• Einstellungen
Donnerstag, 07.12.2017

Einmal Striezelmarkt reicht für ein ganzes Jahr

Warum eine Frau aus Portugal lieber im kalten Dresden arbeitet als sich in ihrer warmen Wahlheimat zu erholen.

Von Christoph Springer

8

Bild 1 von 2

Elke Gintars arbeitet auf dem Altmarkt im Kerzenstand an der Kreuzkirche. Mit ihrem Verdienst kann sie in ihrer Wahlheimat Portugal lange auskommen.
Elke Gintars arbeitet auf dem Altmarkt im Kerzenstand an der Kreuzkirche. Mit ihrem Verdienst kann sie in ihrer Wahlheimat Portugal lange auskommen.

© René Meinig

So mag die Wahlportugiesin Elke Gintars ihre Kunden. Die fünfjährige Nele Nasdala und Maia Götze haben Kerzen verziert.
So mag die Wahlportugiesin Elke Gintars ihre Kunden. Die fünfjährige Nele Nasdala und Maia Götze haben Kerzen verziert.

© Christian Juppe

Elke Gintars hat ihre Strickmütze tief ins Gesicht gezogen und zusätzlich unter einer Kapuze versteckt. Sie fröstelt ein wenig in Dresden, denn eigentlich ist sie andere Temperaturen gewohnt. Portugal ist ihre Heimat. Dort lebt sie an der Südküste. Doch jetzt ist sie Dresdnerin auf Zeit, etwa vier Wochen lang. Elke Gintars arbeitet auf dem Striezelmarkt.

Draußen regnet und hagelt es bei knapp über null Grad, und auch im Kerzenstand gleich bei der Kreuzkirche ist es nicht behaglich warm. „An der Algarve sind es jetzt 20 Grad, man kann noch im Meer schwimmen“, erzählt die gebürtige Aachenerin über ihre Wahlheimat. Trotzdem kommt sie seit sieben Jahren gern auf den Striezelmarkt. Denn die Arbeit im Kerzenstand macht ihr Spaß, und sie wird gut bezahlt. „Ich lebe von sehr wenig Geld“, sagt die gelernte Erzieherin. „Wenn ich wirklich sparsam bin, kann ich ein ganzes Jahr lang mit dem auskommen, was ich hier verdiene.“

Eine Summe mag sie nicht nennen, nur so viel: In Portugal reichen 300 bis 400 Euro pro Monat. Vorausgesetzt, man lebt wie die 51-Jährige in einfachen Verhältnissen. Ihr Zuhause ist ein Tipi, daneben steht noch ein Wohnmobil, das sie nutzen kann. Strom und Wasser bekommt sie gratis.

Elke Gintars bezeichnet sich als Travellerin, eine Reisende. Arbeitet sie nicht in Dresden, nimmt sie in Portugal Gelegenheitsjobs an oder näht Mokassins, die sie dann verkauft. Im Kerzenstand auf dem Striezelmarkt teilt sie sich die Arbeit mit drei weiteren Kollegen. Dazu gehört auch die 27-jährige Madita Ludwig. Sie stammt aus Hamburg, ihre Wahlheimat ist La Rochelle, eine Hafenstadt in Südwestfrankreich. Zum dritten Mal hilft sie in diesem Jahr auf dem Striezelmarkt. „Da hat man dann wieder genug Geld, um ein halbes Jahr zu leben“, erklärt sie ihre Motivation, bei Wind und Wetter in dem mäßig geheizten Stand auszuhalten. Außerdem ist sie mit Elke Gintars befreundet. Durch sie ist die 27-Jährige überhaupt an den Job in Dresden gelangt. Inzwischen gehört er zu ihrem Jahresprogramm. Und ihr Freund? Der wartet in Frankreich auf die Rückkehr der 27-Jährigen. Die wochenlange Trennung nimmt Madita Ludwig für den Verdienst auf dem Striezelmarkt gern in Kauf. „Danach hat man auch genug Zeit, zu machen, was man wirklich möchte.“

Elke Gintars weiß vor allem, was sie nicht mehr möchte: in ihrem erlernten Beruf als Erzieherin arbeiten. „Für den Stress, den man dabei hat, bekommt man eine schlechtere Bezahlung als ein Müllmann“, beschreibt sie ihre Erfahrungen. „Ich habe die Schnauze voll, hier in diesem Beruf zu arbeiten.“ Auch in Portugal sei das nicht besser. Die Arbeit mit Kindern, denen sie zeigt, wie man Kerzen zieht und anschließend hübsche Muster ins Wachs schnitzt, mag sie dagegen sehr. Vielleicht hilft ihr dabei auch ein wenig ihre Ausbildung. Eine ihrer Besucherinnen ist Nele Nasdala. Die Fünfjährige aus Dresden schnitzt Motive in eine orange und rot gefärbte Kerze. „Meine erste habe ich dem Papa geschenkt“, sagt sie und schneidet weiter kleine Stücke aus dem Wachs.

Portugiesin ist Elke Gintars noch nicht. Die Sprache beherrscht sie nur zum Teil, die Travellerweltsprache ist aber ohnehin Englisch. Damit kommt die 51-Jährige auch im portugiesischen Alltag gut zurecht. „Es ist eines der friedlichsten Länder der Welt“, sagt sie über ihre neue Heimat. „Aber da ist auch nicht mehr alles so wie früher.“ Sich mit dem Wohnmobil einfach an den Strand zu stellen, ist inzwischen auch in Portugal tabu und die einheimischen Nachbarn haben mit den Campern ähnliche Probleme, wie sie auch Deutsche hätten. „Stellen Sie sich mal vor, auf Sylt würden sich plötzlich viele Traveller einrichten“, deutet Elke Gintars an, was zu Spannungen zwischen den Zugereisten mit Zelten und Wohnmobilien und den Einheimischen in ihren Häusern führt.

