• Einstellungen
Mittwoch, 14.02.2018

Einbruch bei einem Taubstummen

Der Behinderte soll von seinem Nachbarn auch verletzt worden sein. Vor dem Mann hat er offenbar große Angst.

Von Jürgen Müller

Bei einem Behinderten in Meißen wurde eingebrochen. Damals hatte er seinen Nachbarn als den Täter erkannt, doch heute sagt er, es sei ein anderer, unbekannter Mann gewesen. Hat er Angst?
Bei einem Behinderten in Meißen wurde eingebrochen. Damals hatte er seinen Nachbarn als den Täter erkannt, doch heute sagt er, es sei ein anderer, unbekannter Mann gewesen. Hat er Angst?

© dpa

Meißen. Es ist eine halbe Stunde vor Mitternacht im Januar vorigen Jahres, als ein 39-jähriger Mieter einer Wohnung in Meißen wahnsinnig erschrickt. Plötzlich steht ein Mann neben ihm. Er hat nicht bemerkt, dass der Täter in seine Wohnung eingebrochen ist. Das ist nicht verwunderlich. Denn der 39-Jährige ist taubstumm. Der Täter will ihm das Handy wegnehmen, mit dem er gerade noch mit einen Bekannten per Videoprogramm kommuniziert hatte. Außerdem soll er ihn mit dem Unterarm am Hals gedrückt haben. Dann verlässt der Eindringling wieder die Wohnung, hinterlässt einen verängstigten Mann und eine stark beschädigte Wohnungstür. An dieser entsteht ein Sachschaden von 1 100 Euro.

Der Geschädigte klopft bei einer Nachbarin, macht ihr klar, dass diese die Polizei anrufen möge. Denn er selbst kann das ja nicht. Bei der späteren polizeilichen Vernehmung, die mit einer Gebärdendolmetscherin geführt wird, gibt er an, den Täter erkannt zu haben. Es ist sein Mitbewohner, der über ihm wohnt. Mit dem hatte er schon öfter Ärger. Vor drei Jahren hatte ihm der Mann schon mal einen Kopfstoß versetzt, erhielt deshalb wegen Körperverletzung eine Geldstrafe. Gegen den Strafbefehl legte der Nachbar Einspruch ein, kam dann aber nicht zur Verhandlung.

Der Einspruch wurde verworfen, das Urteil rechtskräftig. Schon damals hatte der 43-jährige Meißner behauptet, er sei an diesem Tag gar nicht zu Hause gewesen. Das sagt er auch diesmal, als er wegen Sachbeschädigung, Hausfriedensbruchs und Körperverletzung vor dem Meißner Amtsgericht sitzt. Obwohl an diesem 20. Januar vorigen Jahres nach seiner Darstellung nichts Außergewöhnliches vorgefallen ist, kann er sich an kleinste Einzelheiten erinnern. Dass er bei einem Kumpel Biertrinken war, Bier mitbrachte. Sogar an die Sorte und die Anzahl der geleerten Bierflaschen kann er sich erinnern. Dass er danach noch in einer Bar und in einem Pub war, dort weiter trank. Und dass er erst so gegen 1 Uhr zu Hause gewesen sei. Nein, er könne es gar nicht gewesen sein.

Bei der Polizei hatte er sogar behauptet, bei seiner Ex-Freundin übernachtet zu haben. Diese Aussage zieht er jetzt zurück, wohl auch, weil ihm die junge Frau kein Alibi gibt. Sie kann sich nicht erinnern, dass er in jener Nacht bei ihr war. Auch der Geschädigte hat plötzlich große Erinnerungslücken. Er, der den Täter bei der Polizei mehrfach namentlich erwähnt hatte, meint jetzt, es könne auch ein anderer gewesen sein. Der Täter sei kleiner als der Angeklagte und habe auch ein anderes „Gangbild“, lässt er die Gebärdendolmetscherin übersetzen. Auch wenn er das bestreitet: Es ist offensichtlich, dass er große Angst vor dem mehrfach vorbestraften Angeklagten hat. Indirekt gibt er das auch zu.

„Ich will keine Probleme haben“. Immerhin wohnt man immer noch im gleichen Haus. Vor der Verhandlung will er von dem Angeklagten nicht bedroht oder eingeschüchtert worden sein, sagt er auf Frage der Staatsanwältin. Das kann man glauben, muss man aber nicht.

Auch die Frau, die die Polizei rief, hat Angst. Sie will nicht angerufen haben, behauptet sie, das habe der Geschädigte selbst gemacht, sagt sie. Wie das ein Taubstummer hinkriegen soll, weiß sie auch nicht. Gegenüber einer Polizistin hatte sie damals gesagt, dass der Geschädigte eine Auseinandersetzung mit dem Angeklagten gehabt habe. Jetzt behauptet sie, der Behinderte habe seine Wohnungstür wohl selbst eingetreten. Das Gericht will nun weitere Zeugen hören. Das Verfahren wird am 27. Februar fortgesetzt.