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Donnerstag, 10.08.2017

Eier-Skandal: Manager festgenommen

Zeigen die Ermittlungen zum Eier-Skandal endlich Ergebnisse? Fahnder durchsuchten jetzt Gebäude in Belgien und den Niederlanden und nahmen zwei Männer fest. Zugleich muss Großbritannien einräumen, dass es stärker betroffen ist als bislang erwartet.

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Millionen Eier wurden in Belgien, den Niederlanden und Deutschland aus dem Handel genommen, nachdem eine Belastung mit dem Pflanzenschutzmittel Fipronil festgestellt wurde.
Millionen Eier wurden in Belgien, den Niederlanden und Deutschland aus dem Handel genommen, nachdem eine Belastung mit dem Pflanzenschutzmittel Fipronil festgestellt wurde.

© Symbolbild: dpa

Brüssel/Amsterdam. Im Skandal um mit Fipronil belastete Eier haben Ermittler in den Niederlanden zwei Manager festgenommen. Nach Angaben der niederländischen Staatsanwaltschaft handelt es sich um Führungskräfte des Unternehmens ChickFriend, das im Zentrum des Falls steht.

Die Männer stehen unter Verdacht, bei der Säuberung von Hühnerställen bewusst das Insektengift Fipronil eingesetzt zu haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen eine Gefährdung der öffentlichen Gesundheit sowie der Besitz verbotener Substanzen vor. ChickFriend schweigt seit Tagen zu den Vorwürfen.

Die Festnahmen erfolgten nach Angaben der Ermittler im Zuge einer koordinierten Razzia in den Niederlanden und Belgien. Bei ihr wurden neben den Wohnungen der beiden Männer in der Nähe von Utrecht auch Büros von zwei anderen Unternehmen durchsucht, die als Zulieferer in den Eier-Skandal verwickelt gewesen sein sollen. Dabei wurden auch Bankunterlagen und Computer beschlagnahmt.

Alle rund 180 niederländischen Eierproduzenten, bei denen mit Fipronil belastete Eier gefunden wurden, waren den bisherigen Erkenntnissen zufolge Kunden von ChickFriend. Das in der Geflügelzucht verbotene Fipronil wurde vor allem zur Bekämpfung der für Legehennen gefährlichen Blutlaus eingesetzt.

ChickFriend soll fipronilhaltige Reinigungsmittel von einem belgischen Hersteller erhalten haben, der seine Produkte auch an Betriebe in Belgien und Deutschland verkaufte. Unklar ist bislang, ob alle Abnehmer wussten, dass es Fipronil enthielt.

Im Zuge des Skandals wurden Millionen Eier aus den Regalen von Supermärkten genommen und vernichtet. Betroffen sind neben Deutschland, den Niederlanden und Belgien auch Länder wie die Schweiz, Schweden und Großbritannien.

Die Behörde für Lebensmittelsicherheit in London teilte am Donnerstag mit, dass vermutlich rund 700 000 mit Fipronil belastete Eier ins Vereinigte Königreich gelangt seien. In ersten Schätzungen waren die Experten noch von lediglich 21 000 Eiern ausgegangen.

Auf politischer Ebene gibt es unterdessen weiter Streit darüber, wer die Verantwortung dafür trägt, dass die Verbraucher erst Wochen nach der Entdeckung der ersten mit Fipronil belasteten Eier gewarnt wurden. Grund dafür sind vor allem Angaben der bislang vielkritisierten belgischen Behörden. Ihnen zufolge hatten auch die Niederlande und die EU-Kommission bereits seit längerem Hinweise auf einen möglichen Skandal.

So musste die EU-Kommission am Mittwochabend einräumen, dass Belgien schon am 6. Juli Informationen über Fipronil-Funde in eine EU-Plattform eingespeist hatte, um die Niederlande zu einer Kooperation bei Nachforschungen zum Thema zu bewegen. Die niederländische Behörde für Lebensmittelsicherheit (NVWA) bestätigte, dass es bereits 2016 einen anonymen Hinweis auf den Einsatz des Insektengifts bei der Reinigung von Ställen gab.

Beide Seiten wiesen Vorwürfe der Tatenlosigkeit allerdings zurück. Die EU-Kommission erklärte, die von Belgien genutzte EU-Plattform werde von ihr lediglich technisch überwacht. Die niederländische NVWA teilte mit, sie bekomme jedes Jahr Hunderte von Tipps über vermutete Unregelmäßigkeiten und es habe damals keine Hinweise auf ein akutes Risiko für die Lebensmittelsicherheit gegeben.

