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Freitag, 29.12.2017

Ein echter Glücksfall

Pia Heintze ist mit 17 die Torjägerin bei den Hockey-Damen des ESV. Soziale Medien meidet sie, weil sie Besseres zu tun hat.

Von Alexander Hiller

Pia Heintze im Herzen ihrer Heimatstadt – die sie im kommenden Sommer für knapp ein Jahr verlassen wird. Vorher will sie den ESV noch zum Klassenerhalt schießen.
Pia Heintze im Herzen ihrer Heimatstadt – die sie im kommenden Sommer für knapp ein Jahr verlassen wird. Vorher will sie den ESV noch zum Klassenerhalt schießen.

© Robert Michael

Die selbstbewusste junge Frau mag diese Einordnung als hochgestochen empfinden. Aber Pia Heintze ist derzeit so etwas wie die Versicherung gegen den Abstieg für die Hockey-Damen des ESV Dresden. Das Team aus der Friedrichstadt schaffte in diesem Jahr als Meister der Hallen-Oberliga den Aufstieg in die Regionalliga. Unter dem Dach die zweithöchste Hockeyspielklasse in Deutschland – unter der viergleisigen Bundesliga. Nach sieben von 14 Spieltagen überwintert der Neuling sensationell mit 13 Punkten auf dem dritten Tabellenplatz. Damit steuern die Hockeyfrauen auf das beste Abschneiden seit 60 Jahren zu. 1957 und 1958 wurden die ESV-Frauen DDR-Vizemeister in der Halle.

Der unverhoffte Aufschwung ist auch ein Verdienst der 17-jährigen Heintze. Die gebürtige Dresdnerin spielt als Stürmerin erfrischend frech auf, erzielte bislang elf der insgesamt 26 ESV-Treffer. „Vor der Saison hat das niemand so erwartet, gerade weil wir auf dem Feld wieder aus der Regionalliga abgestiegen sind. Uns war klar, dass wir etwas holen können. Dass es so gut läuft, hat niemand gedacht“, erklärt der treffsichere Teenager. Heintze spielt eigentlich nur deshalb bereits bei den Frauen, weil es in ihrer Altersklasse in Mitteldeutschland gar keinen organisierten Ligenbetrieb gibt – mangels Masse an regionalen Hockeytalenten.

Heintze ist jedoch keine, die sich selbst in die erste Reihe drängeln würde. Sie tut eben einfach nur das, was sie bereits erstaunlich ordentlich kann: den Kunststoffball mit großer Präzision im Tor unterbringen. „Im Moment bin ich die Stürmerin, die ganz vorn steht. Deshalb habe ich gute Chancen, Bälle abzufangen und das Ding reinzudrücken“, sagt sie. Das klingt in der Theorie ziemlich simpel, verlangt in der Realität aber enorme Reaktionsschnelligkeit, das Vermögen, Situationen vorausschauend beurteilen zu können und das, was man im Fußballjargon einen Torriecher nennen würde. Zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle zu stehen. „Dazu braucht man auch ein Quäntchen Glück – und ein richtig gutes Team, das genau dann den Pass liefert, wenn man ihn braucht“, sagt die Torjägerin.

Torgarant: Mut zum Risiko

Heintze ist beim ESV als Schützin für Strafecken eingeteilt – eine besonders gefährliche Standardsituation im Hockey, der eine Regelwidrigkeit der verteidigenden Mannschaft vorausgeht. „Ich habe vorne die Möglichkeit, mit viel Risiko zu arbeiten. Als Verteidiger könnte ich so nicht arbeiten“, erklärt Pia Heintze. Hinten würde sich ein Fehler sofort rächen. Das weiß die zierliche Abiturientin nur zu gut – als Verteidigerin hat sie vor neun Jahren mal mit dem Hockey angefangen. Heute lebt ihre Torgefährlichkeit von der Unerschrockenheit, sich an körperlich überlegenen Gegenspielerinnen einfach vorbeizuschlängeln. Dazu gehört Mut. Den könnte man Pia Heintze auch für ihr Leben außerhalb der begrenzten Hockeywelt unterstellen.

Soziale Medien meidet sie. Facebook, Instagram, Snapchat – das Hockeytalent ist nirgends angemeldet. Es mag Menschen geben, die Pia Heintze deshalb für eine Außenseiterin halten. Im Gespräch wirkt sie allerdings aufgeweckt, nachdenklich, neugierig, redegewandt und charmant. „Ich bin bei WhatsApp und habe einen E-Mail-Account – das reicht mir“, sagt sie und findet für ihre Aversion eine ziemlich einleuchtende Begründung. „Das frisst viel Zeit, worüber man sich im Nachhinein ärgert. Ich sehe das nicht als Bereicherung. Deshalb bringe ich mich lieber da ein, wo ich sehe, dass es sinnvoll ist“.

Zum Beispiel als ehrenamtliche Trainerin der elf- und zwölfjährigen B-Knaben des Vereins. Die betreut sie zweimal die Woche gemeinsam mit Herrenspieler Timo Land. „Ich mache das super gerne, ich brauche Aktivitäten am Nachmittag. Wenn der nicht ausgefüllt ist, habe ich das Gefühl, dass ich Lebenszeit vergeude. Unsere Trainer arbeiten ja auch nur ehrenamtlich, da kann man auch etwas zurückgeben“, stellt sie fest. Kurzum, diese junge Dame ist ein echter Glücksfall für den Verein, dem sie seit neun Jahren angehört – und das auf und neben dem Platz. Doch auch Glück ist endlich.

Abschied auf Zeit durch FSJ-Jahr

Denn Pia Heintze hat Pläne, die sie aus ihrer Heimatstadt wegführen und für den ESV nicht auf den ersten Blick vorteilhaft erscheinen. Die Torjägerin zieht es nach Duisburg. Der dort beheimatete Club Raffelberg zählt in Sachen Hockey vor allem in der Jugendarbeit zu den Schwergewichten in Deutschland. Nach ihrem Abitur absolviert Pia ab 1. September 2018 ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) beim Club Raffelberg. „Wenn ich nicht gut genug für die erste Frauenmannschaft bin, wovon ich ausgehe, könnte ich dort in der Jugendaltersklasse spielen. Da muss ich mir alles neu erarbeiten, mich neu orientieren. Dort habe ich keinen Bonus“, erklärt sie und klingt dabei nicht so, als würde sie das bedauern.

„Ich trainiere dort eine Kindermannschaft, bin in das Vereinsleben eingebunden“, verdeutlicht sie mit leuchtenden Augen. Wahrscheinlich kann sie am Hockey-Leistungszentrum in Nordrhein-Westfalen unschätzbare Erfahrungen sammeln. „Dort wird Hockey anders gefördert und leistungsorientierter gearbeitet“. Physiotherapeuten, Videoauswertung, hauptamtliche Trainer: Davon träumt Dresdens übersichtliche Hockeyszene. Die Stadt und den ESV wird sie natürlich vermissen – der Klub ist ihr wie eine zweite Familie ans Herz gewachsen. „Nach Dresden sind alle Türen offen, das weiß ich“. Wen wundert’s.

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