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Samstag, 08.09.2007

Fahren und schweben

Norddeutschland. Unterwegs auf der Deutschen Fährstraße auf 260 Kilometern.

Ob mit dem Auto, dem Fahrrad oder dem Schiff – wer auf der Deutschen Fährstraße unterwegs ist, lässt es auf jeden Fall gemächlich angehen. Zwischen Bremervörde und Kiel führt der Weg Radler und Autofahrer über etliche Brücken und Fähranleger, während Segler und Motorbootkapitäne in Brunsbüttel und Kiel-Holtenau die riesigen Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals passieren.

„Gleich singt sie wieder“, kündigt Horst Ahlf an, der 66-jährige Wirt der Gaststätte Fährkrug in Osten. Kaum hat sich die Gondel über den Fluss in Bewegung gesetzt, können Passagiere das helle Surren der Elektromotoren deutlich hören. Ahlf ist nebenberuflich Fährmann auf einem einzigartigen Technik-Denkmal in Niedersachsen – der historischen Schwebefähre über die Oste. 1909 wurde der stählerne Koloss in der Region zwischen Weser und Elbe errichtet. Die Planung übernahm Louis Pinette, ein Schüler von Gustave Eiffel, dem Erbauer des Eiffelturms. 80 Meter breit ist das Eisengerüst, 30 Meter über dem Wasser. An dicken Stahlträgern hängt die Gondel, mit der einst Pferdefuhrwerke und auch die ersten Automobile über die Oste gelangten. Seit April 2006 geht es nach fünf Jahren Pause und erfolgter Restaurierung wieder schwebend nach Hemmoor, jeden Tag pünktlich zur vollen Stunde zwischen zehn und 18 Uhr.

Seit 1974 steht die Ostener Fähre unter Denkmalschutz. Mit ihren fast 100 Jahren ist sie die älteste deutsche Schwebefähre, weltweit gibt es nur noch acht dieser Art. Das Technik-Fossil zählt zu den Höhepunkten der Deutschen Fährstraße, die der 62-jährige Journalist Jochen Bölsche aus Hamburg entworfen hat. Die Route führt auf 260 Kilometern über 13 Brücken und 17 Fähren von Bremervörde nach Kiel und zeigt die Entwicklung technischer Bauten am Ende des 19. Jahrhunderts.

„Fährmann hol‘ över“, ertönt es an der alten Prahmfähre von Gräpel, einem kleinen Dorf nahe Bremervörde. Wer hier übersetzt, kann zuvor im Gasthof zum Osteblick einkehren. Nach einem Schwätzchen mit den Wirtsleuten gelangen Reisende dann an das andere Ufer des Flusses, der sich durch die weiten Wiesen des Ostelandes schlängelt.

Während die Tour in Gräpel nur ein paar Momente dauert, benötigt die Fähre über die Elbe von Wischhafen nach Glückstadt manchmal bis zu 40 Minuten. „Das hängt ganz vom Verkehr ab. Da wir den Fluss queren, haben die anderen Schiffe stets Vorfahrt“, erklärt Hildegard Both-Walberg, Geschäftsführerin der Elbfähre Glückstadt. Gleich vier Schiffe pendeln morgens ab 4.30 Uhr wie eine schwimmende Brücke über den breiten Strom. Urlauber sind stets fasziniert von diesem Anblick. Vom Fähranleger lohnt ein Abstecher ins malerische Glückstadt. Die mittelalterliche Festungsstadt wurde nach dem Vorbild italienischer Renaissancestädte geplant: Alle Straßenzüge laufen sternförmig auf den Markt zu. Am Hafen steht eine der schönsten Häuserzeilen in ganz Norddeutschland.

Brunsbüttel mit den riesigen Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals (NOK) ist das nächste Ziel. „Die Urlauber erleben erst den stillen Ostefluss und dann den regen Schiffsbetrieb auf dem Kanal“, erläutert Jochen Bölsche. Die 98Kilometer lange Verbindung zwischen Elbe und Kieler Förde ist mit jährlich 43000 Schiffen aus mehr als 70 Ländern die meist befahrene künstliche Wasserstraße der Welt. Die Geschichte der zwischen 1887 und 1895 erbauten „Straße der Traumschiffe“ wird Besuchern im Atrium-Museum direkt neben den Schleusenanlagen anschaulich erzählt.

Weiter über den Nord-Ostsee-Kanal, über Hochbrücken und mit verschiedenen Fähren, führt die Fährstraße die Reisenden in Richtung Rendsburg und Kiel. Eine Alternative für Radtouristen ist die NOK-Route, die sich entlang des Kanals über 325 Kilometer in vielen Schleifen durch verträumte Dörfer des schleswig-holsteinischen Binnenlandes windet.

Als Höhepunkt der Tour in Rendsburg gilt das Schweben mit der kleinen Kanalfähre aus dem Jahr 1913 unterhalb der monumentalen Eisenbahn-Hochbrücke. Wer schwindelfrei ist, kann neuerdings auf das Dach der schwebenden Gondel steigen: An jedem Sonntag zwischen Mai und September erklimmt der Stadtführer Klaus-Peter Flegel jeweils um 14 und 15 Uhr mit Besuchern die Aussichtsplattform direkt neben den Bahngleisen. Bei gutem Wetter können Besucher sogar den rund 25 Kilometer entfernten Wikingturm von Schleswig erspähen. Bernd F. Meier, dpa

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