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Donnerstag, 11.01.2018 Kommentar

Ein zentraler Inhalt der „Leitkultur“

Das Erinnern an die NS-Verbrechen gehört zum Selbstbild der Bundesrepublik, findet Oliver Reinhard. Ob ein Zwangsbesuch im KZ dem zuträglich ist, ist eine andere Frage.

SZ Redakteur Oliver Reinhard
SZ Redakteur Oliver Reinhard

© Robert Michael

Man muss nicht alles mögen, was Ex-Bundespräsident Joachim Gauck gesagt hat. Aber man kann vielem zustimmen. Etwa dem Satz: „Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben.“ Alles daran ist richtig. Es geht nach dem Aussterben der Täter längst nicht mehr darum, sich schuldig oder verantwortlich für die NS-Verbrechen zu fühlen. Es geht um das Erinnern. Denn nur dann kann man auch wissen, dass und vor allem warum Grundgesetz und Selbstbild der Bundesrepublik sind, was sie sind: ein direkter Gegenentwurf zum „Dritten Reich“, inklusive Minderheitenschutz und rechtliche Gleichstellung aller Bürger.

Wie auch immer man „Deutsche Leitkultur“ interpretieren könnte: Dieses Wissen ist dafür fundamental und muss allen vermittelt werden, „die in Deutschland leben“. Das heißt auch – am besten schon in Integrationskursen – den Zuwanderern. Nicht nur solchen aus Regionen wie diversen arabischen Ländern oder Russland, in denen Antisemitismus noch weiter verbreitet ist als hier.

Kann ein Zwangsbesuch im KZ dafür zuträglich sein? Die Frage ist nicht nur schwer zu beantworten. Sie ist vor allem verfrüht. Weil die Grundvoraussetzungen für eine gründliche Vor- und Nachbereitung sowie die Durchführung solcher Besuche vielerorts gar nicht gegeben sind. Weder in den Schulen mit maximal zwei Geschichtsstunden pro Woche noch in den vielfach eher knapp besetzten Gedenkstätten. Was wiederum zu einer ganz anderen Frage führt: Wer zwingt den Staat, diesen Unzustand zu ändern?

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