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Dienstag, 12.09.2017

Eine Antenne für Gerechtigkeit

Bundestagskandidaten vorgestellt: Thomas Jurk (SPD) hat seit 1990 den Freistaat Sachsen mit aufgebaut. Sein Beruf als Funkmechaniker hat ihm geholfen.

Von Frank Seibel

Die Kirche im Rücken: Thomas Jurk kam 1962 in Görlitz zur Welt und prägt von Weißkeißel aus seit beinahe 28 Jahren die sächsische SPD mit.
Die Kirche im Rücken: Thomas Jurk kam 1962 in Görlitz zur Welt und prägt von Weißkeißel aus seit beinahe 28 Jahren die sächsische SPD mit.

© pawel sosnowski/80studio.net

Als Jugendlicher fand Thomas Jurk im Schrott der anderen noch etwas wirklich Brauchbares. Seine Eltern rollten immer mit den Augen, wenn er in den Wald ging und einen alten, kaputten Fernseher mitbrachte. Er hätte sich auch über die Umweltverschmutzung aufregen können, weil die Leute in Weißkeißel es wohl ziemlich normal fanden, Sperrmüll im Wald abzuladen. Aber als Thomas Jurk 15 war, schrieb man das Jahr 1977, und auch in christlichen Elternhäusern wie seinem war der Umweltschutz noch kein besonders wichtiges Thema. Und wenn, dann hätte man sich vermutlich zuerst über die wuchernden Braunkohletagebaue erregt, die die idyllische Heide- und Teichlandschaft im Norden des heutigen Landkreises Görlitz verwüsteten. Aber dafür hatten die Menschen Arbeit und verdienten gut.

Nein, den Jugendlichen Thomas Jurk interessierte die Technik. Er war ein Tüftler, und sein ganzer Ehrgeiz galt dem Empfang von Wellen, die Töne und Bilder aus der Ferne hier ins abgelegene Dorf zwischen Weißwasser und der polnischen Grenze spülen sollten. Zunächst war das nur ein Tüftler-Ehrgeiz. Ist ja toll, wenn man einen Fernseher oder ein Radio reparieren kann. Aber als er dann sein Hobby zum Beruf machen konnte und Funkmechaniker wurde, da wuchs sein Interesse für die Inhalte der Bilder und Töne. Helmut Schmidt war SPD-Kanzler der Bundesrepublik und für den jungen Mann eine interessantere Politikerpersönlichkeit als SED-Chef Erich Honecker. Und die deutsch-deutschen Beziehungen waren in einer sehr spannenden Phase, wenngleich an Wiedervereinigung damals noch nicht zu denken war. „Aber die Signale der Annäherung wurden doch von uns allen sehr genau wahrgenommen. Und wir hofften, dass wir wenigstens als Rentner würden frei reisen können.“ Thomas Jurk war froh, nicht nur die Aktuelle Kamera und den Schwarzen Kanal als Informationsquellen zu haben, sondern auch ARD und ZDF.

Weißkeißel war nun kein Ort, in dem großartig politisiert wurde. Die Milieus, die das System der DDR zunehmend infrage stellten, waren eher in den größeren Städten zu Hause; auch in Görlitz, wo Thomas Jurk 1962 geboren wurde, weil es dort ein christliches Krankenhaus gab: Sankt Carolus. Als offen und interessiert beschreibt der 55-Jährige den jungen Thomas Jurk. Ein selbst gebauter Funkmast bot ihm da manchen Informationsvorteil. So erfuhr er sofort davon, als sich am 7. Oktober 1989 die Ost-SPD gründete. Und er entschied sich sehr schnell, dort mitzutun. „Wir im Osten waren ja ziemlich sozial geprägt“, sagt Thomas Jurk. „Aber mir war früh bewusst, dass man nur das verteilen kann, was man zuvor erwirtschaftet hat.“ Also die SPD als eine Partei, in der er „Wirtschaft“ und „Soziales“ am besten ausbalanciert sah.

Der Junge aus Weißkeißel ist wirklich zu einem Urgestein der sächsischen Sozialdemokratie, ja des jungen Freistaats Sachsen überhaupt geworden. Und er wundert sich selbst darüber, wie schnell alles ging. Als 1990 der erste Sächsische Landtag gewählt wurde, da bekam der damals 28-jährige Thomas Jurk die Chance und nicht ein Politiker, der schon in der Volkskammer der DDR gesessen hatte.

Er war also dabei, als die Verfassung des Freistaates Sachsen im Landtag beschlossen wurde. Aber, sagt er heute, „ich dachte, dass ich das vier Jahre mache und dann wieder in meinen alten Beruf gehe.“ Er blieb Politiker, und es wurde eine Geschichte mit vielen Hochs und Tiefs. Die Erfolge, sagt er, waren immer vor allem mit Personen verknüpft, weniger mit der Partei. So konnte er sich freuen, einer der populärsten Sozialdemokraten im Freistaat zu sein, ab 2004 sogar ihr Vorsitzender.

Allerdings konnte auch er seine Beliebtheitswerte nicht in Stimmenzuwächse für die SPD ummünzen. Als Spitzenkandidat konnte Thomas Jurk bei der Landtagswahl 2004 nur 9,8 Prozent für die SPD einfahren. Dennoch rückte er in die Regierung auf, wurde Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident unter Georg Milbradt in der ersten Großen Koalition aus CDU und SPD. Vier Jahre später hatte die SPD zwar die Zehn-Prozent-Marke wieder leicht überschritten, flog aber aus der Regierung.

Unter dem Verlust der Macht hat Thomas Jurk gelitten. Nicht so sehr, weil er die Macht liebt; aber das Machen doch schon. Zunächst blieb er Landtagsabgeordneter, gab aber den Parteivorsitz an Martin Dulig ab und verlor in der kriselnden Partei an Reputation. Letztlich entglitt ihm auch der Vorsitz des Unterbezirks Neiße. Rückhalt fand er in dieser schwierigen Phase bei seiner Familie. Heute sind die Enkelkinder besonders wichtig als Ausgleich zur Politik.

Aber er hat sich auch als zäh und, bei aller persönlichen Bescheidenheit, kämpferisch erwiesen. 2013 wechselte er in den Bundestag und merkte schnell, dass er als Ex-Minister keineswegs einen Bonus genoss. Sein mit großem Fleiß erworbenes Wissen aus den Regierungsjahren konnte er jedoch in der Wirtschafts- und Finanzpolitik in Berlin einbringen. Dass er für die sächsische SPD im Haushaltsausschuss sitzt und mitbestimmt über die Verteilung vieler Milliarden Euro, ist keine Kleinigkeit.

Wenn er schnell über die Details der komplizierten Sozialpolitik spricht, wird der Ehrgeiz deutlich, der ihn seit der Kindheit prägt. So vergleicht Thomas Jurk die Politik mit seiner Arbeit als Funkmechaniker: Man muss verstehen, wie’s funktioniert, damit man etwas reparieren kann. Mit Platz zwei auf der Landesliste der SPD hat er beste Chancen, weiterzumachen, auch wenn er den Wahlkreis 157 nicht direkt gewinnen sollte.

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