist mir ein Einfall gekommen: Warum baut Ottendorf denn nicht einfach drei kleine Märkte nebeneinander? Dann wäre zwar insgesamt die Verkaufsfläche sogar größer als beim großen Wunsch-Supermarkt, aber die Bagger dürften trotzdem rollen. Eigentlich komisch, habe ich mir so gedacht …

Komisch ist auch, was jetzt ein Fisch-Fan aus Arnsdorf erzählte, als er vor meiner Scheibe einen Bekannten aus Wachau traf. Denn in Arnsdorf, so erzählte der Mann, denke man darüber nach, ob nicht doch wieder eine Oberschule eröffnet werden sollte. Worauf der Bekannte aus Wachau erklärte, dass es auch in seinem Ort solche Gedanken gebe. Dabei hatten ja beide Orte – Wachau und Arnsdorf – bis vor einigen Jahren noch Oberschulen gehabt; auch wenn die damals noch Mittelschulen hießen. Doch dann fand man im zuständigen Kultusministerium in Dresden, Mittelschulen müssten unbedingt zwei Klassen pro Altersstufe haben und überhaupt gebe es sowieso viel zu viele Schulen. Und der Landkreis wiederum musste entscheiden, wo Schulen gebraucht werden und wo nicht – und so hieß es dann, dass für Wachau und Arnsdorf die Schüler nicht mehr ausreichen würden. Und das über die kommenden Jahre hinweg, so die Verantwortlichen beim Blick in die Statistiken und die Entwicklungsprognosen, die von Fachleuten erarbeitet worden waren. Waren das eigentlich dieselben Fachleute, die zuvor die Prognosen für viel zu große Abwasseranlagen und Müllverwertungsanlagen gestellt hatten? Aber das ist Schnee von gestern, der ja längst die Röder in Richtung Elbe hinuntergeflossen ist. Und irgendwoher muss ja auch das geflügelte Wort vom „im Trüben fischen“ stammen … Jetzt jedenfalls drängeln sich hier wieder die Kinder. Die beiden Oberschulen in Radeberg und die in Ottendorf-Okrilla sind voll wie Heringsdosen. Und wenn demnächst in Leppersdorf auch noch der Salat-Riese Homann sein Werk eröffnet – in dem dann hoffentlich niemand auf die Idee für Karpfen-Kartoffel-Salat kommt – dann werden hier weitere gut tausend Arbeitsplätze entstehen. Und damit wieder neue Leute herziehen. Wie ja überhaupt viele Dresdner gemerkt haben, dass es im Raum Radeberg eigentlich auch ganz schön ist. Bisher ahnten ja wahrscheinlich viele noch nicht mal, dass es zum gleichnamigen Bier auch eine Stadt geben könnte … Jedenfalls könnte in Arnsdorf oder auch in Wachau jetzt wieder eine Oberschule eröffnet werden. Und alle Fachleute sind irgendwie überrascht. Komisch: Erst werden die großen Ballungszentren wie Dresden kräftig mit Fördermitteln unterstützt und dann wundert man sich, wenn sich plötzlich in und um die großen Zentren herum viele Leute ansiedeln, die auch Kinder haben …

Farbe als Ärgernis?

Apropos Ansiedeln. Auch in Weixdorf und Langebrück wird fleißig gebaut. Das neue Wohngebiet am Heiderand in Langebrück ist ja längst gut ausgelastet. Und natürlich stehen deshalb nun auch Leute aus Langebrück regelmäßig vor „meiner“ Fischtheke hier in Radeberg. Vor einigen Wochen war zum Beispiel mal eine Frau hier und erzählte lachend, dass sie gern einen Buntbarsch kaufen wolle. Den dürfe sie nun nämlich endlich auch in Langebrück in die Pfanne hauen. Die Verkäuferin verstand zunächst nicht richtig, was die Dame meinte. Und so erzählte sie von einer Erhaltungs- und Gestaltungssatzung für den Ort. Diese Satzung verbot bisher, dass Leute in Langebrück ihre neu gebauten – oder auch sanierten – Häuser farbig anmalen durften. Jedenfalls in auffälligen Farben. Ein Mann, so erzählte die Dame aus Langebrück, habe sein Haus nämlich blau gestrichen – und damit für mächtig Ärger gesorgt. Denn in der Satzung stand sinngemäß, dass grelle Farben verboten sind. Was aber ist grell? Wenn man beispielsweise mich als Karpfen fragt – aber mich fragt ja eben niemand … Hätte der Mann nun notfalls schwarz malen sollen? Jedenfalls durften die Langebrücker dann zur Bundestagswahl vor gut drei Monaten auch gleich drei Kreuze machen. Zwei auf dem Wahlschein für den Bundestag und eines auf einem Bürgerentscheid über die Zukunft jener Satzung. Und die Mehrheit der Langebrücker war dafür, die Satzung abzuschaffen. Nun wird’s also bunt. Auch blau. Wobei ich als Karpfen wirklich ungern blau wäre …

Und das erinnert mich daran, wieder lieber ein bisschen aufmerksamer zu sein. Nicht, dass am Ende des Jahres doch noch ein Kescher … Schließlich will ich ja noch ein bisschen durch meine Scheibe gucken. Denn ich bin gespannt, wann dann mal jemand in der Schlange vor meiner Fisch-Theke steht und erzählt, dass gleich hinterm Edeka-Markt die Dr. Rudolf-Friedrichs-Straße Richtung Liegau saniert wird. Das sollte ja eigentlich schon längst passiert sein, aber irgendwie kam immer etwas dazwischen. Im kommenden Jahr wird da wohl auch nichts passieren. Nein, die Sache mit dem ewig nicht fertig werdenden Flughafen in Berlin wollen wir an dieser Stelle lieber nicht noch mal aufwärmen …

Notiert von Jens Fritzsche