Ohnehin muss sie ihre Lebensweise demnächst ein wenig ändern. „Inzwischen bin ich Oma“, räumt die Wahlportugiesin zum Schluss ein. Deshalb muss sie in ihrer Ex-Heimat Deutschland wieder ein wenig sesshafter werden. Schließlich ist die Weihnachtszeit nur halb so schön für ihr Enkelkind, wenn die Oma gerade an der Algarve baden geht.

Desktopversion des Artikels

Leser-Kommentare

Seite 1 von 2

Insgesamt 8 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Besorgter

    Ich seh schon heut die Bild-Schlagzeile in 16 Jahren : „Arme , mittellose Frau bekommt mit 67 Jahren keine Rente vom Staat, wie unmenschlich ist das denn , wo wir doch in so einem reichen Land leben !“ Und keinem wird der Hintergrund beschrieben! Der „pöse, pöse“ Staat hat wieder ein „Opfer“ gefunden und alle, mit Tränen in den Augen, ob dieser „schreienden Ungerechtigkeit“ werden mitleidsvoll meinen, das sollte die Grundsicherung im Rentenalter – aus Steuermitteln erwirtschaftet- doch richten ! Damit wird jedoch jede Friseurin verhöhnt , welche 45 Jahre lang zum Mindestlohn, Tag für Tag fleißig auf Arbeit getrottet ist !

  2. Peter

    Lieber @Besorgter, was kann denn die Frau dafür, wenn das Schundblatt BILD (Zeitung will ich das nicht nennen) Ihre fiktive Schlagzeile schreiben wird. Ich hab aus dem Artikel jedenfalls nicht herausgelesen, dass die Frau sich beschwert. Ich ziehe den Hut vor diesem Lebensentwurf, raus aus dem Hamsterrad! Da kann ich sogar etwas neidig werden. Man lebt hier und jetzt und was die Zukunft bringt (Stichwort "Die Rente ist sicher", "Wir wollen keinen Krieg"). Versuchen wir doch mal, uns etwas zu erden, das Leben ist viel zu kurz und schön um ständig rumzumaulen! Alles Gute der Frau und viel Spaß in Dresden!

  3. Juliane

    „Wenn ich wirklich sparsam bin, kann ich ein ganzes Jahr lang mit dem auskommen, was ich hier verdiene.“ Eine konkrete Summe nennt sie nicht, beziffert aber ihre Lebenshaltungskosten auf 300-400 € monatlich. Ich hab mal kurz nachgerechnet, weil ich das nicht so ganz glaube, und gehe mal davon aus, dass die Frau nicht als Angestellte, sondern auf Gewerbeschein arbeitet und somit mehr Stunden "schrubben" kann. An den Tagen, an denen der Striezelmarkt lange geöffnet hat, habe ich je 1 h Pause eingerechnet, was dennoch 10-11 h Arbeitszeit ergibt. Demnach könnte die Frau ca. 250 h auf dem Striezelmarkt arbeiten. Das höchste, was ich an Stundenlohn in Anzeigen gelesen habe, waren 12 €. Das wären 3.000 €. Vor jeglicher Steuer etc. Selbst bei minimal 300 € Lebenshaltungskosten reicht sie damit nicht das ganze Jahr. Ich mag solche übertriebenen Darstellungen nicht.

  4. Phillip

    Wie sie alle wieder neidisch sind! Wer Fragen zum Lebensentwurf der Frau hat, kann sie ja auf dem Markt besuchen gehen. @3 3000,- Euro sind Minimum. Ich habe einen ganzen Monat auf dem Striezelmarkt gearbeitet. Glauben Sie mir, mit dem was man da verdient kann man in Portugal locker ein Jahr leben. Vorausgesetzt, man hat einen guten Chef! Viele Grüße aus dem warmen Spanien.

  5. Besorgter

    @Peter ....das Leben dieser Frau ist asozial ! Denn sie sieht nur sich und Ihre Bedürfnisse ! Ich unterstelle hier sicher etwas, aber würde sie von Krankheit oder Altersarmut geplagt, hielte sie wohl wie selbstverständlich die Hand ggü der Solidargemeinschaft auf ! Doch diese Errungenschaft Solidargemeinschaft funktioniert nur im "Abgeben" der Leistungsstarken und damit solidarisch im soweit wie möglichen Bemühen der "Leistungsschwachen "! Wer sich dagegen in die Individualität flüchtet , und sich an der Algarve "die Sonne auf den Bauch scheinen lässt" ohne das andere ggf. auch von ihrer Leistungskraft solidarisch partizipieren kann, stellt sich selbst asozial ins Abseits ! Denn selbst das Vorhandensein einer Solidargemeinschaft ist eine soziale Errungenschaft ! "Wer das eine will, muss das andere mögen "...ich für meinen Teil, könnte im Alter völlig emotionslos an ihrem Klingelbeutel vorbeigehen und genüsslich "am Eis schlecken"...was für ein herrlicher Tag !

Alle Kommentare anzeigen

Seite 1 von 2

Ihr Kommentar zum Artikel

Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Verbleibende Zeichen: 1000
Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein