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Samstag, 30.04.2016

„Es wird bald keine Gefängnisse mehr geben“

Zeithains JVA-Chef Thomas Galli fordert in seinem Buch „Die Schwere der Schuld“ die Entlassung der Gefangenen. Im SZ-Interview erklärt er, warum.

Thomas Galli kurz nach seinem Amtsantritt in der JVA Zeithain. Der 1973 geborene Münchner wechselte 2013 vom bayerischen in den sächsischen Justizvollzugsdienst. Zuvor schloss er seine juristische Ausbildung mit dem Zweiten Staatsexamen beim Oberlandesgericht Nürnberg ab. Danach arbeitete er in Amberg und Straubing als JVA-Abteilungsleiter, als Sachverständiger wurde er bereits im Sächsischen Landtag zur Verabschiedung des Strafvollzugsgesetzes angehört.
Thomas Galli kurz nach seinem Amtsantritt in der JVA Zeithain. Der 1973 geborene Münchner wechselte 2013 vom bayerischen in den sächsischen Justizvollzugsdienst. Zuvor schloss er seine juristische Ausbildung mit dem Zweiten Staatsexamen beim Oberlandesgericht Nürnberg ab. Danach arbeitete er in Amberg und Straubing als JVA-Abteilungsleiter, als Sachverständiger wurde er bereits im Sächsischen Landtag zur Verabschiedung des Strafvollzugsgesetzes angehört.

© Alexander Schröter/Archiv

Herr Galli, Sie sind seit 2013 Leiter der JVA Zeithain. Mögen Sie Ihren Job?

Grundsätzlich mache ich diesen Job, um Geld zu verdienen. Manches macht Spaß, manches weniger. Da man im Strafvollzug jedoch massiv Einfluss auf das Schicksal anderer Menschen nimmt, sollte man in der Lage sein, diese Tätigkeit unabhängig davon selbstkritisch zu reflektieren.

In Ihrem Buch plädieren Sie dafür, diesen Job quasi abzuschaffen. Warum ist das Gefängnis, wie wir es heute kennen, Ihrer Meinung nach überflüssig?

Das Buch ist ja kein Fachbuch, sondern mit realen Geschichten von Straftätern und ihrem Leben in Haft eher zum Beispiel für Krimifreunde gedacht. Aber Sie haben Recht, mit den Geschichten ist auch ein sozialkritischer Ansatz verbunden. Das Gefängnis als Institution reduziert unter dem Strich nicht die Kriminalität. Seine Existenz beruht auf Tradition, nicht auf wissenschaftlicher Erkenntnis. In einigen Hundert Jahren werden wir Menschen über das Gefängnis das denken, was wir heute über die Todesstrafe denken.

Wie meinen Sie das?

Der Mensch der Zukunft wird sich fragen: Wie konnten die damals ernsthaft glauben, jemanden in die Gesellschaft integrieren zu wollen, indem man ihn aus ihr ausschließt? Wie konnten die glauben, jemanden auf ein selbstverantwortliches Leben in Freiheit vorbereiten zu wollen, indem man ihn jahrelang jeglicher Selbstverantwortlichkeit und Mitbestimmungsmöglichkeit beraubt? Wie konnte man so blöd sein, Hunderte von Straftätern über Jahre auf engstem Raum zusammen einzusperren, so dass notwendigerweise ein Straftäter vom anderen Straftäter lernen musste?

Was sollte man Ihrer Meinung nach also mit den 400 sogenannten Kurzstrafern machen, die zurzeit in Zeithain einsitzen?

Man sollte sie entlassen und statt dessen gemeinnützige Arbeit leisten lassen. Auch die Teilnahme an Therapie- und Ausbildungsmaßnahmen könnte ambulant umgesetzt werden und hätte so höhere Erfolgsaussichten. Wohlgemerkt ist das eine rein theoretische Erwägung. Ich rufe nicht dazu auf, das Recht zu brechen, sondern versuche argumentativ dazu beizutragen, es zu verändern.

Und was ist mit den Mördern, die unter anderem in Torgau ihre lebenslange Haft verbüßen?

Es gibt sehr wenige sehr gefährliche Menschen, vor denen die Allgemeinheit geschützt werden muss. Diese Menschen würde ich in nach außen gesicherten Dorfgemeinschaften unterbringen, in denen sie sich einigermaßen frei bewegen könnten und gemeinnützige Arbeit leisten müssten. Unter dem Strich wäre das für den Steuerzahler um ein Vielfaches günstiger.

Ist das überhaupt noch eine Strafe?

