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Dienstag, 02.01.2018

Ein Kamenz-Jahr im Zeichen der Pusteblume

Erst startete die Leitbild-Debatte, dann die IG Bürgerwiese und schließlich die Stadtwerkstatt. Alle Mitsprache-Blütenträume sind aber (noch) nicht gereift.

Von Frank Oehl

Etwa 150 Kamenzerinnen und Kamenzer –viele in Familie – trafen sich am 6. Mai unterhalb der Lessingschule, um über die Zukunft des ganzen Areals mitzureden. Eingeladen hatte eine „IG Bürgerwiese“, die sich später zur Stadtwerkstatt mauserte.
Etwa 150 Kamenzerinnen und Kamenzer – viele in Familie – trafen sich am 6. Mai unterhalb der Lessingschule, um über die Zukunft des ganzen Areals mitzureden. Eingeladen hatte eine „IG Bürgerwiese“, die sich später zur Stadtwerkstatt mauserte.

© Anne Hasselbach

Kamenz. Das zu Ende gehende Jahr wird in Kamenz nicht nur wegen des galoppierenden Baubooms in Bernbruch-Nord in die Annalen der Stadt eingehen. Es hat auch in Sachen Bürgermitsprache und -engagement neue Maßstäbe gesetzt. Eigentlich sollte zum Ende des Jahres 2017 das künftige Leitbild der Stadt, die Agenda 2030, in groben Zügen vorliegen, aber dazu ist es zunächst mal nicht gekommen. Warum eigentlich nicht? Vielleicht hilft es, chronologisch vorzugehen...

OB Roland Dantz hatte in seiner Neujahrsansprache Anfang Februar eine deutliche „Aufbruchstimmung“ in der Stadt diagnostiziert, die sich auch in der Erarbeitung eines neuen Leitbildes niederschlagen sollte. Das Rathaus nahm dabei auch Impulse aus der Bürgerschaft ernst, die im Jahr zuvor zum Beispiel in der Debatte um einen Supermarkt unterhalb der Lessingschule zutage getreten waren. Offensichtlich gibt es ein größeres Interesse vieler Kamenzerinnen und Kamenzer an mehr Mitsprache in Sachen Stadtentwicklung. „Quo vadis, Kamenz?“ – diese Frage sollte eben nicht nur einem mehr oder weniger weitgezogenen Insider-Kreis rund um die Rathausspitze vorbehalten bleiben. Stadträte, Ältestenrat, Rechtsberater, Ausschreibungsgutachter – alles wichtig, aber eben nicht allein. Insofern war das Auftreten von Hilke Domsch vom Verein Geokompetenzzentrum Freiberg in Kamenz ein äußerst positives Zeichen gewesen. Die engagierte wie schlagfertige Person war auserkoren worden, als externe Moderatorin die Leitbilddebatte in der Lessingstadt zu führen. Sie sprach im Vorfeld mit etwa 40 Bürgern und war begeistert von deren Einsatz und Mitgestaltungswillen, insbesondere auch, was die Einkaufsinnenstadt betrifft.

Anfang März startete die Leitbild-Debatte offiziell im Ratssaal – in vier Foren diskutierten erfreulich viele Leute mit. Einige von ihnen fanden sich einen reichlichen Monat später in einer „Steuerungsgruppe“ wieder, die bis zum Spätherbst ein Leitbild-Vorschlag erarbeiten sollte. Leider war schon Ende Mai die Euphorie vorbei. Da warf Hilke Domsch das Handtuch. Sie beklagte eine gewisse „Ideologisierung“ seitens ihrer Kritiker in der Steuerungsgruppe und dass ohne Vertrauen ihre Arbeit als Moderatorin der Leitbild-Debatte „natürlich sinnlos“ sei. Wie konnte es dazu kommen? Zwei Mitglieder der Steuerungsgruppe wollten mit Hilke Domsch nichts mehr zu tun haben, weil das Geokompetenzzentrum Freiberg wohl auch als eine Art „Lobby-Verein“ für den Berg- und insbesondere den Gesteinsabbau fungiere. Möglicherweise sei die Büroleiterin des GKZ Freiberg e.V. in Kamenz also für die derzeit ruhenden Abbaupläne am Wal- und Wüsteberg unterwegs, hieß es. Gegen die weit hergeholte Vermutung war natürlich kein Kraut gewachsen. Natürlich hätte der OB ein Machtwort gegen die Unterstellung sprechen und seiner Moderatorin den Rücken stärken können. Das ist ausgeblieben, und damit war die Luft raus aus dem Leitbild-Ballon. Wie man hört, soll er wohl im Januar noch mal aufgeblasen werden. Ohne die Begeisterung des Aufbruchs dürfte dies vergeblich sein. Beziehungsweise Pusteblume.

Lukratives Angebot

Das Mitsprachebedürfnis hat sich stattdessen anderswo manifestiert. Zunächst in der Gründung der „Initiativgruppe Bürgerwiese“. Ausgangspunkt war hier die noch offenen Campus-Möglichkeiten unterhalb der Lessingschule, deren Sanierung 2017 endlich begonnen hat. Wie soll die ehemalige Gartenanlagenfläche für die Innenstadt wirksam werden? Am 6. Mai trafen sich knapp 150 Kamenzerinnen und Kamenzer, um diese Frage ergebnisoffen anzugehen. Das heißt, in einem Punkt waren sich die allermeisten einig: Ein Supermarkt als „sehr lukratives Angebot einer großen Handelskette“ sollte höchstens das allerletzte Ergebnis sein. Viel wichtiger sei es, das Filetstück an der Oststraße für eine schulische Nutzung offen zu halten.

Zu weiteren Treffen auf der „Bürgerwiese“ kam es nicht mehr. Weil sich eine Chance in der Luxemburgstraße auftat, mit der Initiative direkt in die Innenstadt, also auf das heiße Pflaster zu gehen. Am 2. August wurde hier die „Stadtwerkstatt für mehr Wir-Gefühl“ eröffnet, wie die SZ titelte. Für den Impulsvortrag wurde die Dresdnerin Claudia Muntschick gewonnen. Seit Jahren schon knüpft sie über das sächsische Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft Netzwerke von Leuten mit Ideen. Zumeist erfolgreich in größeren Städten, aber auch hier könne das durchaus funktionieren. Die Stadtwerkstatt hat seit Sommer einige interessante Veranstaltungen auf die Beine gestellt, die vor allem dem Erfahrungsaustausch mit anderen Kommunen dienten. Zum Beispiel zu der Frage: „Wie kann man die Bürgermitsprache so organisieren, dass sie am Ende auch funktioniert?“ Vielleicht bringt 2018 die Erleuchtung auch für Kamenz?

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