Ein Sprecher der EU-Kommission kritisierte zudem die aktuelle Diskussion über mögliche Versäumnisse in der Vergangenheit. „Es ist jetzt nicht der Moment für gegenseitige Schuldzuweisungen“, sagte er. Die Bürger erwarteten entschiedenes, abgestimmtes und transparentes Handeln aller Beteiligten. Dafür seien in erster Linie die Mitgliedstaaten verantwortlich. Die Kommission werde weiterhin alles dafür tun, sie zu unterstützen und stehe auch bereit, mit den Mitgliedstaaten über mögliche Verbesserungen der aktuellen Warnsysteme zu diskutieren.

Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer hatte sich zuvor für eine intensivere Lebensmittelüberwachung durch die EU ausgesprochen. „Ich fordere eine EU-Task-Force mit Kontrollkompetenzen auf europäischer Ebene zum Schutz der Verbraucherinnen und Verbraucher“, sagte der Grünen-Politiker der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Donnerstag).

Ähnlich äußerte sich der Deutsche Bauernverband. Das europäische Schnellwarnsystem müsse besser funktionieren, sagte der stellvertretende Generalsekretär Udo Hemmerling den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Die betroffenen Hühnerhalter werden laut Hemmerling Schadenersatzansprüche gegen die Verursacher stellen müssen, „die das Fipronil verbotenerweise unter das aus ätherischen, pflanzlichen Ölen bestehende Desinfektionsmittel gepanscht haben“.

Die Vorsitzende des Bundesverbandes der Lebensmittelkontrolleure, Anja Tittes, räumte ein, dass es auch in Deutschland Verbesserungsbedarf gebe. Wegen chronischen Personalmangels würden die rund 2500 Kontrolleure „nicht einmal 50 Prozent der risikoorientierten Kontrollen, die wir durchführen müssten, bewältigen“, sagte sie der „Wirtschaftswoche“. Es fehlten 1 200 bis 1 500 Mitarbeiter. (dpa)

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Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Hardy6712

    Aus zuverlässiger Quelle habe ich erfahren, das die holländischen und belgischen Hühner kommende Woche ein Update bekommen sollen, wonach die Schadstoffe in den Eiern um bis zu 90 % gesenkt werden könnten. Danach können sie auch wieder bedenkenlos in der sächsischen Eierschecke Verwendung finden

  2. Realist

    Meiner Ansicht nach ist das Schweigen der belgischen Behörden, trotz bekannt gewordener Gesundheitsgefährdung, der größte Skandal. Die Warnung vor einer Gefährdung hätte - meiner Ansicht nach - sofort nach Bekanntwerden veröffentlich werden müssen. Wer wird hierfür zur Rechenschaft gezogen? Wir "normalen Mitbürger" werden für Körperverletzung, Fahrerflucht, unterlassene Hilfeleistung, Gefährdung andere, fahrlässige Verletzungen, etc., etc. sofort mit dem Strafgericht konfrontiert. Wie ist das bei den belgischen Behörden???

  3. ZweierleiMaß

    Sowohl die belgischen, als auch europäischen, als auch die deutschen Lebensmittelkontrollbehörden haben stark verzögert reagiert. Schon Mitte Mai 2017 war das Problem entdeckt worden. Hätten wir jetzt bereits CETA verwirklicht, wären die Lebensmittelskandale und der Dieselbetrug eher vertuschbar oder über private Schiedsgerichte der öffentlichen Kontrolle ganz oder teilweise entzogen worden. CETA ist eine enorme Gefahr für Sicherheit der Bürger und die Demokratie. Am konsequentesten haben die Lebensmitteldiscounter reagiert! Selbst die Bauernverbände waren skrupellos. Kein Wunder, wenn Politiker, Besitzer bäuerlicher Großbetriebe sind und Tierschutzorganisationen, massivste Tierverletzungen dort festgestellt haben. Die toxikologische Bewertung der neu zusammengesetzten Substanz, bestehend aus einem Desinfektionsmittel und einem Insektizid müßte dringend erfolgen. Natürlich müßten die Verursacher hierfür gewaltigen Schadensersatz leisten und Haftstrafen antreten(s.LIDL-Erpresser).

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