Der Wunsch nach Strafe und Vergeltung ist in den meisten von uns noch tief verankert. Ich denke aber, dass es auf staatlicher Ebene unvernünftig ist, diesen Wunsch auszuleben. Wir sollten Strafmaßnahmen allein nach ihrer Sinnhaftigkeit für die Zukunft ausrichten. Vergeltung macht gar nichts wieder gut, sie vergrößert nur den Schaden.

Sie wurden in den vergangenen Wochen oft kritisiert, mit Ihren Thesen vor allem an die Täter zu denken. Haben Sie Mitleid mit den Häftlingen?

Es geht mir ja gerade darum, Opfer zu reduzieren. Mein Ansatz ist eher analytisch, er beruht nicht auf einem falsch verstandenen Mitleid für Straftäter.

Wie könnte man den Opfern in Zukunft gerecht werden?

Es wäre viel gerechter, gerade den Opfern von Gewalttaten mehr staatliche Unterstützung zu kommen zu lassen, anstatt fast alle Ressourcen in die Bestrafung der Täter zu stecken.

Sie wurden auch kritisiert, mit Ihren Thesen die Arbeit ihrer 1700 Kollegen im sächsischen Justizvollzug herabzuwürdigen. Im Buch selbst aber loben Sie sogar deren Engagement und Kompetenz. Wie könnte dieser Beruf Ihrer Meinung nach sinnvoller gestaltet werden?

Die Gefängnisse aufzulösen, wird nicht von heute auf morgen funktionieren. Zunächst wird es darum gehen, weniger Menschen einzusperren – indem zum Beispiel die Ersatzfreiheitsstrafe abgeschafft wird – und zusätzlich ambulante Alternativen – wie zum Beispiel einen Hausarrest – einzuführen. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Kollegen auch mehr Arbeitszufriedenheit entwickeln würden, wenn sie sich um weniger Gefangene, aber dafür intensiver kümmern könnten und auch das Gefühl hätten, dass sich das System Strafvollzug in die Zukunft orientiert.

Wie war die Reaktion Ihrer Kollegen auf Ihr Buch und Ihre zahlreichen Medienauftritte seit dessen Veröffentlichung?

Die meisten Kollegen sind souverän genug, die grundsätzlichen Fragen nach Schuld und Vergeltung nicht als Kritik an ihrer Arbeit oder ihnen persönlich misszuverstehen. Es geht mir in dem Buch auch gerade darum zu zeigen, dass die Erwartungen in den Strafvollzug oft nicht erfüllt werden können. Schon gar nicht, wenn zum Teil ein Kollege für hundert oder mehr Gefangene zuständig ist. Das ist eine im höchsten Maße stressbelastete und unbefriedigende Arbeit. Die exorbitant hohen Krankenzahlen sprechen eine klare Sprache.

Das Sächsische Justizministerium lobte sie 2013 als innovativ, geht jetzt aber auf Distanz. Eine Lesung in der JVA Leipzig wurde untersagt und man will prüfen, ob Sie als Beamter gegen Ihre Dienstpflichten verstoßen haben...

Ich bin nun von mir aus auf Distanz zum Ministerium gegangen. Da ich niemanden persönlich kritisiere, nehme ich mir das Recht heraus, auch weiterhin zu Sachfragen offen meine Meinung zu vertreten. Wie das Ministerium inhaltlich zu meinen Thesen steht, weiß ich nicht, allerdings hat es betont, dass ich nicht für den sächsischen Strafvollzug, sondern als Privatmann spreche. Ich finde es auch sehr legitim, dass das Ministerium das klarstellt.

Im Herbst 2017 ist Ihre Elternzeit vorbei. Werden Sie dann wieder als Leiter der JVA Zeithain einsteigen?

Ich stehe derzeit vor einem Konflikt, den ich für mich selbst noch nicht auflösen konnte. Auf der einen Seite möchte ich nicht davonlaufen, sondern weiter an den aus meiner Sicht notwendigen Reformen des Strafrechts mitwirken. Auf der anderen Seite kommt man da innerhalb des Systems schnell an seine Grenzen. Ich weiß momentan nicht, wie es beruflich für mich weiter geht.

Glauben Sie, dass es jemals ein Deutschland ohne Gefängnis geben wird?

Ja, das glaube ich ernsthaft. Die Vernunft, oder das, was wir dafürhalten, setzt sich auf Dauer immer durch. Ich werde noch ein Deutschland ohne Gefängnisse erleben, da bin ich mir ganz sicher. Wir können damit zum zivilisatorischen Vorbild für die ganze Welt werden!

Das Gespräch führte Antje Steglich.

Das Buch „Die Schwere der Schuld“ist im März 2016 im Verlag Das Neue Berlin erschienen.