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Donnerstag, 09.02.2017

Ein Boxdorfer und sein Rennwagen

An dem Prototyp hängt ein schwerer Schicksalsschlag. Darum ist das Auto für Helmut Tschernoster zur besonderen Mission geworden.

Von Ulrike Keller

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Superschneller Oldtimer: Ab 2004 fuhr der von Helmut Tschernoster entwickelte Spider Dutzende Preise ein. Vor der Wende war ihm eine Pole-Position trotz seiner modernen Bauweise nicht beschert.
Superschneller Oldtimer: Ab 2004 fuhr der von Helmut Tschernoster entwickelte Spider Dutzende Preise ein. Vor der Wende war ihm eine Pole-Position trotz seiner modernen Bauweise nicht beschert.

© Ulrike Keller

Bevor der Prototyp zeigen konnte, was in ihm steckt, wurde 1980 im DDR-Rennsport jene Wettbewerbsklasse abgeschafft, in der die Spider-Modelle starteten.
Bevor der Prototyp zeigen konnte, was in ihm steckt, wurde 1980 im DDR-Rennsport jene Wettbewerbsklasse abgeschafft, in der die Spider-Modelle starteten.

© Ulrike Keller

Boxdorf. Die Garagenwände scheinen sich nach außen zu wölben, als Helmut Tschernoster den Motor röhren lässt. Was sich hier an Kraft versammelt, ist schon im parkenden Modus erahnbar. Der Unruheständler aus Boxdorf besitzt einen Rennsportwagen. Den letzten, der in der DDR gebaut wurde. Von ihm selbst entwickelt. „Ich bin ein bisschen zu spät gekommen“, sagt der 83-Jährige und lächelt. Zu spät gekommen mit seinem TR Spider, wie das Unikat heißt. Als Spider bezeichnet der Motorsport offene Zweisitzer. Das „T“ steht für Tschernoster, das „R“ für Reinhardt, der maßgeblich an dem Projekt beteiligt war.

Die Geschichte beginnt Anfang der 1970er-Jahre. Zu dieser Zeit ist Helmut Tschernoster bereits seit 15 Jahren als Ingenieur in der Entwicklungsabteilung der Flugzeugwerke in Dresden tätig. Über die Jahre hat er einiges an Wissen bekommen auf dem Gebiet der Aerodynamik, Statik und Wertstoffkunde. Know-how, das sich ebenso bei der Konstruktion eines Rennwagens anwenden lässt. Eine Weile hat er Ulli Melkus beim Tüfteln über die Schulter geschaut. Nun will er es selbst angehen. „Ich war beruflich voll eingebunden“, erzählt Helmut Tschernoster. „Aber ich hatte große Lust darauf, meine Kenntnisse und Ideen umzusetzen.“

Vier Jahre ordnet er diesem Ziel alles Private unter. Von 1972 bis 1976 entwirft er das komplette Fahrzeug, inklusive sämtlicher Bauteile. Und gemeinsam mit seinem Mitstreiter Georg Reinhardt baut er alles im vogtländischen Reichenbach zusammen. Wochenende für Wochenende schweißen, nieten und schrauben sich die beiden jungen Enthusiasten ihrem Traum vom eigenen Prototypen ein Stück näher.

Dass es ein Spider sein muss, steht für Helmut Tschernoster außer Frage. Er orientiert sich an den fortschrittlichen und international wettbewerbsfähigen tschechischen Modellen. Und optimiert das vorhandene Know-how noch weiter. „Die tschechischen Fahrzeuge bestanden aus einem Rohrgerüst“, erzählt er. „Wir haben den DDR-weit ersten Wagen als Monocoque gebaut. Damit war er noch verwindungssteifer und leichter.“

Seine Streckenpremiere erlebt der TR Spider 1976 beim Bergrennen in Aue. „Aber da haben wir nur geguckt, ob er fährt“, verrät Helmut Tschernoster. Im Jahr darauf dann die Feuertaufe beim ersten Auslandsrennen in der CSSR. Ans Steuer seines Boliden zieht es den Entwickler allerdings nie. Zu dieser Zeit steigt Helga Heinrich ins Cockpit.

Von technischer Seite ist an Pokale noch nicht zu denken. „Wir hatten einen zahmen Motor von Dacia drin, der nicht leistungsfähig war“, erzählt der Fachmann. Die 63 PS genügen beim besten Willen nicht den Anforderungen im Rennsport. Doch alle verbauten Teile, so lautet die Vorschrift, müssen aus sozialistischen Ländern stammen. Eine Lösung scheint kurz darauf in Form des Alpine-Renault-Motors gefunden, der in Bulgarien hergestellt wird.

„120 PS – das war eine andere Liga“, schwärmt Helmut Tschernoster. Voller Enthusiasmus stürzt er sich in die weitere Überarbeitung des Wagens. Aber 1980 passiert, was keiner für möglich gehalten hat: Im DDR-Rennsport wird jene Wettbewerbsklasse abgeschafft, in der die Spider antreten.

Helmut Tschernoster stellt den Flitzer in einem Schuppen unter und vergisst ihn dort über die Jahre. Erst in den 1990ern wird er wieder daran erinnert. Durch Dritte, die sich als Kaufinteressenten melden. Sohn Jan, ein Autonarr vor dem Herrn und von Beruf Kfz-Mechaniker, wird neugierig. Er besteht darauf, dieses Einzelstück in der Familie zu behalten. Ab 2001 machen sich Vater und Sohn mit vereinten Kräften an die Restaurierung des Unikats. Sie bauen es ganz überwiegend aus Originalteilen neu auf.

Ein Projekt von drei Jahren. Zum 26. Geburtstag übergibt Helmut Tschernoster das Schmuckstück an seinen Sohn. Renntüchtig, superschnell. Als äußerst talentierter Motorsportpilot lässt dieser den TR Spider endlich zeigen, was in ihm steckt. Auf der Rennstrecke vollendet er das Werk seines Vaters. Rund 50 Mal startet er im historischen Motorsport und fährt Dutzende Siegermedaillen ein. Zehn Jahre lang. Bis er an Krebs erkrankt und viel zu jung stirbt. Sein letzter Wunsch ist, dass das Fahrzeug nie verkauft werden darf, sondern als ein Stück Geschichte lediglich vererbt werden kann. An diesen Willen hält sich die Familie.

Der Rennwagen bleibt etliche Jahre in der Garage. Doch Helmut Tschernoster findet in dem Auto den einzigen Weg, die Erinnerung an seinen Jungen wachzuhalten. Vergangenes Jahr lässt er erstmals einen Freund der Familie am Steuer Platz nehmen: für eine kurze Fahrt beim Oberlausitzer Dreieck-Rennen. „Das ist im historischen Rennsport die Veranstaltung mit dem höchsten Niveau“, erklärt er als Mitglied des dortigen Organisationsteams.

Zudem ruft er einen Preis ins Leben für Menschen, die sich um die qualitative Weiterentwicklung des historischen Motorsports verdient gemacht haben. Genau das war die Passion seines Sohnes. Und damit soll sein Name verbunden bleiben. Darum wird der Pokal nun einmal im Jahr „in Gedenken an Jan Tschernoster“ gestiftet. Die kniehohe Skulptur aus Acrylglas zeigt zwei Hände, die den TR Spider halten. Entworfen natürlich von Helmut Tschernoster.