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Samstag, 20.05.2017

Ein bisschen traurig

Die deutsche Eishockey-Auswahl macht bei der Heim-WM einen Sprung, aber es wäre sogar mehr drin gewesen.

Von Sven Geisler, Köln

Den Kopf hängenlassen oder schon nach vorn schauen? Patrick Hager, Moritz Müller, Leon Draisaitl und Dominik Kahun sind (v. l.) nach dem Aus bei der Heim-WM enttäuscht.
Den Kopf hängenlassen oder schon nach vorn schauen? Patrick Hager, Moritz Müller, Leon Draisaitl und Dominik Kahun sind (v. l.) nach dem Aus bei der Heim-WM enttäuscht.

© Hübner

Es bleibt ein Traum. „Ich wäre auch gern mal Weltmeister“, sagt Christian Ehrhoff ein bisschen bockig. Der Kapitän der deutschen Eishockey-Auswahl meint das durchaus ernst, auch wenn er weiß, dass zu den Top-Nationen mehr fehlt, als es das Ergebnis im Viertelfinale ausdrückt. Nur mit 1:2 haben sie gegen Titelverteidiger Kanada verloren, einen Gegner, der von vornherein übermächtig erschien. Das war wohl auch ihr Problem. „Wir hatten vielleicht zu viel und zu lange Respekt“, analysiert Bundestrainer Marco Sturm.

Es grenzt an ein Wunder, dass es nach zwei Dritteln nur 0:2 steht, wofür vor allem einer sorgt: Philipp Grubauer. Ob spektakuläre Reflexe oder sichere Fangkünste, der 25 Jahre alte Bayer zeigt alles, was ein Torwart braucht, um eine unterlegene Mannschaft im Spiel zu halten. Oder wie es Sturm sagt: „Er hat uns die Chance gegeben, dieses Spiel gewinnen zu können.“ Doch nach dem Anschlusstreffer von Yannic Seidenberg spielen die Kanadier die Partie routiniert runter. Der Unterschied liegt in der individuellen Klasse. „Es gibt schon einen Grund, warum sie alle drüben spielen und nicht irgendwo in Europa“, sagt Grubauer, der selber in Washington in der nordamerikanischen Liga NHL spielt.

Das deutsche Team setzt sein WM-Motto dagegen: Leidenschaft, Willen, Stolz. „Das haben sie in jedem Spiel gebracht“, sagt Sturm. „Das macht mich als Trainer stolz.“ Mit dem Einzug ins Viertelfinale war das Minimalziel erreicht und realistisch nicht mehr drin. Dafür hätte alles passen müssen, aber einiges ist gegen sie gelaufen.

Grubauer bringt nichts aus der Ruhe

Mit Tobias Rieder fiel ein NHL-Spieler verletzt aus, zudem ging es für die deutschen Stars in Amerika in den Play-offs über sieben Spiele. Leon Draisaitl und Grubauer stießen erst spät zum Team. „Ich bin dankbar, dass sie gekommen sind, das werden wir ihnen nie vergessen“, sagt Sturm.

Auch wenn Draisaitl nach einer kraftraubenden Saison die ohnehin für einen Einzelnen zu hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen konnte, hat er der Mannschaft mehr Vertrauen gegeben. Grubauer erwies sich als Verstärkung auf der Schlüsselposition. „Hier herzukommen und reingeschmissen zu werden, da muss man schon Nerven haben“ , meint Sturm.

Und wer den Keeper anschließend in der Mixed-Zone im Gespräch mit der Journalistentraube hört, ist endgültig überzeugt, dass einen Grubauer nichts aus der Ruhe bringt. „Es ist nun mal mein Job, die Scheiben zu halten, egal, wie viele aufs Tor kommen“, sagt er. Schwieriger seien die Spiele, in denen nur zehn, fünfzehn Pucks kommen. Andererseits steige mit jedem Schuss mehr die Gefahr, dass mal einer reinrutscht. Wie beim 0:2, als auch er prallen lassen musste. „Das ärgert mich schon a bisserl“, meint er im bayerischen Dialekt.

Überhaupt hadert auch Grubauer mit dem Ausscheiden, das zwar zu erwarten, dann aber doch irgendwie unnötig war. „Wir haben uns selbst ein bisschen in den Fuß geschossen mit den Strafzeiten und ein paar Unstimmigkeiten.“ Deshalb sei er schon enttäuscht. Trotzdem dürfte der Ärger relativ schnell verflogen sein beim Bier danach in der Stadt. Der Rückblick auf diese Heim-WM fällt aus sportlicher Sicht positiv aus. Das deutsche Team ist nicht nur unter die besten acht der Welt gekommen, sondern auch auf Platz acht der internationalen Rangliste geklettert – zum ersten Mal seit 2011. Als Sturm im Sommer 2015 sein Amt antrat, stand man auf Rang 14.

Diesen Aufstieg bezeichnet Franz Reindl, der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes, als „kometenhaft“ und „sensationell“. Das ist eine angemessene Einschätzung angesichts der Leistungsdichte. Anders als nach der Heim-WM vor sieben Jahren, als personelle Querelen im Verband hinterher den Schwung nahmen, scheinen die Verhältnisse jetzt stabil zu sein. Im Sommer, spätestens im Herbst will Reindl mit dem Bundestrainer reden, dessen Vertrag derzeit bis Juni 2018 gilt, also über die Olympischen Winterspiele und die WM im nächsten Jahr hinaus. „Da gibt es gar keinen Zweifel, dass wir mit ihm verlängern wollen.“

Für den Gastgeber ist die Heim-WM vorbei. Ehrhoff wird also nicht Weltmeister, erfolgreich waren der Kapitän und seine Mannschaft trotzdem.

TV-Tipp: Sport1 überträgt am Sonnabend die beiden Halbfinalduelle (15.15 Uhr: Kanada – Russland, 19.15 Uhr: Finnland – Schweden) sowie am Sonntag die Partie um Bronze ab 16.15 Uhr und das Endspiel ab 20.45 Uhr live.

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